Karriere 08.12.2006, 19:25 Uhr

Keine Angst vorm Verbiegen  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 8. 12. 06, ws – Fast in jeder Offerte wird ein flexibler Mitarbeiter gesucht. Aus berechtigtem Grund. Der Deutsche zeigt in der Regel wenig Veränderungsbereitschaft. Um im globalen Wettbewerb bestehen zu können, sind die Unternehmen deshalb auf Fach- und Führungskräfte angewiesen, die Flexibilität nicht als Verlust alter Strukturen, sondern als Entfaltungschance sehen.

Wissen Sie, wie groß die Summe aller Winkel im 32-Eck ist? Sollten Sie für die Antwort einige Minuten Bedenkzeit brauchen, ist das gut. Es kommt nicht einmal so sehr darauf an, ob Sie zum richtigen Ergebnis kommen. Die Hauptsache bei diesem „Brainteaser“ genannten und gerne im Bewerbungsgespräch eingesetzten Test ist, dass Sie sich richtig verhalten: situativ, also den Erwartungen Ihres Gegenübers angemessen.

Unterm Strich geht es um Ihre Flexibilität. Etwa die, sich in einer für die berufliche Zukunft entscheidenden Situation auf eine knifflige Denksportaufgabe einzulassen. Stefan Menden, Mitgründer des Karrierenetzwerkes squeaker.net, empfiehlt einem Getesteten vor allem Gelassenheit: „Lehnen Sie sich erst mal zurück und zerlegen Sie das Problem.“ Wichtig sei vor allem, kommunikativ zu sein und dem Gegenüber die Gedankengänge mitzuteilen.

Flexibilität (lat. flectere = biegen, beugen) ist im Arbeitsleben zu einer zentralen Vokabel geworden, zu einem Zauberwort. Kein Wunder, dass Arbeitgeber einen bieg- und beugsamen Mitarbeiter mit Ergebnisorientierung und Sinn für Zeiteffizienz zum Ideal erkoren haben. Kein Wunder auch, dass bei der Suche nach dem talentiertesten Nachwuchs sogar auf umstrittene Auswahlmethoden wie die „Brainteaser“ gesetzt wird, um den flexibelsten Kandidaten auf die Spur zu kommen.

Bei Stellenangeboten zeigt sich der Glaube an den „flexiblen Mitarbeiter“ deutlich. Die Formulierungen im mittleren Teil der Offerten sind beinahe austauschbar geworden. Nach einer kurzen Beschreibung der fachlichen Anforderungen folgt eine noch knappere Formel zu den gewünschten Persönlichkeitsmerkmalen: „Sie sind flexibel, offen, arbeiten team- und kundenorientiert.“ Das muss reichen.

Für Jobkandidaten liest sich solch eine Phrase zwar langweilig, vielleicht sogar abschreckend. Doch egozentrierte Fragen waren in dieser Phase des Bewerbungsprozesses schon immer fehl am Platz. Die inzwischen fast standardmäßige „Sie sind flexibel“-Formulierung bringt wenigstens auf den Punkt, worum es tatsächlich in der Arbeitswelt geht.

Das weiß Klaus-Peter Schöppner, Geschäftsführer der TNS Emnid Politik- und Sozialforschung in Bielefeld. Es geht um nichts weniger als die Zukunftsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Schöppner hat 3593 repräsentativ ausgewählte Bürger zwischen 18 und 65 Jahren in 15 Staaten der Europäischen Union im Rahmen telefonischer Interviews befragen lassen.

Die Ergebnisse der Untersuchungsreihe „Fit für die Zukunft“, die Emnid im Auftrag des „Informationszentrums der deutschen Versicherungen“ erstellte, waren ernüchternd: 87 % der Deutschen meinen, dass sich die Arbeitswelt in Zukunft sehr stark oder eher stark verändern wird. Aber nur 54 % erwarten, von diesen Veränderungen persönlich betroffen zu sein.

