Karriere 23.04.1999, 17:21 Uhr

Panikanfälle auf der Karriereleiter

Gehälter im sechsstelligen Bereich, Prestige, Ansehen und Macht. Die Schattenseiten werden dagegen in einer von Leistung dominierten Welt fast schon zum Tabuthema.

Auf meinen Job hab“ ich keine Lust mehr!“ Wer kennt das nicht. Wenn der Urlaub zu Ende geht, fällt es vielen schwer, sich wieder auf den Beruf einzustimmen. Markus Baumann (Name geändert) war auf dem Heimflug von den Seychellen, als ihn die Angst vor dem „Zurück in die Mühle“ zum ersten Mal packte. Was folgte, war ein scheinbar endloser Kreislauf von Panikattacken und Versagensängsten, die er nur mit Hilfe eines geschulten Psychologen wieder in den Griff bekam.
Markus Baumann ist Abteilungsleiter in einem großen Chemieunternehmen und bekam kurz vor seinem Urlaub aufgrund seiner hervorragenden Leistungen eine weitere Abteilung zugewiesen. Zurück im Unternehmen bekommt der 32jährige bereits nach dem dritten Tag nachts Herzrasen, so daß seine Frau den Notarzt rufen muß. Die Angst zu versagen, der Neid der Kollegen, die Erwartungen der Vorgesetzten schnüren ihm buchstäblich die Kehle zu und setzen eine nicht enden wollende Spirale in Gang. Immer wieder wird er krank geschrieben, er wird dünnhäutig, kann nicht mehr schlafen, seine Panik wird immer größer.
„Solche ,Karrieren“ sind häufiger als man denkt“, erklärt der Diplom-Psychologe Werner Gross. Er beschäftigt sich seit rund 14 Jahren mit den seelischen Kosten des beruflichen Erfolges, die viele nicht wahrhaben wollen. Mal sind es Herzrhythmusstörungen, mal Magen- und Darmprobleme, mal sind es Panikattacken, mal Neurodermitis. Wenn der Mensch seine Überlastung immer wieder verdrängt und Grenzen übersieht, reagiert irgendwann der Körper und gibt das Signal, daß es so nicht mehr weitergehen kann. „Laut Statistik gerät jeder zweite Bundesbürger im Laufe seines Lebens in eine behandlungsbedürftige Krise mit unter Umständen nicht zu unterschätzenden Auswirkungen auf die berufliche Laufbahn“, weiß die Diplom-Psychologin Gabriele Böhmer. Nach einer Studie des Karlsruher Institutes für Arbeitshygiene, bei der 6000 Manager befragt wurden, hat jede fünfte Führungskraft körperliche Beschwerden.
Während der technische Fortschritt von Produkt zu Produkt eilt und die Unternehmensumstrukturierungen immer neuen Moden unterliegen, bleibt der ,Bauplan des Menschen“ im wesentlichen gleich. Wie weit ist er in der Lage, Schritt zu halten und wo sind seine Grenzen? Wie kann er seine natürlichen Ressourcen stärken, um trotz aller geforderten Flexibilität stabil zu bleiben und zum aktiven Gestalter seiner Arbeits- und Lebenswelt zu werden – trotz Globalisierung und knallhartem Wettbewerb? Um Fragen wie diese drehte sich das Seminar „Schöne neue Arbeitswelt“, zu der das Psychologische Forum Offenbach vor kurzem eingeladen hatte. Dabei hatten Mediziner, Psychologen und andere, am Thema Interessierte, ausgiebig Gelegenheit, Gedanken und Erfahrungen auszutauschen.
Fast alle kannten Fälle wie Markus Baumann aus der eigenen Praxis oder aus dem Bekanntenkreis. Oft führen Selbstdisziplin oder gar Selbstverleugnung, übertriebene Außenorientierung und exzessive Anpassungsleistungen zu Fassadenverhalten, „denn der Mensch auf der Karriereleiter hat scheinbar die besten Chancen, wenn er sich stoßfest, bruchsicher, abwaschbar und formschön gibt“, so Gross. Mitunter ist der morgendliche Griff zum guten Jackett gleichbedeutend mit einem Wechsel der Identität. Oft genug bleibt die Menschlichkeit auf der Strecke. „Das kann dann der Nährboden sein, auf dem die schweren seelischen und körperlichen Probleme gedeihen“, erläutert der Psychologe. Es entstehen psychosomatische Erkrankungen, manche bekommen Suchtprobleme und oft genug verliert man alle sozialen Kontakte. So zählen auch Partnerschafts- und Familienkrisen zu den häufigen Problemen der „High Potentials“.
