Fachkräftemangel 11.05.2012, 11:57 Uhr

Mitarbeiter werben Mitarbeiter

Der Fachkräftemangel macht kreativ

„Unternehmen spüren wegen des Fachkräftemangels langsam den Schmerz und werden erfinderisch“, sagt Armin Trost, Wirtschaftspsychologe und Professor für Personalmanagement an der Business School der Hochschule Furtwangen. Das Gebot der Stunde lautet, aktiv nach Kräften zu fahnden, um sie zu werben, sie zu begeistern und zwar von Leuten, die das authentisch können wie kein Personaler oder Headhunter: Mitarbeiter. Sie sind die neuen Kopfjäger. Motivierend wirken Barprämien, Reisen oder andere Annehmlichkeiten.

Mitarbeiter werben Mitarbeiter: Strategie fruchtet bei Ingenieuren

Gerade im technischen Umfeld fruchtet die Methode Mitarbeiter werben Mitarbeiter: „Die meisten qualifizierten Ingenieure suchen nicht auf Karrieremessen oder per Anzeige einen neuen Job. Sie sind eher latent wechselwillig“, weiß Trost. Sie können, müssen aber nicht eine neue Herausforderung annehmen. „Diese Kräfte, die mit üblichen Methoden nur schwer oder gar nicht erreichbar sind, werden am ehesten mit Mitarbeiter-Empfehlungsprogrammen angesprochen“, sagt Trost.

Der Wissenschaftler hat rund 150 Mitarbeiter-Empfehlungsprogramme deutscher Unternehmen untersucht und zieht eine überaus positive Bilanz: „Ich kenne nur Erfolgsgeschichten.“ Im Schnitt führten sieben Empfehlungen zu drei Einstellungen. Mehr noch: „Die Qualität der Empfohlenen ist extrem hoch“, betont Trost. Aus zwei Gründen: Zum einen bewahrheitet sich die Weisheit „Gute Leute kennen gute Leute“ und zum anderen wird sich der Empfehlende seinen Schritt dreimal überlegen, weil er sich kaum erlauben kann, seinem Chef eine Niete ans Herz zu legen – egal wie hoch die Prämie ist, die lockt. Dazu passt auch, dass meist nicht Kumpels und alte Schulfreunde empfohlen werden, sondern Fachleute aus losen Verbindungen. Besonders Ingenieure haben einen guten Draht zu Gleichgesinnten, die sie auf Projekten, bei Kongressen oder in sozialen Netzwerken kennengelernt haben, berichtet Trost.

„Da Mitarbeiter in Zeiten der sozialen Netzwerke automatisch als Botschafter des Arbeitgebers unterwegs sind, liegt es doch nahe, dass die direkte Recruiting-Unterstützung der Kollegen in derartigen Programmen münden“, sagt Marcus Reif, Head of Recruitment and Employer Branding der Wirtschaftsprüfergesellschaft Ernst & Young.

Ernst & Young: Mitarbeiter werben Mitarbeiter mit Erfolg

Seit gut zehn Jahren finden in dem Unternehmen Kollegen neue Kollegen. „Wir freuen uns über eine Erfolgsquote von 10 % bis 15 %. Zum Vergleich: Bei der herkömmlichen Rekrutierung ist die Quote in etwa nur halb so hoch“, sagt Reif. Was ihn nicht weiter verwundert: „Unsere Kolleginnen und Kollegen kennen das Unternehmen sehr genau und wirken authentisch als Botschafter“, erklärt Reif, „Die Empfehlung von Menschen aus dem persönlichen Umfeld ist konkret und präzise. Unsere Kollegen wissen, welche Chancen in welcher Karriereoption stecken, kennen die Profile recht gut und können perfekt aus dem persönlichen Alltag berichten.“ Und: Sie kennen die Unternehmenskultur und haben ein Gefühl dafür, wer dazu passt.

Auf diesen Effekt setzen mittlerweile Unternehmen von Adidas bis Siemens. Adidas zahlt in der Regel 1000 € für eine Empfehlung, die durch eine Sachprämie oder ein Zuckerl, wie jetzt eine Reise zu den Olympischen Sommerspielen in London, garniert werden kann. „Auch wenn wir derzeit kein konkretes Programm aufgelegt haben, ist eine Incentivierung bei guten Empfehlungen jederzeit drin“, lässt ein Siemens-Sprecher wissen.

Großzügig zeigt sich auch Ernst & Young: „Für die Einstiegspositionen bei Absolventen sagen wir mit 2500 € Danke. Die weiteren Prämien sind nach Seniorität gestaffelt“, berichtet Ernst & Young-Rekrutierungschef Reif.

Prämien für erfolgreiches Mitarbeiter-Recruiting durchschnittlich bei 1500 €

Mitunter werden gar fünfstellige Beträge gezahlt. Und das ist immer noch günstiger als kostspielige Kampagnen zu starten, auf Karrieremessen unterwegs zu sein oder einen Headhunter zu beauftragen, der sich eine erfolgreiche Suche mit mindestens einem Drittel des Jahresgehaltes seines Fangs honorieren lässt. Trost hat ermittelt, dass hiesige Unternehmen im Durchschnitt 1500 € zahlen.

In den USA ist ein Mehrfaches dieser Summe an der Tagesordnung. Dort agieren Mitarbeiter schon deutlich länger als Headhunter. Bei Unternehmensberatungen sind die Programme „Recruit a friend“ fast schon Standard. Denn die Idee ist einfach, schnell und kostengünstig umzusetzen. „Gerade auch in kleinen und mittleren Betrieben“, sagt Trost.

Doch so attraktiv dieser neue Rekrutierungskanal auch ist – übertreiben sollte man damit nicht, denn aktives Abwerben während der Arbeitszeiten könnte nicht den erhofften Effekt, sondern einen Termin vor Gericht nach sich ziehen. „Wir appellieren daran, dass nur aus dem direkten persönlichen Umfeld eine Empfehlung erfolgt.

Eine mögliche Entwicklung hin zu Inhouse-Personalberatungen erwarten wir nicht“, sagt Reif. Die Profis der Personalberaterbranche werden das gern hören – doch eine Konkurrenz ist ihnen trotzdem erwachsen.

Ein Beitrag von:

  • Chris Löwer

    Chris Löwer arbeitet seit mehr als 20 Jahren als freier Journalist für überregionale Medien. Seine Themenschwerpunkte sind Wissenschaft, Technik und Karriere.

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