Offensichtlich schockiert über diese Einschätzung sagt der Chef-Demoskop mit leichtem Sarkasmus: „Die Veränderungsprozesse der Arbeitswelt scheinen damit kaum einen Deutschen etwas anzugehen.“ Schöppner spricht von einem „Weiß wohl – geht mich aber nichts an“-Syndrom.

Unternehmen, die im globalen Wettbewerb bestehen wollen, können sich Mitarbeiter mit einem solchen Defizit nicht leisten. Zumal es sich nicht auf die Fehleinschätzung der allgemeinen Rahmenbedingungen beschränkt, sondern auch das eigene Engagement einschließt. In puncto Mobilität beispielsweise rangieren die Deutschen auf der europäischen Vergleichsskala auf Platz 11 (von 15).

Laut Emnid-Studie stufen 72 % aller Deutschen die Bereitschaft, berufsbedingt umzuziehen, als sehr wichtig oder eher wichtig ein. Aber nur 49 % wären bereit, zugunsten der beruflichen Karriere die heimatliche Scholle zu verlassen. Frankreich nimmt im Ranking der Emnid-Studie mit 64 % Umzugsbereiten vor Großbritannien (60 %) den ersten Platz ein.

Vor dem Hintergrund dieser Zahlen wird zumindest nachvollziehbar, weshalb Unternehmen bei der Kandidatenauswahl für die Besetzung wichtiger Fach- und Führungspositionen so besonders großen Wert auf „umstellungsfähige“ Mitarbeiter legen.

Im globalen Wettbewerb haben die Arbeitgeber gar keine Alternative zur Flexibilisierung ihrer Unternehmensorganisation und damit auch ihrer Belegschaft. Flache Hierarchien und Teamarbeit sind ein Muss, wenn um internationale Kunden erfolgreich gebuhlt und mit über den ganzen Globus verteilten Lieferanten effizient zusammengearbeitet werden soll.

Tatsächlich gehören die starren Nine-to-Five-Jobs heute der Vergangenheit an. Sie haben großzügigen Gleitzeitregelungen Platz gemacht, die Partylöwen auszuschlafen ermöglichen und Eltern erlauben, ihre Kinder vor Arbeitsbeginn noch zur Schule zu fahren. Der Urlaub muss auch nicht mehr ein Jahr im voraus mit dem Chef abgesprochen werden, sondern die Teammitglieder können sich untereinander einigen – und so auch leichter auch mal kurzfristig umdisponieren.

„Insbesondere in der Zusammenarbeit mit Kunden stehen deren Wünsche im Vordergrund“, gibt Dipl.-Ing. Edgar Franosch, Geschäftsführer der Global Personal Concept Unternehmens- und Personalberatung in Köln zwar zu bedenken, aber insgesamt nennt Franosch den Flexibilisierungsprozess „ein Geben und Nehmen“, bei dem sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer gefordert seien.

Um Mitarbeitern persönliche Wünsche zu ermöglichen, gibt es nach seiner Überzeugung in den so genannten atmenden Organisationen „einen weiten Gestaltungsspielraum“ und „eine ganze Bandbreite theoretisch möglicher Reaktionen“.

Die wichtigste Voraussetzung, diese Möglichkeiten auszuschöpfen, hat Karrierenetzwerk-Mitgründer Stefan Menden bereits verraten: Die Gelassenheit, nicht sofort mit einer halbgaren Idee herauszusprudeln, sondern sich vor allem auf die Situation, die Umgebung und sein Gegenüber einzustellen. Denn eigentlich sind Brainteaser nicht so weit weg vom ganz normalen Businessalltag. Der erste Gedanke ist nicht immer der beste. R.-C. HENKEL

Buchtipp: Stefan Menden: Das Insider-Dossier – Brainteaser im Bewerbungsgespräch. Die 100 häufigsten Aufgaben gelöst, Verlag Squeaker.net, 2004, 132 S., 16,90 €

Von R.-C. Henkel
Von R.-C. Henkel

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