Karriere 10.03.2000, 17:24 Uhr

Stück für Stück an der beruflichen Karriere feilen

Viele Lebensläufe gleichen immer mehr einem Patchworkteppich. Vor ein paar Jahren hätte jeder Personalchef angesichts einer solchen Vita die Nase gerümpft. Heute lächelt er und lädt den Bewerber höchstwahrscheinlich ein. Das sagen zumindest einige Experten.

Hans-Gerd Möhlenkamp (38) hat in seinem Leben schon vieles gemacht: Dem Studium der Agrarwissenschaften folgten Auslandsaufenthalte, Jobs und ein Aufbaustudium. Zurzeit arbeitet der Agaringenieur in Projekten – ein Jahr hier, ein Jahr dort. Dennoch gibt es einen roten Faden, der sich durch seine Berufsbiographie zieht: Sprachbegabung und Teamfähigkeit.
Viele Lebensläufe gleichen einem Flickenteppich aus Studium, Beruf, Auslandsaufenthalten oder Zeiten, die man mit Praktika, Jobs oder freiwilligen Tätigkeiten überbrückt hat. Nicht immer gewollt, sondern oft eben den Erfordernissen des Arbeitsmarktes angepasst. „Während die Konturen traditioneller Berufsbilder verschwimmen, hat ein Drittel der Erwerbstätigen den Beruf mindestens einmal gewechselt“, heißt es in einer Studie der Akademie für Technikfolgenabschätzung. Und der Soziologe Michael Corsten vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung stellt fest: „Etwa 40 % bis 50 % derjenigen, die über eine berufliche Erstqualifikation verfügen, ergreifen rund zehn Jahre nach ihrem Abschluss eine Beschäftigung in einem anderen Tätigkeitsfeld“.
Sich eine Karriere aus vielen kleinen Steinchen zu bauen, das werde immer wichtiger, meint Axel Bolder vom Berufsforschungsinstitut in Köln. „Offenheit, Internationalität und Flexibilität sind die Schlüsselqualifikationen, auf die es immer mehr ankommt. Das ist für den einzelnen nicht unbedingt positiv zu werten, aber erforderlich, um am Arbeitsmarkt bestehen zu können.“ Dabei scheint Patchworking gar keine so neue Entwicklung zu sein: „Die Normalbiographie hat es so eigentlich nie gegeben“, ist Bolder überzeugt. „Schon immer war es eine Anhäufung von Qualifikationen, die einen beruflichen Felderwechsel leicht gemacht hat, das galt in der Medizin ebenso wie in der Technik oder im Management.“
Helen Dietrich Fuhs, Geschäftsführerin des Kuratoriums der deutschen Wirtschaft für Berufsbildung, glaubt, dass für viele Hochschulabsolventen der Abschluss immer schon die bloße Eintrittskarte ins Berufsleben gewesen sei – ein Berufsleben, das dann häufig ganz andere Qualifikationen abverlangte. Neu jedoch, so der Berufsforscher Axel Bolder, sei die Quantität dieser Entwicklung: Patchworking zieht sich durch alle Bereiche des Arbeitslebens. Da ist der Bundesaußenminister, der einst als Taxifahrer gejobbt hat, ein gar nicht mal untypisches Beispiel.
Prof. Winfried Schlaffke, Geschäftsführer des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln, spricht sogar von einer „Brasilianisierung des Berufslebens“: „Patchworking ist der Trend der Zukunft. Wir müssen einfach flexibler werden, wenn uns die Arbeit nicht ausgehen soll.“ Um die Kernkompetenzen, die man in einem Beruf erwirbt, müsse man zusätzliche Felder erschließen und wie im Baukastensystem Stein um Stein zusammensetzen, damit man vielfältig einsetzbar ist.
