Karriere 31.10.2003, 18:27 Uhr

Praktikum ist die wichtigste Etappe zum ersten Job

Mit etwas Planung kann der Berufseinstieg leichter fallen. Wer fürs Praktikum und die Diplomarbeit das Unternehmen strategisch auswählt, kommt dem ersten Job ein gutes Stück näher.

Mit 25 Jahren ist Arne Kendzia Ingenieur am Prüfstand bei der Toyota Motorsport GmbH in Köln-Marsdorf. Hier werden die Wagen für Formel 1-Piloten wie Panis und da Matta entwickelt. Arnes Karriere begann eigentlich schon im Praxissemester. Das absolvierte der Student der Fachhochschule Bonn-Rhein-Sieg beim TÜV Rheinland, hauptsächlich auf der Crash-Versuchsanlage. Die nutzt ebenfalls Toyota, und der Praktikant fiel einem Ingenieur der Rennsport-Firma auf. Sie hatte auch ein Thema für eine Diplomarbeit. Einzelne Firmen suchen Diplomanden heute übrigens auch auf ihren Websites im Internet, Unis vermitteln Firmenkontakte übers Netz, und es gibt sogar landesweite elektronische Börsen (z. B. unter www.nrw-wissenstransfer.de). Arne schloss sein auf ganz persönlichem Wege gefundenes Examensthema in diesem Sommer ab. Dank der tollen Ergebnisse, die Geheimnis der beiden Prüfer und des Unternehmens bleiben, wurde er sofort übernommen.
„Die richtigen Kontakte in die Berufswelt selber aufzubauen, das ist eine der Herausforderungen und Leistungen im Studium“, sagt Maschinenbauprofessor Paul Melcher, der akademische Lehrer des Durchstarters. Deshalb kann Melcher auch gleich ein zweites Beispiel nennen. Ralf Imhoff, ebenfalls Absolvent des Jahres 2003, begann im 6. Semester beim Kunststoffverarbeiter Kautex, einem Systemlieferanten der Auto-Industrie, als Werkstudent mit acht Wochenstunden. Und zwar ganz gezielt, um Betriebsluft zu schnuppern, den „kreativen Arbeitsalltag“ kennen zu lernen. Er kam in das BMW-Team, das Kunststofftanksysteme entwickelt. Dort fertigte er auch seine Diplomarbeit über Entlüftungsprobleme. Das Thema hatte er zusammen mit dem Kautex-Teamchef Löwer und Hochschullehrer Melcher entwickelt. Es passte zu den laufenden Entwicklungen für den neuen 5er-BMW, die Ergebnisse sind natürlich wie im Beispielfall Toyota Betriebsgeheimnis.
Ralf Imhoff hatte als Diplomand einen bestimmten Arbeitsplatz und konnte Versuchsstände nach Bedarf nutzen. Er bekam so gar ein Gehalt, gut 600 € im Monat. Einmal im Monat setzte er sich mit dem Betreuer im Betrieb zusammen, um vorläufige Untersuchungsresultate zu besprechen auch Prüfer Melcher war auf dem Laufenden. Die Arbeit führte zu einem Spitzenprädikat und gleichzeitig zur Festeinstellung im Betrieb. Imhoff ist jetzt Application Engineer, also der Mittelsmann zwischen der eigenen Firma und deren Lieferanten und Abnehmern in der Autoindustrie. „Der Tank“, erläutert der frisch gebackene Dipl.-Ing., „ist im Prinzip vielleicht mit einem Brillengestell vergleichbar, kritisch ist immer der individuelle Nasenbügel. Und darum geht es in meiner Funktion.“
Kautex beschäftigt in seinem Bonner Werk, nur wenige Kilometer von der FH entfernt, regelmäßig Werkstudenten, Praktikanten und eine Hand voll Diplomanden. Personaler Berthold Jansen erklärt: „Mit den jungen Leuten kommen neue, oft unkonventionelle Ideen in den Betrieb. Das dient der Innovation. Und wer schon als Student gut mitarbeitet, kann später bei einer Stellenbewerbung natürlich auf seine bisherige Verwendung verweisen.“ Mit Nachwuchskräften wie Imhoff „kauft“ die Firma keine Katze im Sack.
Die meisten Diplomarbeiten entstehen heute aus unmittelbarer Betriebserfahrung, sagt Professor Melcher. Aber welche Rolle spielt dabei noch der prüfende Hochschullehrer? Melcher steht in ständiger Verbindung mit dem Betriebsbetreuer, wie sich der Schützling macht. „Wenn es nicht zu weit ist, fahre ich selber hin, um mir die sachliche und persönliche Arbeitsumgebung anzusehen.“ Wieweit der Betriebsingenieur dem Diplomanden „aufs Pferd geholfen hat“, lässt sich im Zweifelsfall an der vorgelegten Arbeit nicht gleich ablesen. Aber: Der zweite Teil der Prüfung ist ein dreiviertelstündiges Kolloquium. Der Kandidat muss in dreißig Minuten die Grundzüge seiner Arbeit mündlich darlegen, wobei sich heute die meisten Vorträge auf eine Powerpoint-Präsentation stützen. Anschließend fühlen die beiden Prüfer dem Examenskandidaten auf den Zahn. „Dabei lässt sich schnell feststellen, ob der Prüfling Herr seiner Sache ist“, gibt sich Melcher sicher.
Für die Zukunft verweist der Professor besonders auf die kooperativen Studiengänge seiner und anderer Hochschulen mit Industrieunternehmen, z. B. bei der Ausbildung in Mechatronik: Die jungen Leute arbeiten im Betrieb, zunächst als Azubi, dann als berufsfertiger Fachmann und machen parallel noch den Dipl.-Ing. Sie brauchen fürs Diplom weder eine andere Firma noch ein Thema zu suchen die Aufgabe stellt sich am angestammten Arbeitsplatz wie von selbst.
  HERMANN HORSTKOTTE

Ein Beitrag von:

  • Hermann Horstkotte

    Hermann Horstkotte ist freier Journalist und  lehrte als Privatdozent an der RWTH Aachen. In Bonn arbeitet er als Bildungs- und Wissenschaftsjournalist.

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