Interview: Heutige Arbeitskultur 17.02.2012, 12:00 Uhr

Soziologe Neef: Wachstum ist mit Glück nicht identisch

Unter Kostendruck, Lohndumping und der Umverteilung von unten nach oben leide auch die Mittelschicht, meint der Berliner Soziologe Wolfgang Neef. Und zur Mittelschicht gehören auch Ingenieure. Technische Fachleute seien zwar im Moment sehr gefragt, sie empfänden aber aufgrund unsicherer Arbeitsverhältnisse keine enge Bindung zum Arbeitgeber mehr. Die Folge

VDI nachrichten: Können Sie über den Witz lachen, wonach „Bananenprodukte“ eines Unternehmens deshalb so heißen, weil sie so schnell auf den Markt geworfen werden, dass sie erst beim Kunden reifen?

Neef: Nein. Zunehmend wird Qualität dem Shareholder-Value und den Finanzmärkten mit ihren Renditeforderungen geopfert. In der TU Berlin vermitteln Lehrbeauftragte aus der Industrie, dass man z. B. Getriebe oder IT-Geräte so baut, dass sie gerade einmal zwei Jahre halten und kaum zu reparieren sind. Diese geplante Obsoleszenz ist ein System-Problem: Kosten-Konkurrenz und BWL-Dominanz können die Qualität der Ingenieurarbeit zerstören.

Wie reagieren die Studierenden
darauf?

Es ist spannend, wie sich das Bewusstsein meiner Ingenieur-Studenten verändert. So wollen sie nicht vermarktet werden.

Deutschland lebt wesentlich von der Kreativität seiner Ingenieure. Halten die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen dazu an, diese Qualität auf Dauer zu gewährleisten?

Nein. Kostendruck, Lohndumping und die Umverteilung von unten nach oben gestalten Kreativitätsprozesse immer schwieriger. Die auf Wachstum programmierte Ökonomie benötigt die von Schumpeter(Joseph Schumpeter, österr. Ökonom, 1883 bis 1950, die Red.) geforderte „schöpferische Zerstörung“ und damit Innovationen um jeden Preis. Das zerstört inzwischen aber unsere biologischen Lebensgrundlagen, es ist kontraproduktiv.

Was hat die Spreizung der sozialen Schere mit der Fantasie von Ingenieuren zu tun?

Unter der zunehmenden Diskrepanz zwischen Arm und Reich leidet auch die Mittelschicht, zu der Ingenieure gehören. Sie sind zwar im Moment sehr gefragt, haben aber zunehmend Angst vor dem sozialen Abstieg. Denn trotz Fachkräftemangels haben sich die konkreten Vertrags- und Arbeitsverhältnisse nicht verbessert. Im Gegenteil: Waren früher z. B. unbefristete Verträge selbstverständlich, werden sie heute immer seltener. Die Folge: Auch Ingenieure identifizieren sich nicht mehr mit ihrem Unternehmen. Der Gedanke, etwas Tolles für das Unternehmen zu gestalten, zerbröselt. Die Gleichgültigkeit wächst, die Kreativität bleibt auf der Strecke.

Sie sprechen vom „Druck der Märkte“. Aber wir haben im Kapitalismus mit dem Prinzip „Konkurrenz belebt das Geschäft“ immer gut vom Wettbewerb gelebt.

„Belebt“ wird so nur das Geschäft, nicht die Menschen. Kooperation ist für die Technik fruchtbarer als Konkurrenz und Patentwesen, das auch dazu zwingt, gute Lösungen anderer zu „umgehen“. Wenn Kooperation – im Betrieb, zwischen Betrieben, international – dominiert, kann man aber „Wettbewerb“ als zusätzlichen Ansporn nutzen. Wie im Sport.

Ein Kollege hat einmal gesagt: „Wir machen die Studenten fit für den Wirtschaftskrieg.“ Das ist bezeichnend. Kapitalismus ist eine Kriegs-Ökonomie. Die damit verbundene „Raubtechnik“ hinterlässt soziale und ökologische Zerstörungen.