In kleinen und mittleren Betrieben sei es von jeher üblich, dass Mitarbeiter flexibel eingesetzt werden, weil sie mal diese und mal jene Aufgabe übernehmen müssen, und auch Großbetriebe gehen nach Ansicht von Schlaffke dazu über, mehr Wert auf die fachliche Flexibilität ihres Personals zu legen. Dabei seien jedoch Basisqualifikationen unverzichtbar: Universitäre und berufliche Ausbildung sind nach wie vor die Basisbausteine: Wer zusätzliche Kompetenzen im Sinne von Kenntnis fremder Sprachen und Kulturen durch Auslandsaufenthalte hat, Umgang mit Informationstechnologien und „soft skills“ in Form von Teamfähigkeit, Kommunikationsfähigkeit und Problemlösekompetenzen zusätzlich erwirbt – zum Beispiel dadurch, dass er in wechselnden Teams gearbeitet hat – der erhöht seine Chancen.
Auch größere Unternehmen öffnen sich mittlerweile in zunehmendem Maße Berufswechslern und Quereinsteigern: „Ein Patchworker kann die ideale Besetzung für eine Stelle sein, es kommt auf die Position an. Manchmal sind eben globales Denken, Fähigkeit zur Teamarbeit und Kreativität ebenso wichtig wie die fachliche Qualifikation. Der Mensch muss von seinem Gesamtbild ins Unternehmen hineinpassen“, versichert Dr. Christine Krepold von BMW. Wichtig sei, so die Unternehmenssprecherin, dass Brüche im Lebenslauf nachvollziehbar seien und keine Lücken auftreten. „Gerade im Design und kreativen Bereich können wir gar keine stromlinienförmigen Leute gebrauchen“.
Ähnlich sieht es auch Birgit Hasler, Referentin für Personalmarketing und Recruitment bei IBM in Stuttgart: „Ein gradliniger Lebenslauf ist insofern nicht mehr so sehr von Belang, als interessante Zusatzqualifikationen an Bedeutung gewinnen, zum Beispiel Projekt- und Praxiserfahrung. Vor allem für beratende Tätigkeiten ist das sehr wichtig“, so Hasler. Außerdem seien viele Menschen eben nicht von Anfang an auf einen Beruf festgelegt: „Viele merken erst im Studium, wo ihre Interessen liegen und welche Fachrichtungen zukunftsträchtig sind. Warum sollte nicht ein Geisteswissenschaftler, der auf der Uni seine Neigung zu Informationstechnologien entdeckt hat und im Internet absolut fit ist, bei uns eine Chance haben? Oder ein Ingenieur, der mal in der Entwicklungshilfe gearbeitet hat und dort seine Teamfähigkeit und Krisenfestigkeit erprobt hat?“ Die Motivation zur Neuorientierung muss nach Ansicht der Personalreferentin stimmen. Und die Entscheidungen müssen nachvollziehbar sein. „Am besten ist es, wenn ein Bewerber nicht erst aus der Not drohender Arbeitslosigkeit heraus festgestellt hat: Da tut sich eine neue Möglichkeit für mich auf, sondern schon vorher motiviert war, etwas Neues zu starten.“
Dort liegen nach Meinung von Prof. Winfried Schlaffke vom Institut der Deutschen Wirtschaft auch die enormen Vorteile von Patchworkern: „Produktivität funktioniert nur da, wo Freiräume bestehen, wo die Leute motiviert sind und eigenverantwortlich arbeiten können. Eine breite Qualifizierung ermöglicht es, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen und abwechslungsreicher zu arbeiten, weil man einfach mehr kann. Durch zufriedenere Mitarbeiter kann man Produktivitätssteigerungen von bis zu 30 % erreichen“. SABINE HENSE-FERCH
Die erste Hürde ist geschafft: Der Lebenslauf ist zwar nicht gradlinig, aber der Personalchef zeigt trotzdem Interesse.
Prof. Dr. Winfried Schlaffke vom Institut der Deutschen Wirtschaft konstatiert die „Brasilianisierung des Berufslebens“.

Ein Beitrag von:

  • Sabine Hense-Ferch

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