Arbeitgeber für Ingenieure 24.11.2017, 12:00 Uhr

Skandale rütteln am Image der Automobilbranche

Die Automobilbranche ist Deutschlands Schlüsselindustrie. Keine andere ist als Arbeitgeber so beliebt. Doch die Autobauer reihen einen Skandal an den nächsten. Wie attraktiv sind sie noch für den Ingenieurnachwuchs?

Schleuderkurs

Die Automobilbranche gerät nach den Skandalen ins Schleudern. Ihr Image ist beschädigt – von nachhaltiger Krise kann aber noch nicht die Rede sein.

Foto: panthermedia.net/Fritz Langmann

Bis 2030 sind durch Automatisierung und Digitalisierung 46% der Arbeitsplätze in der Automobilindustrie bedroht. Das ist das Ergebnis einer Studie des Beratungsunternehmens MHP, einer Tochter der Porsche AG, und der Hochschule Reutlingen aus dem Juli 2017. Dazu trägt auch der Vormarsch der Elektromotoren bei. Ihre Produktion ist weit weniger arbeitsintensiv als die von Verbrennungsmotoren. Und dann ist da auch noch Dieselgate. Nach Schätzungen der IG Metall hängen alleine in Deutschland über 200.000 Arbeitsplätze vom Diesel ab. Bedrohte Jobs, Betrügereien, angeknackstes Image – die Frage ist doch: Wie attraktiv ist die Autobranche noch für Ingenieure? Und wie attraktiv wird sie künftig sein?

Banken sollten Automobilindustrie eine Warnung sein

Als warnendes Beispiel für den Imageverlust einer ganzen Branche gelten die Banken, die im Zuge der Wirtschafts- und Finanzkrise massiv an Popularität eingebüßt hatten. „Die Bankenbranche hat das nie abschütteln können“, sagt Holger Koch, Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Trendence, das jährlich die beliebtesten Arbeitgeber des Landes abfragt. „Ob die Automobilindustrie so eine Entwicklung nimmt, bleibt abzuwarten.“

Im Juli dieses Jahres fand Trendence heraus, dass ein Viertel aller Schüler nach der Schule im Öffentlichen Dienst arbeiten möchte. Damit wurde die Automobilindustrie erstmals an der Spitze der Schüler-Charts abgelöst. Und auch Ingenieure machen immer öfter Karriere im Öffentlichen Dienst. Ein weiteres Indiz für ihren sinkenden Stern? „Unsere Vermutung ist, dass Accounting und Controlling sowie Management- und Strategieberatung zukünftig für Ingenieure eine immer größere Rolle spielen“, sagt Tina Smetana, Country Manager des Beratungsunternehmens Universum Germany. Arbeitgeber, die Managerkarrieren ermöglichen, würden für Ingenieure zunehmend attraktiver.

Ingenieure ziehen Führungsverantwortung, Beratung und Start-ups an

Denn speziell für Ingenieure gewinne es seit einiger Zeit an Bedeutung, Führungsaufgaben zu übernehmen. Das hat Universum in seiner letzten Absolventenumfrage unter Young Professionals festgestellt. Auffällig sei, dass vor allem ausländische Konzerne dieses Bild vermittelten. Inländische Automobilkonzerne seien hingegen nicht darunter. „Werden die Strukturen in deutschen Unternehmen eventuell als zu starr wahrgenommen?“, fragt Tina Smetana rhetorisch.

In der Beraterbranche scheint der Bedarf an technischem Know-how rasant zu steigen. „Bei Ingenieuren ist angekommen, dass Strategieberatung für sie attraktiv ist“, sagt Kathrin Kammer, Director Human Resources bei Roland Berger. „Es ist nicht so wie vor zehn Jahren, als man Ingenieuren erst mal erklären musste, was Beratung überhaupt ist.“ Schon 40  der Kollegen bei Roland Berger hätten einen ingenieur- oder naturwissenschaftlichen Hintergrund. „Wir würden diesen Anteil gerne noch weiter steigern“, so Kammer.

