Arbeitsmarkt 15.10.2010, 19:49 Uhr

Ostdeutschland geht der Nachwuchs aus

In Ostdeutschland gibt es künftig immer weniger Schulabgänger und damit immer weniger qualifizierten Nachwuchs für die Unternehmen. Diese versuchen auf höchst unterschiedliche Weise, sich auf die neue Situation einzustellen.

Das Thema bringt den Mann in Rage. „Wir schalten vierteljährlich Annoncen. Aber es melden sich nur die, die über 55 Jahre alt sind.“ Dem Geschäftsführer eines Filter-, Förder- und Versatzanlagenbauers im thüringischen Städtchen Deuna ist die Wut über die schwierige Personalsituation deutlich anzumerken.

Seinen Namen möchte er nicht nennen und überhaupt redet er mit der Presse nur, weil er heute einen guten Tag hat. „Alles geht nach Bayern und Baden-Württemberg. Die Leute verdienen im Westen mehr. Kein Wunder! Die Produkte dort sind schon auf dem Markt angesiedelt. Wir müssen uns aber erst einen Namen machen!“

Obwohl sein Unternehmen im vergangenen Jahr den „Großen Preis des Mittelstandes“ der thüringischen Oskar-Patzelt-Stiftung erhielt, bleibe die Personalsituation in Deuna angespannt. „Die Leute aus dem Osten wandern alle ab.“

Land unter bei den Arbeitskräften in Ostdeutschland? Schenkt man dem thüringischen Unternehmer und einer Studie der IG-Metall-nahen Otto Brenner Stiftung Glauben, so befinden sich Wirtschaft und Industrie in den ostdeutschen Bundesländern in einem zum Teil lebensbedrohlichen Zustand.

Grund sind die nach wie vor hohen Abwanderungsraten junger Leute bei gleichzeitigem Geburtenmangel. Während diese Situation über viele Jahre durch eine überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit kompensiert wurde und der Nachwuchs in die wirtschaftsstarken Bundesländer im Südwesten der Republik flüchtete, bahnt sich inzwischen ein Umschwung an: Weil immer mehr Erwerbstätige in Rente gehen, aber nur noch wenige junge Leute nachkommen, entstehe, so die Studie, inzwischen eine Fachkräftelücke vor allem in kleineren Betrieben. Diese könnten „zu schnellen und tiefgreifenden Reaktionen“ gezwungen sein. „Hierbei werden viele Betriebe in Bedrängnis geraten, da sie auf diesen Reaktionszwang, der gegenwärtig bereits sichtbar wird, weitgehend unvorbereitet sind“, so der Soziologe Burkart Lutz, Autor der Studie.

In der Tat sind die Zahlen alarmierend. Während im Jahr 2001 noch weit über 200 000 Schulabgänger im Osten nur rund 20 000 Beschäftigten gegenüberstanden, die 63 Jahre alt und damit kurz vor der Rente waren, werden im kommenden Jahr die Zahlen erstmals gleich sein: Rund 120 000 Schulabgänger zu 120 000 Arbeitnehmern, die über kurz oder lang in den Ruhestand gehen, lautet das Verhältnis. Ab dann, so die Prognose, wird die Schere weiter aufgehen: Immer weniger junge Menschen verlassen die Schulen, immer mehr verabschieden sich aus dem Berufsleben.

Vor allem Facharbeiter sind bereits jetzt schwer zu finden. Der Thüringer Unternehmer aber sucht seit einer Weile auch händeringend nach Ingenieuren und Konstrukteuren. „Wir nehmen auch Leute mit schlechten Noten“, sagt er. Er versuche, die Leute mit einer Gewinnbeteiligung anzulocken. Vergebens. Offenbar will niemand nach Deuna mit seinen knapp 1000 Einwohnern.

Genau das könnte das Problem sein. Unternehmen in größeren Zentren wie Rostock oder Schwerin sehen die Situation gelassen. „Es ist zwar nicht mehr so leicht wie früher, freie Ingenieurstellen zu besetzen, aber Probleme haben wir eigentlich noch nicht“, heißt es unisono. Rostock, Schwerin und Wismar seien eben attraktive Städte.

Nach Ansicht von Burkart Lutz müssen sich die Unternehmen dennoch so zeitig wie möglich auf die Entwicklung einstellen. Viele von ihnen verfügten derzeit noch „bestenfalls über rudimentäre Fähigkeiten der Personalakquise und des Personalmanagements“. Der Anlagenbauer aus Deuna ist über solche Aussagen empört: „Die Leute, die das wissenschaftlich untersuchen, sitzen auch nur hinter ihrem Schreibtisch.“ Er begebe sich jedes Jahr in die Schulen und spreche die jungen Leute an – ohne zufriedenstellendes Ergebnis.

Rudolf Rinck, Vorstand des Photovoltaik-Herstellers Thermovolt in der Nähe von Rostock, drückt ein wenig das schlechte Gewissen. Man müsse wohl endlich dazu übergehen, Lehrlinge auszubilden und Schulungen für die Mitarbeiter anzubieten. „Aber das bindet Ressourcen“, sagt er und die brauche er derzeit, um einen millionenschweren Auftragsberg abzuarbeiten. Dass das Lohnniveau im Osten geringer sei als im Westen sei allerdings selbstverständlich, „da müssen sich die Leute anpassen“. Ein „Werker“, der 16 € die Stunde verlange, könne gleich wieder gehen.

Thorsten Pollmann, Geschäftsführer des Schweriner Maschinenbauunternehmens Maplan, sieht das anders. „Wir zahlen weit über dem Durchschnitt hier in der Region.“ Er biete den jüngeren Mitarbeitern Fortbildungen an und versuche so, sie an das Unternehmen zu binden. „Wenn sie erst weg sind, ist es schwer, sie zurückzuholen.“

Noch weiträumigere Ziele verfolgt Christian Heinen, Leiter des Bereiches Recruiting beim Windanlagenbauer Nordex in Rostock. Das Unternehmen hat neben weltweiten Standorten seine zentrale Verwaltung und einen Teil seiner Produktion in die Hansestadt gelegt. Trotz guter Kontakte zu den örtlichen Hochschulen ist er der Ansicht, dass viele Ingenieurstudenten noch immer in erster Linie nach der Automobil- und der Luftfahrtindustrie schielen.

Er will sich deshalb dafür einsetzen, dass die Windenergiebranche als attraktiver Arbeitgeber stärker ins Bewusstsein der Studierenden rückt. Dazu will er die Marke seines Unternehmens insgesamt bekannter machen. Das Selbstbewusstsein ist groß: Für freiwerdende Ingenieurstellen sucht er deutschland- und manchmal sogar europaweit nach den geeigneten Kandidaten.

Immerhin könne Nordex dem Nachwuchs viel bieten: „Sie können ins Ausland gehen, nach Peking, Chicago oder Paris. Wenn jemand in Rostock bei uns anfängt, dann heißt das nicht, dass er da bleiben muss.“

SAPHIR ROBERT

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