Karriere 09.04.1999, 17:21 Uhr

Ohne soziale Kompetenzen droht der Flop im Job

Die fachliche Ingenieurausbildung ist in Deutschland immer noch vorbildlich. Auf den Berufs-Alltag werden Studenten aber mangelhaft vorbereitet, meinen Experten.

Kaum etwas hemmt den Fortschritt mehr als Vorurteile. So erfreulich das Image des deutschen Ingenieurs als akkurate und fachlich kompetente Arbeitskraft auch sein mag, so sehr leidet er unter dem Bild des unflexiblen Zahlenjongleurs. Materialien und Konstruktionen sind ihm demnach weit weniger fremd als das komplizierte Gebilde Mensch. Die logische Konsequenz: Wenn er sich als Vorgesetzter zu bewähren hat, nutzen ohne Führungsqualitäten auch die besten Fachkenntnisse nichts. Als Manager ist der Ingenieur häufig überfordert.
Vorurteil oder nicht doch bittere Realität? „Ingenieure haben großes Interesse an ausrechenbaren Lösungen. In Führungsangelegenheiten ist jedoch wenig vorhersehbar. Es sind hier eben nicht immer “saubere“ Lösungen möglich.“ Dr. Michael Kochs vom Zentrum für Weiterbildung und Wissenstransfer an der Universität Augsburg steht mit seiner Meinung nicht allein da. Theoretiker wie Praktiker bemängeln die einseitige Technikschulung im Ingenieurstudium. „An den Hochschulen werden selten Freiräume geschaffen, um auf interkommunikative Aspekte in Arbeitswelten vorzubereiten“, meint Kochs, der noch einen Schritt weiter geht. „Es mangelt an Hochschullehrern, die sich um ihre Studenten kümmern.“ Verantwortung in der Ausbildung bezöge sich nicht allein auf die Vermittlung von Fachwissen, sondern auch auf Kenntnisse um effektive und harmonische Zusammenarbeit. „Dabei bringen viele junge Leute die Bereitschaft zur Teamarbeit mit, ohne daß sie von den Hochschulen in ihrem Verlangen gefördert werden.“

Schon in der Schule regiert die Ellbogen-Mentalität

Für Berufseinsteiger wird dies aber immer mehr zu einer Schlüsselqualifikation. Auf die Beantwortung der Fragen Wie passiert Zusammenleben?, Wie artikuliere ich mich? oder Wie komme ich bei anderen an? sollte mehr Wert gelegt werden.“
Laut Kochs sollte eine kompetente, den Anforderungen der modernen Industriegesellschaft gewachsene Führungskraft Verläßlichkeit und Vertrauenswürdigkeit vorleben. „Es ist unmöglich, daß der Chef von seinem Personal Freundlichkeit den Kunden gegenüber verlangt, seine Mitarbeiter jedoch ständig schuriegelt.“ Damit das Team gut kooperiert, ist die Einsicht in zwischenmenschliche Prozesse nötig. Die Ausbildung vernachlässige diesen Aspekt. Und in Unternehmen, wo Vorbilder fehlen, werden festgewachsene Fehler wiederholt.
Angesichts drohender Arbeitslosigkeit seien junge Akademiker stark materiell orientiert, meint Kochs. Schon von Schülern verlange man, den Ellbogen möglichst oft und gezielt einzusetzen. Woher also sollen die für eine Führungskraft notwendigen sozialen Fähigkeiten rühren, wenn sie schon im Kindesalter nicht verfügbar sind? Kochs: „Die Gesetzmäßigkeiten beim Umgang miteinander sowie den Mut zur Neugestaltung können sich angehende Manager in Seminaren aneignen. Was die Wirtschaft braucht, sind junge Menschen, die sich ihrer Stärken bewußt sind, ohne eitel zu sein.“
Ähnlich denkt Marina Bösch. „Erfolgreiches Management ist erlernbar wie jeder andere Beruf, aber in keinem anderen ist die Ausbildung derart schlecht wie im Management.“ Die Geschäftsführerin und Seminarleiterin im Mangementzentrum St. Gallen bezieht sich auf auf eine hauseigene Studie, die das Bild eines sozial völlig überforderten Jung-Managers zeichnet: „Der deutsche Management-Nachwuchs hat ein falsches Berufsverständnis und ist für seine Aufgaben mangelhaft ausgebildet. Im Gegensatz zu den erfahrenen Führungskräften ist ihm nicht bewußt, daß soziale Kompetenz sehr viel mit Verantwortung für Mitarbeiter zu tun hat.“ Ohne Gegenmaßnahmen werde dieser Nachwuchs für die Wirtschaft eine Last, heißt es in der Studie. Nur wer kapiere, daß Management keine Berufung, sondern ein Beruf sei, werde Erfolg haben. Ansonsten drohe „der Flop im Job“. „Ich halte es für einen skandalösen Zustand, daß fünf von sechs erfahrenen Managern den Nachwuchs als zu theoretisch und in der Praxis als mangelhaft erleben“, gibt Bösch dem Nachwuchs eine denkbar schlechte Note.
Die Management-Expertin kritisiert den Trend zur Selbstdarstellung, unter dem soziale Werte nicht mehr zur Entfaltung kämen. „Nennen Sie es von mir aus nicht Mangel an “sozialer Kompetenz“, sondern einfach “schlechte Kinderstube“.“

