Arbeitsplätze 24.04.2009, 19:40 Uhr

Transfergesellschaften sollen die drohende Arbeitslosigkeit verhindern  

Die Finanzkrise ist bei den kleinen und mittleren Betrieben angekommen. Im März ist das Mittelstandsbarometer der KfW-Bankengruppe und des ifo-Instituts erneut gesunken. Positiv denkende Unternehmen setzen auf Kurzarbeit. Wer einen längeren Einbruch befürchtet, verschiebt Teile seiner Belegschaft lieber in eine Transfergesellschaft. VDI nachrichten, Wiesbaden, 24. 4. 09, Fr

In den meisten Unternehmen wird der Plan T bis zuletzt wie eine geheime Kommandosache behandelt. Bevor die Betriebsvereinbarung unterschrieben ist, will man die Mitarbeiter nicht in Unruhe versetzen, heißt die Begründung. Durchaus zu Recht. Denn wenn erst der Begriff Transfergesellschaft in den Köpfen der Mitarbeiter angekommen ist, setzt das große Rätselraten ein. Wen trifft es? Wann trifft es? Und welche finanziellen Zugeständnisse an die betroffenen Mitarbeiter hat der Betriebsrat dem notleidenden Unternehmen dafür abringen können?

Dutzende von Unternehmen haben den Plan T schon hinter sich: AEG, Opel, BenQ, Linde, Walmart, Volkswagen, Bosch-Siemens-Hausgeräte, Nokia, der Autozulieferer Phoenix, die Deutsche Telekom, Infineon, Qimonda, um nur ein paar prominente Beispiele zu nennen. Aber auch Betriebe mit gerade mal 50 oder 100 Mitarbeitern machen dem Vernehmen nach immer häufiger von diesem Instrument Gebrauch.

Außer der Bundesagentur für Arbeit kennt derzeit niemand die Zahl der Transfergesellschaften in Deutschland. Insider werfen diverse Hausnummern in den Ring: 200, 500, es können aber auch drei- oder viermal so viele sein. Ebenso wenig bekannt ist, wie viele Arbeitnehmer diese Übergangsfirmen im Augenblick unter Vertrag haben. Den Überblick hat nur die Nürnberger Behörde, und die wird sich hüten, das hinauszuposaunen. Denn de facto sind diese Menschen derzeit ohne Beschäftigung. Das würde der Erwerbslosenstatistik nicht gut zu Gesicht stehen.

Europäischer Sozialfonds hilft Transfergesellschaften mit viel Geld für Weiterbildung

Auch bei welcher Transfergesellschaft die überzähligen Mitarbeiter untergekommen sind, wird nur den Betroffenen mitgeteilt. „Niemand hat Interesse, das an die große Glocke zu hängen“, erklärt Constantin von Rundstedt. Zum einen stünde die Transfergesellschaft im negativen Ruf einer Verwahranstalt. Zum anderen sei das „ein sehr stark von den Gewerkschaften geprägtes Feld“, formuliert der Leiter der Rundstedt Transfer GmbH in Berlin, einer Tochtergesellschaft des Düsseldorfer Personaldienstleisters, der mit Outplacementleistungen bekannt geworden ist.

Attraktiv wird die Transfergesellschaft für die Unternehmen, weil die üblichen Kündigungsfristen entfallen und damit die Lohnkosten rasch sinken. Die transferierten Arbeitnehmer gewinnen unter dem Strich ein Jahr mehr Zeit, bevor sie mit Hartz IV rechnen müssen. Das liegt auch im Interesse der Gewerkschaften.

Hinzu kommt aber noch etwas. Da die Transfergesellschaften zur Finanzierung ihrer Qualifizierungsaufgaben mit Mitteln aus dem Europäischen Sozialfonds gefördert werden, verfügen sie über hohe Weiterbildungsbudgets: Vom früheren Arbeitgeber und aus den öffentlichen Töpfen erhalten die Transfergesellschaften einmalig zwischen 3500 € und 5000 € pro Mitarbeiter. Die Betriebsräte machen sich natürlich für die gewerkschaftsnahen Gesellschaften stark, was von Rundstedt und anderen Anbietern ein Dorn im Auge ist. „Erst streikt die Gewerkschaft für die bessere Finanzausstattung der Transfergesellschaft und nachher greift sie das Geld dann selbst ab“, zitierte die Zeit unlängst den Betreiber einer Berliner Transfergesellschaft.

Das verleiht der Sache mitunter einen unangenehmen Beigeschmack. Immerhin bestimmt der Betriebsrat bei der Auswahl einer Transfergesellschaft mit, und die Anbieter des Sicherheitsnetzes bekommen eine ganze Menge Geld für Leistungen, die – auf dem Papier von der Arbeitsagentur abgenickt – später kaum mehr zu kontrollieren sind. Weiterbildung ist ein elastischer Begriff. Er umfasst ebenso den Lehrgang in Six Sigma wie den Gabelstaplerführerschein. Und welcher Arbeitgeber weiß schon, wie die Unterstützung bei der Jobvermittlung konkret aussieht? Bringen die Helfer gerade mal den Lebenslauf in Form oder geben sie konkrete Tipps, wo sich eine Bewerbung lohnen könne?

Bei Unternehmen, die sich nach einem größeren Personalabbau neu am Markt formieren wollen, kann solche Kritik nachhaltige und höchst unerwünschte Wirkung zeitigen. Deshalb darf man sich die Auswahl einer Transfergesellschaft nicht zu einfach machen. Jedenfalls dann nicht, wenn man vorhat, nach überstandener Durststrecke neue Fach- und Führungskräfte anzuheuern.

„Viele Unternehmen wollen sich neu aufstellen und müssen deshalb Personal abbauen“, fasst Constantin von Rundstedt seinen Eindruck aus den Meetings in der jüngsten Zeit zusammen. Rundstedt Transfer hat im letzten Jahr rund 2300 von mehreren Betrieben freigesetzte Mitarbeiter aufgenommen und betreut. Damit ist freilich noch nichts über die Erfolgsquote bei der Weitervermittlung gesagt. „Wir können auch keine neuen Jobs backen“, räumt von Rundstedt ein. CHRISTINE DEMMER

Ein Beitrag von:

  • Christine Demmer

    Christine Demmer hat als Wirtschaftsjournalistin für überregionale Tageszeitungen und Magazine gearbeitet. Sie ist Managementcoach und Kommunikationsberaterin sowie Autorin von Sachbüchern zum Thema Karriere.

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