Karriere 25.01.2002, 17:32 Uhr

Männerdomäne wird erobert

Maschinen- und Anlagenbauer suchen verstärkt weibliche Fachkräfte, vor allem Ingenieurinnen. Die zunehmende Kundenorientierung erfordert auch von Technikern mehr Kommunikationstalent – eine Fähigkeit, die Frauen häufiger zugeschrieben wird.

Der Anteil von Frauen in Ingenieurberufen steigt langsam, aber stetig. Barbara Ennemoser ist eine der wenigen Ingenieurinnen, die sich in der Männerwelt des Maschinenbaus durchgesetzt hat. Die 38-Jährige arbeitet bei LM Liftmaterial in München in der Abteilung Verkauf Deutschland, wo sie für Werbung und Marketing zuständig ist. „Ich will was zum Anfassen“, erklärt Ennemoser ihre Vorliebe für den Maschinenbau. Nach ihrem Studium an der FH München war sie immer in diesem Bereich tätig, mit nur einem kurzen Abstecher in die Chipherstellung.

Seit fast neun Jahren plant Ennemoser für die Münchner LM nun Aufzüge. Zu ihren Aufgaben gehören Verhandlungen mit Kunden und Bauherren, oft direkt auf der Baustelle. Der raue Ton der Baubranche werde gegenüber einer Frau sanfter, hat Ennemoser bemerkt. Sie glaubt, dass es ihr mitunter leichter falle als Kollegen, Einverständnis zwischen allen Beteiligten zu erzielen. Sensibilität zahle sich aus, betont Ennemoser, rät aber angehenden Ingenieurinnen: „Man darf kein Mimöschen sein.“

Ennemoser hatte kaum Vorbilder bei ihrer Berufswahl, doch dass sie mit ein, zwei anderen Frauen allein unter 200 bis 300 Männern studierte, amüsierte sie eher, als dass es sie belastete. „Bei Exkursionen hat mancher Werkstattleiter komisch geguckt“, erinnert sich Ennemoser. Wenn sie ihr Fachwissen auspackte, guckte jedoch niemand mehr komisch. Und Ennemoser handelte konsequent, wenn sie Diskriminierung erfuhr. Zwei Jobs kündigte sie, weil männliche Kollegen gleichen Rangs mehr verdienten.

Interessierten Abiturientinnen würde Ennemoser auf jeden Fall raten, sich fürs Fach Maschinenbau einzuschreiben. „Frauen müssen aber mindestens so gut sein wie Männer, eher besser.“ Doch die Statistik zeigt, dass Ingenieurinnen am Arbeitsmarkt gute Chancen haben.

Im Maschinen- und Anlagenbau sind über 130 000 Ingenieure beschäftigt, seit 1982 hat ihre Zahl um über 50 % zugenommen und der Bedarf steigt weiter. Bis 2006 rechnen 77 % laut der VDMA-Ingenieurerhebung 2000 mit einem steigenden Bedarf an Ingenieuren. Frauen nehmen langsam, aber stetig ihre Chancen in der Wachstumsbranche wahr: Der Anteil der Ingenieurinnen ist laut einer Umfrage des Verbands Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) von 4,5 % im Jahre 1998 auf 5,9 % im Jahr 2001 gestiegen. Die rund 7700 Ingenieurinnen arbeiten meist in nicht-produzierenden Unternehmen, zum Beispiel bei Dienstleistern, Softwareentwicklern u.ä. In diesem Bereich erreichen Ingenieurinnen einen Anteil von immerhin 8,8 %.

Wenn es nach Manfred Wittenstein ginge, wären viel mehr Frauen Maschinenbauerinnen. Der Vorsitzende des VDMA-Ausschusses „Forschung und Innovation“ sagt: „Innovationen und der Zwang zu ständigem Wissenstransfer verlangen soziale Kompetenz, Kommunikationsfähigkeit und Offenheit für andere Gedanken.“ Zwar will Wittenstein nicht so weit gehen, Männern diese Fähigkeiten gänzlich abzusprechen, doch seiner Meinung nach seien sie bei Frauen häufiger zu finden. Wittenstein fordert von Ingenieuren Entdeckerfreude, Risikobereitschaft und Mut zum Scheitern, denn „es gibt ja nicht immer nur die eine Lösung“.

Außerdem beobachtet Wittenstein in seinem eigenen Betrieb als Vorstandsvorsitzender der Wittenstein AG, dass Frauen sorgfältiger arbeiten als Männer. Deshalb sind in seinem Unternehmen jetzt 20 % der Beschäftigten Frauen, bei steigender Tendenz.

Eine von ihnen ist Tanja Feldmeier, die bei der Alpha Getriebebau, einem Unternehmen der Wittenstein-Gruppe, den Bereich „Technische Schulungen“ leitet. Die 28-Jährige absolvierte zunächst eine Ausbildung als technische Zeichnerin, paukte aber berufsbegleitend für die Fachhochschulreife und studierte dann Maschinenbau. Sie wollte Technik nicht nur zeichnen, sondern selbst entwerfen. Mit ihren Mit-Studenten hatte die junge Frau keine Probleme, eher schon mit Vorbehalten so manch älteren Professors.

Doch seit Feldmeier mit 23 Jahren als Jüngste ihres Jahrgangs das Studium abschloss, konnte sie sich gut behaupten. Bei Projekten sei es von Vorteil, wenn Männer und Frauen zusammen arbeiten, weil jeder ein Problem aus einem anderen Blickwinkel betrachte, meint sie. Jetzt schult sie andere Fachleute in Sachen Antriebstrangausrichtung, in diesem Bereich kann ihr niemand etwas vormachen. Hinzu kommt ihre ausgeprägte kommunikative Begabung: „Im Schulungsbereich bin ich absolut richtig, hier kann ich Leute motivieren“, sagt Feldmeier. Sie würde jedem Mädchen raten, ein technisches Studium anzugehen, denn: „Egal ob Kindergärtnerin oder Maschinenbauerin, was zählt, sind die eigenen Interessen und der Spaß am Beruf.“

CHARLOTTE SCHMITZ

 

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