Arbeitsmarkt 08.10.2004, 18:33 Uhr

Silberstreifen am Haaransatz

VDI nachrichten, Düsseldorf, 8.10.04 -Graue Haare, Linien im Gesicht – da wird es für den Betroffenen unter Umständen auf dem Arbeitsmarkt schwierig. Laut Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt beschäftigt über die Hälfte der deutschen Unternehmen keine Arbeitnehmer über 50 Jahre. Vor allem die IT-Branche hat den Jugendkult auf die Spitze getrieben. In manchen Firmen sind die Silbersträhnen wieder en vogue. Bei der Saperion AG in Berlin beispielsweise haben 25 der 160 Mitarbeiter den 45. Geburtstag hinter sich, viele sind über 50.

Saperion, das ist eigentlich eine Gattung der Gliederfüßler, die vor 590-440 Mio. Jahren auf der Erde lebte und das fast 150 Mio. Jahre lang. Und so ein Name schmückt ein pulsierendes IT-Unternehmen? Das wirkt ein wenig ungewöhnlich. Fakt ist aber, dass die Saperion AG das furiose Platzen der New Economy Bubble überlebt hat und seit einigen Jahren laut dem Vorstandsvorsitzenden Andreas Liebing ein jährliches Wachstum von 50 % verbuchen kann. Da muss dann ja etwas dran sein an der Kombination von alt und neu. Der Altersdurchschnitt in der Belegschaft liegt bei 37,9 Jahren und sie setzt sich aus unterschiedlichsten Kulturen und Professionen zusammen. In den Projektteams arbeiten 60-Jährige und 25-Jährige Seite an Seite. Das Du ist obligatorisch bis hinauf in die Vorstandsetage, das passt zunächst nicht jedem, ist aber nach Meinung von Liebing unumgänglich. „So lassen sich mögliche Barrieren niederreißen, bei uns müssen die Kollegen zwei, drei Jahre im Team zusammenarbeiten. Das muss eine verschweißte Gruppe sein.“
Anders als in vielen anderen Firmen der IT-Branche ist es für die Mitarbeiter bei Saperion durchaus nicht üblich, ihren Urlaub verfallen zu lassen und auch am Wochenende am PC zu sitzen. Liebing (46), der Saperion 1985 nach seinem Informatikstudium in Berlin gründete, erinnert sich da nur zu gut an seine Anfangsphase. „Da gab es kein Halten und die Wochenenden waren eigentlich immer gleich mit weg. Das war eben so in den ersten zwei drei Jahren. Ich habe dann aber gemerkt, dass man auch Freiräume braucht, in denen man etwas anderes machen kann.“ Managementikone Lee Iacocca hatte damals in seiner Biographie sinngemäß die Erkenntnis niedergeschrieben, dass ein Manager, der ständig so organisiert, dass er keinen Urlaub machen kann oder auch einmal zu einer Privatleben-kompatiblen Uhrzeit nach Hause geht, offensichtlich seinen Bereich nicht organisieren kann. Das hat Liebing damals gelesen und hält es noch heute für richtig. „Niemand ist fähig, konzentriert und fokussiert 16 Stunden zu arbeiten.“ Aber Liebing, der Mann aus der Praxis, räumt auch ein: „Okay, die 40-Stunden-Woche hat bei uns auch kaum jemand.“
Liebing mag im Team gern Leute, die möglichst verschiedene Dinge mitbringen. „Ich meine nicht die Jobhopper, die andauernd etwas anderes machen, sondern Menschen, die breit gestreute Interessen haben.“ Schließlich arbeite Saperion international, deshalb sei es unbedingt notwendig, dass die Leute „nicht mit Scheuklappen agieren, sondern andere Denkweisen verstehen“. Stolz erzählt Liebing, dass der Leiter der Abteilung Professional Services bei Saperion vorher in der internationalen Jugendarbeit Karriere gemacht hatte, und dann erst sein Herz für die IT entdeckte.
Die Offenheit der Saperion AG für „ältere Semester“ begann um 1997, als sich ein Kandidat mit IBM-Hintergrund und besten Qualifikationen bewarb. Eigentlich war alles super, aber der Mann war 54. „Wir haben das damals natürlich diskutiert“, erinnert sich Liebing. Die Entscheidung fiel für den Kandidaten aus, er ist noch heute im Unternehmen. „Das Alter spielte für uns als Entscheidungskriterium dann keine Rolle mehr. Wir haben gesagt, wir brauchen Leute, die flexibel und engagiert sind, und wir hatten durchaus schon unflexible 25-jährige Leute eingestellt“, erzählt der Vorstandschef mit einem Grinsen.
Kritische Positionen wie beispielsweise im Vertrieb besetzt Saperion lieber mit Mitarbeitern im Alter zwischen 40 und 62 Jahren. „Wir sind in einem Geschäftsumfeld tätig, wo es um Automatisierung von Büroorganisation in großen Organisationen geht. Wenn Firmen ihre Arbeitsabläufe in Büros neu organisieren wollen, sind das Entscheidungen auf Management-Ebene vom Hauptabteilungsleiter bis zum Vorstand. Die möchten dann entsprechend erfahrene Gesprächspartner haben“, meint Liebing. Selbstsicheres Auftreten an den Tag legen, auch einmal dagegen halten im Gespräch, Sachverhalte klar und vernünftig darlegen und mit ungewöhnlichen Situationen umgehen können, das vermögen eben frischgebackene Absolventen selten. Durch den Einsatz der älteren Arbeitnehmer entfallen die Kosten für Schulungen und die Fehler in jungen Jahren haben sie auch woanders gemacht, nicht bei Saperion. „Es ist mir lieb, wenn jemand das Ausprobieren schon hinter sich hat“, witzelt Liebing. Dass ältere Fachleute auch meist teurer sind, stört ihn nicht, dafür wisse er, dass er den Richtigen gefunden habe. So ein Glücksgriff ist beispielsweise Rainer Segebarth, der am Standort Essen für Saperion im Vertrieb arbeitet. Im zarten Alter von 56 fiel ihm auf, dass sein bisheriger verantwortungsvoller Posten in einem Großkonzern ihn nicht mehr ausfüllte und er orientierte sich um. „Ich bin gern Querdenker und lerne gern Neues.“ Im Projektteam ist er der Älteste, „ich bin die Speerspitze und ich halte das aus“, sagt Segebarth. Er fühlt sich wohl bei Saperion. Nur am Anfang machte ihm etwas zu schaffen: Die Duz-Kultur. Das hat sich aber schnell gegeben. C. HANTROP

 

  • Claudia Hantrop

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