Arbeitsmarkt 24.03.2000, 17:24 Uhr

Konkurrenz unterbindet Ausbildung

Man muss nicht Informatik studiert haben, um hier mitzumischen. Dennoch will die Wirtschaft Experten aus dem Ausland.

Java ist nicht nur der Name für die größte der südostasiatischen Sundainseln, sondern eine Internet-Programmiersprache, die auch hier zu Lande eine Art „Inseldasein“ führt. Viel zu wenige Software-Experten haben nach Angaben der bundesdeutschen IT-Unternehmen genügend Kenntnisse – nicht nur in dieser komplexen Sprache -, um der boomenden Auftragslage gerecht zu werden. Der Börsenneuling Pironet AG in Köln fahndete deshalb schon vor Monaten weltweit im Internet nach passenden Mitarbeitern. Jetzt, pünktlich zur Aktion Green Card, ist Nandakumar Devi aus Bangalore, der Hauptstadt der IT-Cracks in Indien, nach neun Monaten bürokratischen Hürdenlaufes mit einer befristeten Arbeitserlaubnis in Köln gelandet. Der 24-Jährige weist den Uni-Abschluss „Bachelor of Engineering“ und Berufserfahrung in internationalen Projekten vor und wird ein Jahr für das Internet-Softwarehaus als Anwendungsprogrammierer tätig sein. Zu Konditionen „wie ein deutscher Mitarbeiter auch“, sagt Pressesprecher Marcus Schmidt. Der Mangel an Fachkräften ist kein Schicksalsschlag. „Manchmal auch von den Unternehmen selbst verschuldet, weil die sich teilweise vor einer kostenintensiven Aus- und Weiterbildung scheuen“, sagt Schmidt. Dazu gehört u.a. die firmeninterne Zertifizierung, beispielsweise zum Certified Internet Engineer (CCIE) u.a. für Netzwerk-Konzeptionen. Viele Firmen hätten Angst, dass ihnen die fertig ausgebildeten Leute wieder weglaufen. IT-Leute sind begehrt, Headhunter immer auf der Suche. Zudem gilt: Ein Internet-Jahr hat etwa drei Monate. In Null-Komma-Nichts ist das Wissen überholt und eine Nachschulung ist erforderlich.
Es gestaltet sich ein wenig wie das Lesen im Kaffeesatz, herauszufinden, wie viele ausländische Spezialisten mit Software- und Netzwerkkenntnissen gebraucht werden. Die Zahlen der Bundesanstalt für Arbeit (BA) in Nürnberg, Organisationen und Interessensgruppen schwanken zwischen 30 000 und 100 000 fehlenden Mitarbeitern. 20 000 Greencards sind bewilligt, derzeit sind allerdings noch einige rechtliche Probleme aus dem Weg zu räumen, bis die ersten verteilt werden. Prof. Dr. Ing. Ernst Denert, Vorsitzender des Vorstandes der sd&m AG in München, hält die ganze Initiative sowieso für einen Tropfen auf den heißen Stein. „Uns fehlen in erheblichem Maße Diplom-Informatiker von Universitäten und