„Berufsleben ohne Berufung kann nicht erfolgreich sein“

Den Ruf, der Deutsche leide vor allem im Berufsleben unter chronischen Kommunikationsdefiziten, macht sich eine Vielzahl mehr oder minder seriöser Seminar-Anbieter zunutze. Welche Management-Experten es ernst meinen und wer über fundiertes Wissen verfügt, läßt sich erst nach eingehender Recherche ermitteln. „Nur wer sich über den Veranstalter und den Referenten genauestens erkundigt, hat die Gewähr, gut beraten zu werden“, weiß Marina Bösch.
Den empirischen Erhebungen setzt Dipl.-Ing. Clemens Nienhaus einen reichhaltigen Erfahrungsschatz entgegen. „Natürlich ist es grundsätzlich richtig, daß man Management-Methoden erlernen kann. Aber ein Beruf ohne eine Berufung, also nur angelernt, wird nicht erfolgreich sein. Wer seinen Job als reine Pflichterfüllung versteht, wird scheitern“, meint der Maschinenbau-Ingenieur, der fast zwei Jahrzehnte Hauptabteilungsleiter für Produkttechnik bei Walterscheid in Lohmar war. In Leadership-Seminaren bereitet Walterscheid schon seit Anfang der 70er Jahre junge Führungskräfte auf ihre Aufgabenbereiche vor. „Soziale Verantwortung spielt hier eine sehr große Rolle“, sagt Nienhaus. Den Umgang mit Menschen lernen, Spielregeln und Verhaltensweisen sehr früh erkennen, gehört für ihn zu der Grundausbildung eines Managers. „Wichtig ist, dem Gegenüber Zeit zu lassen, vielleicht befindet sich dieser ja in einer Lernphase. Häufig merkt nämlich der eine nicht, daß der andere nicht mehr bereit ist, ihm geistig zu folgen. In Seminaren lassen sich solche Defizite beheben.“
Wer glaubt, Manager müßten immer die höchste Fachkompetenz im Arbeitsteam haben, versteht seine Aufgabenstellung miß. Nienhaus: „Wenn er sich fachlich auf hohem Niveau bewegt, trägt das sicher zu seiner Anerkennung bei. Fachkenntnisse auf allen Gebieten sind aber kein unbedingtes Muß.“ Im Laufe der Jahre habe er in Gesprächen immer wieder erkennen müssen, wie wenig ausgeprägt eine fruchtbare Streitkultur ist. „Viele sind nicht fähig, sachlich miteinander zu diskutieren. Wenn ich beispielsweise als Kunde einen Standpunkt darlege, muß ich Widerspruch ertragen können. Die Wenigsten beherrschen das.“ Sein Rat: weniger Ellbogen als vielmehr Einfühlungsvermögen. Wer einen Posten in gehobener Stellung anstrebt, sollte sich rechtzeitig mit Führungsverhalten auseinandersetzen. „Ich habe bereits Anfang der 60er Jahre als Student solche Seminare besucht. Meine Kommilitonen haben mich damals für verrückt erklärt.“ Die Häme prallte an Nienhaus ab. „In der täglichen Praxis waren diese Erfahrungen und Kenntnisse von unschätzbarem Wert.“
WOLFGANG SCHMITZ
Wer sich nicht den nötigen Weitblick verschafft, wird auch seinen beruflichen Horizont nicht erweitern. Die deutsche Ingenieur-Ausbildung hat hier großen Nachholbedarf.

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