Ihrerseits erwächst den Beratern aber schon ein neuer Konkurrent: Start-ups. „Start-ups sind sehr populär geworden“, so Koch. „Sie sind auch für die großen Beratungsunternehmen ein starker Rivale geworden. Das war vor fünf Jahren noch nicht der Fall.“ Ein Ingenieur, der nach der Uni als Unternehmensberater arbeitet und dann nach einiger Zeit zum Kunden wechselt, oder der ein Start-up gründet oder bei einem anheuert: Das sind keine Seltenheiten mehr. Und dennoch: Dass die McKinseys und Rocket Internets die Ingenieure des Landes werden aufsaugen können, ist angesichts begrenzter Kapazitäten und der schieren Masse an Ingenieuren nahezu unmöglich. Bleibt also doch nur die Ausfahrt Automobilindustrie?

Elektromobilität produziert Gewinner und Verlierer

Es sei wahrscheinlich, dass der Diesel-Skandal angesichts der grundsätzlich positiven Entwicklung der Branche relativ leicht verkraftet werden könne. „Wegen der aktuellen Schwierigkeiten bin ich eher gelassen“, sagt etwa Enzo Weber, Arbeitsmarktexperte an der Universität Regensburg. Ohnehin würden die ökonomischen Wirkungen von einzelnen Ereignissen gemeinhin überschätzt. Aber Weber schätzt auch, dass bei einem Umstieg auf die E-Mobilität 100.000 klassische Jobs bei Herstellern und Zulieferern auf dem Spiel stehen.

Die gute Nachricht aus Ingenieursicht: Vor allem die Produktion dürfte betroffen sein, weniger die Entwicklung. „Gerade bei einer Umstellung auf eine noch wenig ausgereifte Technologie ist der Entwicklungsbedarf sehr hoch“, meint Weber. Arbeit satt also für Techniker und Ingenieure, wenngleich sich die Anforderungen verändern. Vor allem Elektrotechniker und Elektrochemiker seien die Gewinner der Elektro-Offensive. Auch Softwareingenieure werde die Digitalisierung zu heißen Eisen auf dem Arbeitsmarkt machen. „Hier dürfte es einen intensiven Rekrutierungswettbewerb zwischen mehreren Branchen geben“, prophezeit Weber. Verlierer seien nach Webers Einschätzung dagegen Fachkräfte in Mechanik und Metallverarbeitung.

Populärste Arbeitgeber in Automobil und Maschinenbau

Die Automobilindustrie ist weiterhin sehr populär. Einen Denkzettel erhält sie trotzdem. Der Maschinenbau liegt laut Trendence inzwischen mit den Autospezialisten gleichauf. 64% der befragten Young Professionals wollen sich auf jeden Fall in der Automobilbranche bewerben, 63% im Maschinenbau. Aber die Abneigungen gegenüber der Automobilindustrie ist fast doppelt so hoch wie gegenüber dem Maschinenbau. 6% der Ingenieure wollen keinesfalls im Maschinenbau arbeiten, 10% keinesfalls in der Automobilindustrie. Der beliebteste Arbeitgeber ist die Bosch-Gruppe. 19,7% der Ingenieure wollen dort arbeiten. Gefolgt von Siemens, BMW, Audi und Porsche.

„Nur für 10% unserer Befragten kommt die Automobilindustrie als Arbeitgeber nicht infrage“, sagt Trendence-Chef Koch. Ein extrem niedriger Wert. „Und die, die schon in der Automobilindustrie sind, wollen da nicht raus.“ Sie habe zudem einen großen Vorteil, den andere Branchen nicht haben: ein Produkt, mit dem man sich leicht identifizieren kann. Das lässt sich von Feldern wie dem Maschinenbau, von Energie, Logistik oder Beratung nicht ohne Weiteres behaupten.

Also werden die Automobilbauer auch in Zukunft noch die Ranglisten anführen? Ja, glaubt Koch. „Die Automobilindustrie wird auch in zehn Jahren noch eine dominante Position einnehmen. Allerdings werden wir wahrscheinlich eine Spreizung erleben. Nicht alle Automobilhersteller werden sich oben halten können.“ Wen er damit genau meint, lässt er allerdings offen.

Dieser Artikel erschien im Magazin „Ingenieurkarriere“ der VDI nachrichten.

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