Die neuen Ausbildungsberufe müssen sich noch bewähren

Fachhochschulen“, beklagt der Firmenchef. Auch die neuen IT-Ausbildungsberufe (II-System-Elektroniker, Fachinformatiker, IT-System-Kaufmann, Informatikkaufmann) helfen seiner Ansicht nach nicht. „Wir können für unsere Art von Entwicklungstätigkeit nicht Leute gebrauchen, die über Realschule und eine Lehre zu uns kommen“, meint Denert. Das hört Werner Steckel, Leiter des Referates für berufliche Förderung bei der BA, nicht gern. Einige Arbeiten können nicht nur Akademiker ausführen. Das Niveau ist von den Unternehmen sehr hoch gehängt. Hier sollten Zugeständnisse gemacht werden“. Die ersten Absolventen dieses dualen Ausbildungssystems haben gerade ihre Tätigkeiten aufgenommen. Es wird zu beobachten sein, inwieweit sie komplexe Aufgaben übernehmen können, die sonst bislang von Hochschulabsolventen bewältigt wurden.
Politik, Wirtschaft, Gewerkschaften und Bildungsträger weisen sich gegenseitig die Schuld für die Personal-Misere zu. Die Zahl der Studierenden im Fachbereich Informatik nimmt zwar wieder zu (etwa 32 000 im Jahr 2000), doch im Fachbereich Elektrotechnik werden im nächsten Jahr voraussichtlich nur 6000 Absolventen dem Markt zur Verfügung stehen (1995 waren es 14 000). Vor allem vor dem Hintergrund, dass Elektroingenieure ein immer breiteres Arbeitsfeld bedienen, sei dies eine fatale Entwicklung, unterstreicht Bernd Fischer, Leiter der Hochschulmarketingabteilung bei der Siemens AG. Siemens sucht zurzeit 1100 Mitarbeiter im IT-Bereich, vorwiegend in der System- und Anwendungsentwicklung. Fischer stellt fest, dass die Studierenden in der Vergangenheit oft geisteswissenschaftliche Fächer gewählt haben. Dies sei vielleicht ein Indiz für ein möglicherweise nachlassendes Interesse am Thema Technik. Dass Anfang der 90er Jahre viele Ingenieure und Informatiker arbeitslos wurden und Berufseinsteiger keine Chance erhielten, sei die Konsequenz aus der damaligen schlechten wirtschaftlichen Entwicklung und ein durch den Mauerfall bedingtes Überangebot an Absolventen. Viele wären deshalb abgeschreckt worden, ein Ingenieur- oder Informatikstudium aufzunehmen. Man brauche jetzt die ausländischen Spezialisten. „Dem Inder liegt die Softwareentwicklung, er scheint ein Talent für das Denken in Algorithmen zu haben“, sagt Fischer. Auch mit IT-Mitarbeitern aus Temesvar in Rumänien habe man bereits gute Erfahrungen gemacht. Hartmut Hillebrand, Leiter Personalbetreuung bei der SAP AG in Walldorf, die zurzeit auch mehrere Hundert IT-Kräfte sucht, reizt die Möglichkeit, ausländische Software-Experten gezielt in die hauseigene Entwicklung zu holen und in die Entwicklungsteams zu integrieren. Eine Art „indische community“ – das fände er gut – nicht zuletzt, weil die deutschen Mitarbeiter dann sehen würden, dass es auch anderswo qualifizierte Leute gibt. Angelika Buff, IT-Beraterin aus Moers, sieht das Ganze skeptisch: „Das Problem ist, dass die Firmen Spezialisten wollen, die nicht nur auf einem Gebiet Könner sind, sondern von der Programmierung über Netzwerktechnik bis zur Verdrahtung alles beherrschen sollen.“
Der Nachfrage stehen 37 000 arbeitslose EDV-Spezialisten und 57 000 arbeitslose Ingenieure gegenüber. Doch wo EDV-Fachmann draufsteht, ist nicht unbedingt der gesuchte IT–Spezialist drin. Denn unter die Bezeichnung EDV fallen u.a. auch Hersteller von Druckvorlagen. „Informatiker gehen eben nicht zum Arbeitsamt“, sagt Dehnert von der sd&m AG. Quereinsteiger – und dazu gehören Ingenieure – haben laut Institut für Studien- und Berufsplanung in Köln selbst in den Kernbranchen IT-Beratung und IT-Herstellung gute Karten. Netzwerk-Wissen und Internet-Kompetenz sind Voraussetzung. Auch Kenntnisse betriebswirtschaftlicher Standardsoftware sind gefragt – allen voran SAP. Die Weiterbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen können beispielsweise Crash-Kurse sein (je nach Ausbildungsziel sechs bis zwölf Monate) oder Aufbaustudiengänge. CLAUDIA HANTROP
Java-Spezialisten wie Nandakumar Devi sind in der IT-Branche begehrt. Die Firma Pironet AG hatte ihn vor neun Monaten im Internet angeworben. Jetzt arbeitet der Mann aus dem indischen Bangalore in Köln.

Von Claudia Hantrop
Von Claudia Hantrop

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