Karriere 19.04.2002, 17:33 Uhr

Nach langer Orientierungsphase erfolgreicher Start in der Lkw-Entwicklung

Spät einsteigen, voll durchstarten – Regine Crämer hat nach einer vergleichsweise langen Orientierungsphase ihren Lieblingsjob gefunden. Die Diplom-Ingenieurin (FH) leitet in der Nutzfahrzeugvorentwicklung von DaimlerChrysler seit März 2001 ein 15-köpfiges Projektteam über die strategische Ausrichtung zukünftiger Diagnosesysteme, Kategorie „Streng geheim“.

Regine Crämer ging von Anfang an ihren eigenen Weg. Erstmals für Außenstehende nachvollziehbar wurde der eher ungewöhnliche Werdegang der 1964 in Tübingen geborenen jungen Frau schon 1982. Damals verließ sie die örtliche Gesamtschule zwar als Sprecherin, aber unzufrieden mit dem, ihrer Meinung nach, lebensfernen Lernangebot – und ohne Allgemeine Hochschulreife. „Ich wollte unbedingt etwas Praktisches machen“, sagt Crämer rückblickend, „und ich war es leid, irgendwen für Service und Wartung meines Motorrades um Hilfe fragen zu müssen.“ Know-how musste her, dazu bot sich der Beruf als Kfz-Mechaniker an. Die Tübinger Post bildete damals Kraftfahrzeugmechaniker/innen aus, „und zwar für Kraftfahrzeuge aller Größen“, wie Regine Crämer mit Blick auf ihre seither bestehende Liebe zum Nutzfahrzeug betont. Der sehr erfolgreich abgeschlossenen Ausbildung folgte dann auch gleich der Führerschein Klasse Zwei – „auf eigene Rechnung“, was Crämers Lastwagen-Faible unterstreicht.
Die anschließende Zeit als Kraftfahrzeugmechanikerin in einem Autohaus gilt es allerdings zu vergessen. Ein „mieses Arbeitsklima durch eine nicht eben frauenfreundliche Stimmung auf Kollegenebene“ machten die Trennung von diesem Job für Regine Crämer unausweichlich. Der Kündigung folgte ein neues Projekt: raus in die weite Welt. Aus einem Afrika-Trip wurde eine Omnibusüberführung innerhalb des schwarzen Kontinents, daraus entsprangen Wunsch und Wirklichkeit des „Führerscheins zur Personenbeförderung“ und fortan regelmäßige Fernfahrten mit Reisebussen in „praktisch alle Länder Südeuropas“. Parallel praktizierte die junge Frau Crämer, seit 1989 Mutter von Tochter Ronja, auch das eher familienverträgliche, weil heimatnahe Lastwagenfahren mit ausgewachsenen „40 t-Kiesbombern“. Durchaus spannend, wie Regine Crämer heute meint, aber auf Dauer nicht ausfüllend. Als allein Erziehende finanziell abgesichert durch das Mutter-Kind-Programm, nutzte sie die Chance, um sich auf das Fernabitur vorzubereiten. Dies in der Tasche, kam 1994 Tochter Tanja zur Welt.
Regine Crämer entschied nun, sich durch ein Studium beruflich zu verbessern, „um einerseits den Wissensdurst zu stillen, und andererseits, um ihre Familie ernähren zu können.“ Ein Maschinenbaustudium an der FH Esslingen wurde selbst verordnet, Fachrichtung Entwicklung und Konstruktion. Mit „Rieseninteresse und sehr viel Spaß“ eilte Regine Crämer durch die acht Semester, häufte parallel während eines Praktikums bei ABB Turbosystems noch einiges an Wissen über Strömungsmaschinen an. Ihr Motto: „Man sollte sich von Anfang an auf breiter Front schlau machen“. Sie schrieb zum Abschluss des Studiums eine Diplomarbeit über „Untersuchungen zum elektromechanischen Antrieb der Nebenaggregate eines Nutzfahrzeugs mit einem Brennstoffzellensystem und die Auswirkungen auf das Gesamtsystem“.
Das dann schon mit deutlichem Bezug zu DaimlerChrysler, denn die Betreuung der Diplomarbeit lag bei Dr. Johannes Töpler, DC-Lehrbeauftragter an der FH Esslingen. Der war es auch, der Regine Crämer aufgrund ihrer fachlichen und teamorientierten Fähigkeiten geradezu drängte, sich bei Daimler-Chrysler zu bewerben. Dieser Bewerbung anno Ende ’99 folgten sogleich drei Stellenangebote, die 35-jährige Diplom-Ingenieurin Regine Crämer konnte also aussuchen. „Bei den Nutzfahrzeugleuten fühlte ich mich sofort heimisch“, kommentiert sie ihre Entscheidung für die „Vorentwicklung Lkw-Gesamtfahrzeug, Innovative Fahrzeugfunktionen“.
Und auch ihr heutiger Chef Dr. Jürgen Trost, Leiter der Vorentwicklung Mercedes-Benz-Lkw, erinnert sich gern an das erste Kennenlernen seiner neuen Mitarbeiterin: „Besonders ihre ausgeprägten Kommunikationsfähigkeiten bei gleichzeitig hoher sozialer Kompetenz haben mich bei Regine Crämer schon im Vorstellungsgespräch sehr beeindruckt.“ Konsequent und ohne Umwege bereitete Trost die Späteinsteigerin auf ihre heutige Tätigkeit im Feld strategische Diagnosekonzepte vor.
„Nach nur einem Jahr Einarbeitung, unter anderem in zwei kleineren Projekten, war Regine Crämer fit für ihr aktuelles Thema.“ Bis zu 20 Frauen und Männer aus den unterschiedlichsten Bereichen bringt sie seither unter einen Hut. Regine Crämers Erfolgsrezept geht auch hier wieder auf: „Über den Tellerrand hinausblicken, die Stärken anderer erkennen und nutzen, Menschen integrieren – und von allem Ahnung haben.“ HANS-JÜRGEN WILDHAGE

Ein Beitrag von:

  • Hans-Jürgen Wildhage

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