Karriere 30.05.2008, 19:35 Uhr

Per pedes durch die wildromantische Heimat  

VDI nachrichten, Leipzig, 30. 5. 08, ws – Ein Ingenieur in freier Wildnis? Abseits von Computer, Labor und Meeting? Rolf Böhm ist so einer, den technische Errungenschaften weitestgehend kalt lassen. Der Ingenieur und Kartograph benutzt neben dem Computer Arbeitsmittel wie Feder und Tusche.

Rolf Böhm macht einen Doppelschritt, dann noch einen. Der Doktor der Kartographie schreitet durch das Elbsandsteingebirge. Ein Doppelschritt von ihm misst 1,38 m, das kann er nachweisen. Böhm hat keine Zeit zum Wandern. Er arbeitet.

Gut gelaunte Menschen in Zip-Hosen, Trekking-Schuhen und Rucksäcken voller Verpflegung über der Schulter kommen des Weges, grüßen freundlich, bleiben stehen, um die Sächsische Schweiz im Morgenlicht zu genießen. Böhm schaut nur kurz auf, erwidert den Gruß. Er hantiert mit Stiften in verschiedenen Farben und seinem Feldbuch. Er weiß jetzt: 54 Doppelschritte ist der Weg lang, im Gebiet der Schrammsteine.

Der 50-jährige Böhm malt Wanderkarten. Kaum ein Tourist zwischen Dresden und Bad Schandau, Grenzort zu Tschechien, der nicht mit einer seiner Arbeiten unterwegs ist. Bei ihm und Hunderten Händlern der Region gibt es die einzigartige Felslandschaft im Maßstab 1: 30 000 zu kaufen – seine Heimat im Taschenformat. Die Nikolsdorfer Wände gehören dazu und das Labyrinth. Ein Titel, der sich anhört, wie eine Hollywood-Verfilmung. Dahinter verbirgt sich die wildromantische Sächsische Schweiz.

Die Gründe, Schluchten, Felsspalten, die dorthin und daran vorbei führen, kennt Böhm im Schlaf. Er ist ein Urgestein, wie die Leute hier sagen. Für ihn, der in der DDR an der TU Dresden Kartographie studierte, dann als Entwicklungsingenieur für Fernerkundung in Berlin arbeitete und 1997, wiederum an der TU Dresden, promovierte, sind „Hände, Füße und Augen das Allerwichtigste“ in seinem Beruf. „Die Fehlerquote beim Schrittmaß liegt bei 5 %, beim Augenmaß bei 15 %.“ Natürlich gebe es den Kompass, GPS und Google Maps als Orientierungshilfe. Doch da, wo Wald ist, „da sieht man nur Grün auf den Seiten im Internet, da kommt man nicht weiter“.

Böhm will es aber immer ganz genau wissen. Er habe hohe Ansprüche an die Kartographie, sagt er. Er ist bekannt dafür, dass er auch den kleinsten Weg in seinen Karten vermerkt und sein Werk regelmäßig ergänzt. Die besten Jahreszeiten für Erkundungen seien der Winter und der Frühling. „Dann tragen die Bäume keine Blätter und das Gelände ist weit einsehbar.“

Am Tag schafft er eine Fläche von 2 km2. „Dabei arbeite ich wie ein Streifenpolizist. Ich notiere mir alle Einzelheiten, einen Bach, ein Wehr, einen Steg, eine Brücke.“ Der Buchstabe N in seinen Karten steht für Nadelwald. Die Felsen aus Sandstein haben etwas von halboffenen, gerauchten Zigarettenringen. Ein schwarzes Dreieck verwendet er für einen der 1100 Gipfel im Gebirge. Zwei rote Punkte deuten auf eine Wildfütterung. „300 Signaturen gibt es“, sagt Böhm. Sein Freund Hans-Jörg Hübler, Maler und Grafiker in Sebnitz, steuert die Titelkartuschen bei.

Zu Böhms Handwerkszeug gehören Stifte und Papiere in einer Auswahl wie in einem Schreibwarenladen. Einen Fadenzähler hat er griffbereit, eine Doppelreißfeder, einen Ölstein, chinesische Tusche. Natürlich gebe es Software, die grafisch gut ist. „Doch bei mir ist die Karte im Kopf schon fertig, bevor ich mich an den Tisch setze. Und das ist das Problem: Ein Softwareentwickler müsste das Programm meinen Gedanken anpassen“, witzelt er. „Und das macht keiner.“

Seit der Wende ist Böhm selbstständig. Neben detailliert gestalteten Karten, die auch andere ostdeutsche Wandergebiete wie das Zittauer Gebirge abbilden, lebt er von Aufträgen, hauptsächlich Ingenieur-Kartographie für Verlage. Dafür nutzt Böhm moderne Technik. „Die akademische Kartographie hat festgestellt, dass es mit Computerprogrammen 30 % schneller geht.“ Freehand, das vektorbasierte Grafik- und-Zeichenprogramm, ist eines der virtuellen Werkzeuge, mit denen er sich auskennt.

Auf seiner Homepage finden sich Gebirge, „wie sie noch nie ein Kartograph abgebildet hat“. Das teilt Böhm dem erstaunten Betrachter auf einer seiner Seiten mit. Der erfährt, dass der Alpenbogen aus SRTM-30-Daten (Höhendaten) erzeugt wurde. Und dass im Karpatenbogen das zentrale Thema eigentlich ein Fluss ist: die Donau.

In seiner humorvollen Art erklärt Böhm dazu, dass „hier jeder Wassertropfen, sofern er nicht zwischenzeitlich verdunstet ist oder von einer Bayrischen Brauerei in eine Bierflasche abgefüllt wurde, seinen kleinen Beitrag zum Abtransport der Balkanhalbinsel in das Schwarze Meer leistet“.

Die Stadt Bad Schandau möchte mit einem historischen Stadtplan die Kurgäste beeindrucken. „Einen von 1928“, erläutert er, „im Stil der dynamischen Moderne.“ Dafür wählte er „eine Schrift mit leichtem Jugendstileinschlag.“ Schriften sind seine Spezialität. Der Kartenleser mache sich keine Gedanken, woher die Form der Buchstaben komme, meint er. Beim Käufer aber soll ein Stilempfinden ausgelöst werden, ein positiver Eindruck haften bleiben.

„Seit 26 Jahren habe ich das Karten-Gen.“ Anders kann er sich seine Leidenschaft für farbige Handzeichnungen nicht erklären. Schon sein Vater – er war Architekt – sammelte alte Schriften. „Abteilung für Landschaftsaufnahme des Königlich Sächsischen Generalstabes“ steht an der Seite einer Papierrolle, die Großröhrsdorf um 1898 abbildet. „Die haben damals gestichelt, den ganzen Tag“, schüttelt Böhm den Kopf. Dann schiebt er seine Brille über die Stirn und beugt sich über den Druck. „Kupferstecher, Landkartenzeichner, Kartographen“, murmelt er. „Uns gibt es schon seit tausenden von Jahren.“ HEIKE BALDAUF

Von Heike Baldauf
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