Karriere 13.08.1999, 17:22 Uhr

Kein Spaß an der Arbeit im Team

Teamarbeit kommt nicht besonders gut an, so eine aktuelle Studie. Deshalb versuchen Unternehmen neue Ansätze der Gruppenarbeit.

Schon früh galt die Gruppenarbeit als „Shooting-Star“ der Unternehmensorganisation. Man versprach wahre Wunderdinge. Früher arbeiteten Menschen in den Betrieben aneinander vorbei und blickten kritisch über den Zaun ihres eigenen Arbeitsplatzes auf die Fehler der anderen. Wie es anders gehen sollte, bewies vor allem das Volvo-Werk in Udevalla als Vorzeigebeispiel für Gruppenmontage im Automobilbau: Steigende Mitarbeiterzufriedenheit, plötzlich ansteigende Verbesserungsvorschläge und damit eine „kreative Kultur“ bei den in Gruppen umgewandelten Einzelarbeitsplätzen waren der vielzitierte Lohn.
Da ist auch Horst Wildemann, einer der führenden Betriebswirte in Deutschland, keine Ausnahme. Für ihn ist Gruppenarbeit nach wie vor ein „Hygienefaktor“, frei nach dem Motto: „Ohne Gruppenarbeit können Sie alle anderen Ziele wie eine neues Vorschlagwesen, prämienbezogene Löhne und flexiblere Arbeitszeiten sowie die Beschleunigung von Entscheidungen direkt vor Ort vergessen.“ Auch die Vorteile für die Mitarbeiter, die in den Gruppen von den Spezialisten und Generalisten gleichermaßen profitieren, liegen für ihn auf der Hand: Arbeitsbereicherung, höhere Zufriedenheit und mehr Mitbestimmung lauten die Schlagworte. Ganz zu schweigen vom Nutzen für die Kunden.
So weit, so gut, wären da jüngst nicht in vielen Betrieben unübersehbare Verunsicherungen und Ermüdungserscheinungen in Sachen Gruppenarbeit zu erkennen. „Bei der Beratung vor Ort entdeckt man gerade in vielen kleinen und mittleren Betrieben Sättigungs-, ja sogar Sterbenseffekte, was die Teamarbeit angeht“, hat Manfred Schlund vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart beobachtet. In so mancher Chefetage wird nach einer ersten Euphorie Anfang der 90er Jahre nun bilanziert: Was hat uns die Einführung der Gruppen gebracht?
Soeben hat das Institut Arbeit und Technik (IAT) in Gelsenkirchen in einer aktuellen Studie festgestellt, daß die Gruppenarbeit zwar in den letzten fünf Jahren um 70% zugenommen habe, im Ergebnis jedoch gerade mal 6,9% aller Beschäftigten in Gruppen arbeiten.
Und nicht nur das: In einigen Branchen wie der Automobilendmontage werden die Ansätze, Mitarbeitern in Arbeitsgruppen bei der Gestaltung ihrer Tätigkeit ein bestimmtes Maß an Freiheit zu überlassen, bereits wieder zurückgenommen. „Die Gruppenarbeitsskeptiker sehen sich in ihren Zweifeln bestätigt und plädieren dafür, die Dinge vielleicht doch lieber beim alten zu lassen“, hat IAT-Forscher Ulrich Pekruhl festgestellt.

Mercedes-Werk verzichtet ganz auf Teamarbeit

So hat man in den Opel-Werken die Taktzeiten für einzelne Beschäftigte deutlich reduziert und damit auch die Möglichkeit, Fertigungsgruppen ein bestimmtes Maß an Freiheit zu überlassen. Im neuen Mercedes-Werk in Rastatt sind Experimente mit der Einführung von Gruppenarbeit sogar völlig beendet worden, um zum alten System der Fließbandmontage zurückzukehren.
Doch wo liegen die Knackpunkte? Vor allem die Meister sehen sich beim Einsatz von teilautonomen Gruppen als vermeintliche Verlierer, die auf das von ihnen oft gepflegte „Chefimage“ plötzlich verzichten sollen. „Dort waren Unteroffiziersmethoden nach dem Motto: Zwei Minuten zu spät, raus! an der Tagesordnung, und plötzlich ist diese Aufsicht überflüssig“, so Horst Wildemann, und das will so mancher nicht akzeptieren. Tatsache ist, daß viele Unternehmen gerade die Vorbehalte ihrer langjährigen Mitarbeiter oft unterschätzt haben. Von den früheren „Einzelkämpfern“ wird nun verlangt, kreative Mitgestalter zu werden und Kollegen nicht mehr zu beaufsichtigen, sondern als gleichberechtigte Teammitglieder zu akzeptieren. Der Bochumer Arbeitswissenschaftler Martin Kröll rät vor diesem Hintergrund, die „missionarische Arbeit zugunsten der Gruppenarbeit“ in seinem Betrieb „lieber nicht zu übertreiben“ und in Einzelfällen statt dessen auch einmal über einen Personaltausch nachzudenken: „Schließlich geht der Erfolg der Gruppenarbeit bei Opel Eisenach nicht zuletzt auch auf das Konto eines völlig neuen Personalbestandes.“
Auch bei BMW gilt inzwischen die ernüchternde Faustformel, daß jeder zehnte Mitarbeiter die Gruppenarbeit ablehnt, egal ob sie im Werk neu eingeführt wird und schon seit Jahren etabliert ist. So überlegen die Verantwortlichen dort bereits seit längerem, neue Mitarbeiter zukünftig schon in den Bewerbungsverfahren stärker auf ihre Teamfähigkeit zu überprüfen. Um die Gefahr des „Gruppenzwangs“ schon früh zu bekämpfen, hat sich das Forschungszentrum Karlsruhe zu einer Ausbildungskooperation mit den benachbarten Klein- und Mittelbetrieben entschlossen. Dort werden Auszubildende neben ihrer Ausbildung in den Betrieben regelmäßig ins Forschungszentrum beordert, um dort über Betriebs- und Berufsgrenzen hinweg in kleinen Gruppen an gemeinsamen Projekten zu arbeiten. Ein Gruppentraining quasi von der Pike auf, um so spätere Störungen zu vermeiden.
Ein Umdenken, das dringend erforderlich scheint. Denn für IAO-Wissenschaftler Schlund steht den meisten Betrieben ihre wirkliche Herausforderung in Sachen Teamarbeit erst noch bevor: „Eigentlich waren die stabilen Gruppen innerhalb der Betriebe bislang nur ein Übungsfeld.“ Denn als große Bewährungsprobe warte nun auf dem Weltmarkt die virtuelle Organisation, und zwar in Form von offenen Kooperationen mit den Firmen, die die ausgelagerten Leistungen übernommen haben. Schlund: „Wer diese Experten ins Unternehmen holen will, muß mit ihnen ganz gezielt neue Gruppen bilden.“
„Sich an einen Tisch zu setzen und über ein Thema zu reden, das ist vor allem bei Ingenieuren und Technikern immer noch nicht selbstverständlich“, so Schlund weiter. Schon gar nicht mit internationalen Tischnachbarn. Da ist gut beraten, wer das schon vorher in den eigenen Räumen erfolgreich geübt hat.
ANDREAS LEIMBACH
Die Dirigenten, die Gruppen zusammenhalten und führen können, gehören für die Unternehmen zu einer seltenen Personengruppe.

Von Andreas Leimbach
Von Andreas Leimbach

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