Karriere 30.04.1999, 17:21 Uhr

„My boss told me so!“

Das große Geld ist für Ingenieure in Thailand nicht zu machen. Dafür locken andere, nicht minder reizvolle Erfahrungswerte in das Land, das die meisten Deutschen nur als Touristen kennenlernen.

Auch in Thailands Industrie hat das Qualitätsmanagement Einzug gehalten. Trotz Asienkrise investieren ausländische Firmen nach wie vor in Thailand und profitieren von dem niedrigen Lohnniveau und der Nähe zum Endlieferanten. Insbesondere diese Investoren mit ihren hohen Qualitätsstandards zwingen Thailand, sich dem Qualitätswettbewerb zu stellen. Kann man also den Gedanken „Thailand – Low-Quality“ aus seiner Vorstellung streichen? Wie sieht es hinter den Kulissen aus?
Die Arbeitsbedingungen sind mit denen Deutschlands nicht zu vergleichen. Das Hierarchie-Denken ist viel ausgeprägter als in Westeuropa. Bei der Durchführung regelmäßiger Qualitätszirkel, in denen bestehende Prozesse diskutiert und geändert werden sollen, schweigen thailändische Mitarbeiter meist und stimmen dem Teamleiter in fast allem zu.
Die Befürchtung, das Gesicht zu verlieren oder den Kollegen bloßzustellen und dadurch zu entehren, läßt Kritik nicht zu. Der Vorschlag für eine Änderung wird dem Teamleiter im Einzelgespräch „durch die Blume“ unterbreitet. Wer auf Teamarbeit setzt, bleibt also meist allein.
Überhaupt gibt sich der Thailänder ungern eine Blöße. So werden Anweisungen ausgeführt, ohne daß sie verstanden wurden. Man gibt nicht gerne zu, die Erklärung nicht verstanden zu haben – besonders wenn „einer aus dem Westen“ den Auftrag erteilt. Bei Fragen nach Sinn und Unsinn bestimmter Verfahrensabläufe erhält der erstaunte Experte nicht selten die Antwort: „My boss told me so.“
Eine bedeutsame Ursache des vielfach mangelnden Qualitätsverständnisses der Thailänder ist die fehlende Ausbildung in diesem Fach, die generell fehlende Allgemeinbildung und vor allem der Frontalunterrichtstil in Schulen und Universitäten. Schüler werden nur selten zum selbständigen Denken und zur Übernahme von Verantwortung angeregt. Immerhin bieten Zertifizierungsunternehmen, so auch der deutsche TÜV, Lehrgänge zur Ausbildung von einheimischen Auditoren an.
Im Betrieb fehlen in aller Regel erfahrene Mitarbeiter für den Bereich Qualitätsmanagement, die auch über die dringend erforderlichen Führungseigenschaften verfügen. Durchsetzungsvermögen gegenüber den einheimischen Mitarbeitern und diplomatisches Geschick beim Jonglieren zwischen westlich-japanischer Führungsebene und den Thai-Mitarbeitern sind erforderliche Eigenschaften, die sich im Laufe der Zusammenarbeit einstellen und festigen.

Deutsche Ingenieurausbildung steht hoch im Kurs

Die besten Chancen bei der Stellensuche haben Kandidaten aus Deutschland bei europäischen oder US-Unternehmen. Zwei Wege sind bei der Bewerbung erfolgversprechend: zum einen über eine Firma in Deutschland, die eine Niederlassung in Thailand hat, wobei die finanziellen Konditionen wie Wohnungsgeld und Auto ideal sind. Jedoch schwindet diese Chance zusehends, da viele Unternehmen an dieser Stelle zu sparen gedenken und auf einheimische Arbeitskräfte setzen.
Größeren Erfolg verspricht ein Praktikum oder eine Diplomarbeit bei einer deutschen Firma. So gewinnt der Bewerber Einblicke in die Unternehmensstruktur und lotet aus, wo sich eine freie Stelle ergeben könnte.
Da bei europäischen Firmen die deutsche Ingenieurausbildung hoch im Kurs steht, erhalten auch Jungingenieure ein gutes Gehalt. Eine Arbeitserlaubnis zu bekommen ist in der Regel kein Problem.
Was aber macht Thailand für junge Ingenieure so attraktiv – abgesehen von Sonne und Meer? Da die meisten Auslandsniederlassungen eigenständig operieren und sich im Auf- oder Ausbau befinden, besteht die Möglichkeit, schnell Verantwortung zu übernehmen. Jungingenieuren wird schon nach kurzer Zeit die Leitung von Projekten übertragen – eine nicht zu unterschätzende Erfahrung, da der Sprung ins kalte Wasser in Deutschland eher die Ausnahme ist.
Der technische Standard in Thailand ist beachtlich. Westliche und japanische Produktions- und Installationsfirmen sorgen für hohes Niveau. Generell ist die Ingenieurqualifikation der Thais aber nicht vergleichbar mit der deutschen Ausbildung. Dem Besucher aus dem Westen kommt daher meist die Rolle des Technik-Vermittlers zu.
Klimatische Bedingungen, lange Arbeitszeiten, häufige Wochenendarbeit sowie die Sprachbarriere dürfen nicht abschrecken. Auch die zunächst sehr eigentümlich erscheinende Denkweise der Kollegen bedarf einer gewissen Eingewöhnungszeit und sollten als Ansporn und Gewinn betrachtet werden, weniger als Belastung. Für eine kurze Zeit im Ausland sind diese neuen Erfahrungen spannend, bleibt man für Jahre, wird es zur täglichen Herausforderung.
Für die Karriere kann ein Aufenthalt in Thailand nur nützlich sein. Die schönen Erinnerungen werden den deutschen Gastarbeiter aber über das Berufsleben hinaus begleiten – spätestens, wenn er an die Worte „My boss told me so“ zurückdenkt.
CLAUDIA KOCH
Tourismus und Landwirtschaft sind die wirtschaftlichen Eckpfeiler Thailands. Deutsche Ingenieure wie Claudia Koch sorgen dafür, daß sich dieses Bild zusehends ändert.

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