Welche Zerstörungen?

Wir erleben aktuell in der Finanzkrise, dass der „Wettbewerbsfähigkeit“ die sozialen Errungenschaften der europäischen Zivilisation geopfert werden, die für 99 % der Bevölkerung existenziell wichtig sind. Den arbeitenden Menschen wird eingetrichtert, sie sollten Verzicht leisten, damit das Finanzsystem „gerettet“ wird. Viele können dann von ihrer Arbeit nicht mehr leben.

Der „Living Planet-Report“ (des WWF „World Wide Fund For Nature“, die Red.) zeigt, dass wir durch den wachsenden Hunger nach Energie und Rohstoffen die Reproduktionsfähigkeit der Erde schon heute um den Faktor 1,5 übernutzen. Wir Europäer verbrauchen pro Person heute das Vierfache an Energie wie in den 60er-Jahren.

Wie sollte die Ingenieurausbildung darauf reagieren?

Der Ingenieur, der nach solchen Zusammenhängen nicht fragte, der das „Kamel, auf dem Kaufleute und Politiker reiten“ war, hat ausgedient. Es braucht Ingenieure, die über die Technik hinaus denken und soziale und ökologische Aspekte in ihre Arbeit einbeziehen: Damit meine ich nicht nur „Soft Skills“, sondern auch Verantwortungs-Kompetenz.

Umfragen unter jungen Berufstätigen haben ergeben, dass viele auf Geld verzichten würden, wenn sie dafür mehr Zeit für Privates hätten. Kündigt sich eine kleine Revolte gegen die Forderung nach längerer Tages- und Lebensarbeitszeit an?

Ich denke ja. „Leben, um zu arbeiten“, ist nicht nur sozial und ökologisch verrückt. Diese Haltung entspricht auch nicht der Vorstellung meiner Studierenden von einem „guten Leben“. Das Hamsterrad „Mehr arbeiten für mehr Konsum – mehr konsumieren, um Arbeit zu haben“ lehnen sie ab. Sie wollen auch nicht die Offiziere für den „Wirtschaftskrieg“ sein.

Sie verlangen „andere Ökonomien“.

Bislang gilt die Strategie, zur Steigerung des Umsatzes ein Produkt als „Innovation“ in die Welt zu setzen und dann durch Marketing das Bedürfnis dafür zu schaffen. Der Sinn von Produkten wird so dem Zweck der Geldvermehrung nachgeordnet. Wir brauchen Ökonomien, die nicht primär Geld vermehren wollen, sondern den Menschen dienen. Nutzer und Produzenten arbeiten dabei Hand in Hand, immer den Fragen folgend: Wo sind die Bedürfnisse? Was ist sozial und ökologisch vertretbar?

Sind das nicht Wunschvorstellungen ohne realen Hintergrund?

Nein, es gibt Projekte, die Vorbilder sein könnten und nicht profitgetrieben sind, wie die Genossenschaft Mondragón oder die ägyptische Initiative Sekem. Es gibt die „Open-Source“-Entwicklung als Methode von Ingenieurarbeit: Solche Alternativen müssen nicht erst erfunden werden.

Wir sollten den Fortschrittsbegriff grundsätzlich überdenken?

Ja, er ist angesichts des nötigen Endes des Wachstumswahns veraltet. Das gilt auch für die „Bacon-Hypothese“, die den technischen Fortschritt mit sozialem und kulturellem Fortschritt gleich setzt und die Herrschaft des Menschen über die Natur proklamiert hat. Das hat sich als großer Irrtum unserer Epoche herausgestellt, genauso wie der Glauben, das Bruttoinlandsprodukt sei einziger Parameter für das Wohlbefinden einer Gesellschaft. Wachstum von Konsum ist aber mit Glück nicht identisch.  

Von Wolfgang Schmitz

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