Motivation 25.01.2013, 12:45 Uhr

Sich einfach trauen und den Erfolg genießen

Initiativen wie Girls“ Day sollen Schülerinnen schon früh für ein technisches Studium begeistern. Dennoch war 2011 nur jeder zehnte Ingenieur eine Frau. Für den Berufseinstieg bieten viele Firmen besondere Programme. Ingenieurinnen verraten, weshalb Berührungsängste unnötig sind und schwärmen von diesem Beruf.

Unterschiedliche Initiativen wollen Schülerinnen frühzeitig für ein technisches Studium begeistern.

Unterschiedliche Initiativen wollen Schülerinnen frühzeitig für ein technisches Studium begeistern.

Foto: ABB

Petra Ledermann ist Bauingenieurin im Maschinenbau, genauer gesagt beim Seil-, Hebe- und Sicherheitstechnikunternehmen Carl Stahl in Süßen. „Ich komme aus einer Handwerkerfamilie, da ist mir der Schritt, zuerst eine Schreinerlehre zu machen, nicht schwer gefallen“, sagt die 40-Jährige. Sie berechnet und konstruiert vor allem Lastaufnahmemittel. Und tut damit genau das, was ihr bereits früher, als sie bei einer Heilbronner Baufirma angestellt war, schon am besten gefallen hat. „Und es ist sogar noch besser, weil der Alltag enorm vielseitig ist“, sagt die aktuell nur in Teilzeit arbeitende Mutter zweier Mädchen, die fünf und sieben Jahre alt sind. Jede Vorrichtung, die sie konstruiert, sieht anders aus. Da ist kreatives Denken gefragt. Die geborene Pfälzerin ist eine von zwei Frauen in der 18-köpfigen Entwicklungsabteilung von Carl Stahl und damit sehr glücklich: „Ich arbeite sehr gern mit Männern zusammen, das ist unkompliziert.“ Vorurteilen sei sie im Maschinenbau noch nicht begegnet. Nur im Bauwesen hörte sie früher ab und an blöde Sprüche. „Da muss man gar nicht gegenargumentieren, sondern drüberstehen und einfach mitlachen. Sobald ich mein Können beweisen konnte, hörten diese Dinge auf“, sagt die Salacherin.

Ähnliche Erfahrungen macht Franziska Seitz bei Boschs Sondermaschinenbau Atmo in Stuttgart-Feuerbach. Als einzige Ingenieurin unter 50 Männern in ihrer Abteilung ist die Entwicklerin in der Prüftechnik tätig und fühlt sich gut aufgehoben: „Es hat seine Zeit gedauert, aber jetzt werde ich auch mal um Rat gefragt“, sagt Seitz. Die Wahl-Stuttgarterin rät, nicht jeden Spruch persönlich zu nehmen. Inzwischen sagten ihre Kollegen, dass eine Frau in der Runde die Stimmung auflockere und helfe, eine andere Perspektive einzunehmen. Doch Schlagfertigkeit sei gefragt, wenn arabische Kunden verwundert sind, wenn ihnen eine Frau etwas von Technik erzählt.

„Das Denken in klassischen Rollenberufen ist kein Grund, weshalb sich wenige Frauen für ein technisches Studium interessieren“, weiß die 26-Jährige, die schon als Kind mit ihrem Vater gerne schraubte. Nach ihrer Fachhochschulreife absolvierte die Mechatronikerin als eine von fünf Frauen ihr Studium mit 60 Kommilitonen an der Hochschule Schweinfurt. „Das Interesse muss nur früh genug geweckt werden“, erläutert die Entwicklungsingenieurin. Etwa, wenn schon im Kindergarten spielerisch mit Technik umgegangen wird.

Auch bei ihr fruchteten die Bemühungen der Hochschule: „Zum Studiengang Mechatronik kam ich über einen Schnuppertag für Frauen“, erläutert die geborene Würzburgerin. „Früher habe ich Schnuppertage organisiert, heute führe ich FH-Studenten durch unseren Bereich“, sagt Seitz. Die Projektleiterin nimmt oft ihre Prüfstationen beim Kunden in Betrieb. Über diese laufen dann etwa Autobatterien, Wärmepumpen und Abgassensoren.

Auch Heidi Wiedmann kam bereits früh durch ihren Vater, einen Servicetechniker, mit der Materie in Berührung und interessierte sich in der Schule für technisches Zeichnen. Die 32-Jährige studierte an der Stuttgarter Fachhochschule Architektur, übernahm bei Architekturbüros kleine Aufträge und arbeitete drei Jahre lang als Bauleiterin bei einem Bauträger für Neubauten. „Die Handwerker gaben mir sehr gute Rückmeldungen, da ich ein Auge für technische Schwachstellen vor Ort hätte. Zudem liegt mir das Koordinieren der Termine“, sagt die in Belgien, Spanien und Deutschland aufgewachsene Diplom-Ingenieurin.

Heute leitet Wiedmann das Projektmanagement der Göppinger Habdank GmbH, die Photovoltaik-Montagesysteme baut. So koordiniert und plant sie Solarparks, sorgt für das Abrufen und Fertigen des Materials und teilt die Mitarbeiter auf den Baustellen ein. Denn oberstes Ziel ist es, den Einspeisetermin einzuhalten. Und das hat Wiedmann im Griff: „Wir haben alle Fristen zu 100 Prozent eingehalten.“ In ihrer Firma ist sie eine von drei Frauen in einer technischen Position.

Ob Ledermann, Seitz oder Wiedmann: Sie verstehen nicht, dass so wenige Frauen technische Berufe ergreifen. „Egal, ob über eine Lehre, eine Techniker-Weiterbildung oder ein Ingenieur-Studium, es gibt so viele Wege in spannende, technische Berufe“, sagt Ledermann, die an der Karlsruher Fachhochschule studierte. Wiedmann ist zudem davon überzeugt, dass keine Frau für das Studium und erst recht nicht für den Beruf ein Mathe- oder Physik-Ass sein muss. Sie rät: „Wenn das Bauchgefühl stimmt, einfach trauen und sich von Erfolgserlebnissen überraschen lassen.“ Natürlich sei man im Job meist von Männern umgeben, doch viele Firmen legen großen Wert auf gemischte Teams. „Unsere Geschäftsleiter sind sehr offen und fördern technisch orientierte Frauen“, sagt die verheiratete Württembergerin.

Neben Habdank engagiert sich auch Carl Stahl dafür, weibliches Personal zu gewinnen. Das Interesse am jährlichen Girls‘ Day verstärkt sich jedes Jahr. Zuletzt nahmen in Süßen 14 Mädchen und junge Frauen teil, denen dabei die Angst vor Männerdomänen genommen wurde.

Ambitioniert ist auch die Robert Bosch GmbH, bei der aktuell 21 % Frauen beschäftigt sind. Bis 2020 sollen 20 % der Führungspositionen weiblich besetzt sein. Insbesondere im technischen Bereich sucht das schwäbische Unternehmen dringend mehr weibliche Mitarbeiter. Allerdings können die Hochschulen den Bedarf an Ingenieuren ohnehin nicht decken, schon gar nicht den an jungen Frauen mit technischer Ausbildung.   DANIELA REICHART

Von Daniela Reichart

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