Auf Hilfe von außen, können Betroffene wenig hoffen. Ratschläge von wohlmeinenden Kollegen nach dem Motto „Mach“ mal Urlaub, dann wird das schon wieder“, sind wenig hilfreich und nerven zusätzlich. Arbeitgeber sind selten bereit, schützende Maßnahmen zu ergreifen. „Offenheit und ein gutes Betriebsklima gibt es in vielen Betrieben vor allem auf dem Papier, interne oder externe Seminare oder gar Coaching, eine Betreuung durch erfahrene Psychologen bei der Übernahme von schwierigen Aufgaben oder einer neuen Abteilung, sind ausgesprochen selten“, kritisiert Böhmer, obwohl dadurch hohe Kosten durch viele Fehltage oder gar den kompletten Ausfall vermieden werden könnten. Zwar geben immer mehr Unternehmen zu, daß Suchtkranke zu ihren Beschäftigten zählen, das Thema „psychisch Kranke“ ist dagegen weitgehend tabu.
Dennoch hat nach Aussage von Gross jeder die Chance, die seelischen Kosten des beruflichen Aufstiegs zu minimieren und Spaß, Sinn und Karriere miteinander zu verknüpfen. Distanz zu sich selbst und zur ausgeübten Tätigkeit sind dabei ein wichtiger Punkt. Der Psychologe: „Ein maßvoller Umgang mit der Arbeit und eine Rückbesinnung auf ausgleichende Freizeitaktivitäten, Hobbys und Sport sind beinahe lebensnotwendig und als wahre „Wiederaufbereitungsanlage“ fungieren die sozialen Kontakte in Familie, Partnerschaft und im Freundeskreis“.
Martin Baumann schaffte den Weg aus der Krise nicht mehr allein. Er suchte Hilfe bei einem Psychologen. Bei ihm begann er, sich seine Ängste einzugestehen und zu definieren. In Rollenspielen übte er, sich den schlimmsten Angstgegnern zu stellen. Der Tag wurde ebenso wie Arbeitsabläufe neu gestaltet und strukturiert. Statt wie bisher um 7 Uhr anzufangen, beginnt er heute erst um 8 Uhr und erreichte sein Ziel, statt um 21 Uhr schon um 19 Uhr zu gehen.
Daneben hieß die Devise „Inseln schaffen im Meer der Überflutung“. Die Mittagspause birgt inzwischen Raum zum Abschalten und zur Regeneration. In der Zeit von 10 Uhr bis 11 Uhr ist er selbst für Vorgesetzte nicht mehr zu sprechen. Die Vorgabe „Ich muß immer für alles offen und erreichbar sein und für alles eine Lösung parat haben“ gilt heute nicht mehr. Auszeiten und Nachdenken sind erlaubt. Zudem bastelte er an einem „Freizeitprogramm“, übte Entspannungstraining, probierte lang vermißte Sportarten wieder aus, fand Spaß am Schwimmen und Segeln und entdeckte wieder den Reiz eines Hobbys aus der Kindheit für sich. Als sein Zustand wieder stabil war, Arbeit, Freizeit und soziale Kontakte wieder einigermaßen im Gleichgewicht, ging er daran, seine Lebensgeschichte zu begutachten, die zum Schlüssel wurde für viele seiner Verhaltensmuster.
„Und die stecken in jedem von uns drin“, sagt Gross. Damit umzugehen und trotz Alltagsstreß und zunehmender Hektik nicht in selbst gestellte Fallen zu tappen, ist die Kunst, die nach seiner Aussage jeder beherrschen kann.
MAJA BECKER-MOHR
Mehr zum Thema im Buch Karriere 2000, Hoffnungen – Deutscher Psychologen VerlagChancen – Perspektiven – Probleme – Risiken, Hrsg. Werner Gross, GmbH, Bonn, 1997, 213 S., 32,80 DM.
Mit Überbelastung kann nur umgehen, wer lernt, zu sich selbst und seiner Arbeit eine gewisse Distanz aufzubauen.

Von Maja Becker-Mohr
Von Maja Becker-Mohr

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