Porträt 09.12.2011, 12:03 Uhr

Ingenieurin setzt auf Wertstoffe

Ludgera Decking gehört laut dib (Deutscher Ingenieurinnenbund) zu den TOP 25 Ingenieurinnen Deutschlands. Die Bauingenieurin hat ein krisengeschütteltes Entsorgungsunternehmen rekommunalisiert und ausgebaut. Auch das künftige Wertstoffgesetz wird teils ihre Handschrift tragen.

Was passiert, wenn ich Plastik in die Papiertonne werfe? „Das kann ein Problem werden“, antwortet Ludgera Decking auf eine Kinderfrage. „Möglicherweise erkennt der Infrarot-Scanner der Sortieranlage ein flaches Stück Plastik nicht. Allerdings wird das Altpapier von Hand nachsortiert, zumindest bei der Rhein-Sieg-Abfallwirtschaftsgesellschaft (RSAG), deren Geschäftsführerin Decking ist. Das Schlimmste sei eine Flasche Ketschup in der falschen Tonne.

Von Hause aus ist die 50-jährige Managerin Bauingenieurin mit dem Schwerpunkt Tief- und Straßenbau. Nach ihrem Studium an der Fachhochschule Münster arbeitete sie beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe, wechselte dann zur Kreisverwaltung Rhein-Sieg. Bei dem Job ging es um die Verfüllung von Kiesgruben, erinnert sie sich. So landete sie auf Umwegen in der Recyclingbranche. Nach der Wende machte sie einen Abstecher nach Potsdam, wo sie die Müllentsorgung aufbaute.

Ingenieurin Decking hat die Rhein-Sieg-Abfallwirtschaftsgesellschaft (RSAG) erfolgreich „rekommunalisiert“

2003 war die RSAG, eine hundertprozentige Tochter des Kreises, auf der Suche nach einem Geschäftsführer. Der Stuhl war richtig heiß: Der vorherige Inhaber saß wegen Korruption in Haft. Er wurde später zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, weil er vom NRW-„Müllbaron“ Trienekens 1,1 Mio. € Bestechungsgelder erhalten hatte. Die Verbraucher zahlten wegen der heimlichen Absprachen überhöhte Müllgebühren etwa für das Grünzeug. Die Ingenieurin mit dem ersten Jura-Staatsexamen Decking sollte nun den Karren aus dem Dreck ziehen und das Geschäft „rekommunalisieren“.

Die juristischen Auseinandersetzungen mit Trienekens und seinen Rechtsnachfolgern RWE und Remondis zogen sich etliche Jahre hin. Erst 2009 gelang es der RSAG, sich mit Trienekens auf einen Schadensausgleich von rund 19 Mio. € zu einigen. Das Geld soll auch den Kunden zugute kommen. Parallel dazu widmete sich Decking dem Umbau der RSAG. Bis dahin war diese nämlich eine reine Verwaltungsfirma. Sie hatte kein eigenes operatives Geschäft, 90 % des Umsatzes machte sie mit Trienekens. „Wenn man nur Aufträge erteilt, kann man zwar durch die Art und Weise des Auftrags steuern, wie die Leistung erbracht wird“, sagt die Managerin. „Aber während der Vertragslaufzeit hat man sehr wenig Einfluss darauf, was gemacht wird und wie es gemacht wird.“ Dieser Einfluss war ihr wichtig, den direkten Kontakt zu den Kunden wiederzugewinnen, ebenso.

Die RSAG investierte in Fahrzeuge und neue Papier- und Sperrmüll-Sortieranlagen, schaffte Arbeitsplätze und baute einen Containerdienst auf. Heute hat das Unternehmen rund 300 Beschäftigte und macht bei einem Umsatz von mehr als 70 Mio. € Gewinn. Die weiß-grünen Müllwagen fahren durch einen der größten Kreise bundesweit mit rund 600 000 Einwohnern und 12 000 Firmen jeglicher Größenordnung.

Für den Deutschen ingenieurinnenbund (dib) zählt Ludgera Decking zu den 25 einflussreichsten Ingenieurinnen Deutschlands

Unter anderem deshalb hat der Deutsche ingenieurinnenbund (dib) Ludgera Decking zu einer der 25 einflussreichsten Ingenieurinnen Deutschlands gekürt. Die Auszeichnung soll Frauen ermutigen, technische Berufe zu ergreifen. „Bei der FH Bonn-Rhein-Sieg liegt der Studentinnenanteil in den technischen Fächern unter 10  %: Das hat sich seit meiner Studienzeit nicht geändert“, sagt Decking. Die jungen Frauen wüssten nicht, welche möglichen Berufe es gibt, mutmaßt sie. „Und dass man nicht nur mit BWL und Jura in Positionen kommt, die Spaß machen.“ Dagegen hat sie Zweifel, dass es an der schwierigen Vereinbarung von Arbeit und Familie bei den Ingenieuren liegen könnte: „Die Entscheidung für oder wider einen Beruf fällt sehr früh – da macht man sich noch keine Gedanken um Kinder.“ Sie selbst hat keine. In ihrer Karriere habe das Geschlecht nie eine Rolle gespielt, sagt Decking. Dennoch hat sie eine Kollegin vom Jugendamt als Mentorin begleitet: „Frauen zögern einfach zu lange, Führungspositionen zu ergreifen.“

Sie nicht. Für den – damals befristeten – Vertrag bei der RSAG hat sie sogar auf den sicheren Beamtenstatus verzichtet. „Sie hat den Job ohne Rückfahrkarte angenommen“, so ihr Aufsichtsratschef Sebastian Schuster. Er hofft, dass die Geschäftsführerin weiterhin bodenständig bleibe und allen Verlockungen hartnäckig entgegentrete. Lukrative Angebote gibt es wohl einige, weil sich Decking viel Respekt über den Kreis hinaus erworben hat. Fachlich und auch politisch, durch ihr Engagement in verschiedenen Gremien wie dem Verband kommunaler Unternehmen. Sie vertrat ebenfalls die Interessen der kommunalen Abfallsammler im Planspiel des Bundesumweltministeriums bei der Vorbereitung des neuen Wertstoffgesetzes. „Es geht darum, wie die privaten und die kommunalen Systeme ineinandergreifen“, sagt sie. „Wir haben viele Vorschläge eingebracht. Mal sehen, was 2015 daraus wird.“

Decking: „In 20 Jahren werden wir darauf angewiesen sein, die Deponien aufzubuddeln.“

Als einer der ersten Entsorger verteilt die RSAG rund 180 000 schwarz-gelbe Wertstoff-Behälter an die Haushalte. Hineingeworfen werden nicht nur Verpackungen mit dem „Grünen Punkt“, sondern auch Kunststoffe und Metall. „Die Kunden waren mit den instabilen gelben Säcken sehr unzufrieden. Mit den neuen Tonnen können wir sie zufriedenstellen und gleichzeitig die Wertstoffe erfassen, die sonst im Restmüll landen“, sagt Decking. Mit der frühen Einführung der Wertstofftonnen will sich die Rhein-Sieg-Müllabfuhr auf einem umkämpften Markt behaupten. Langfristig soll der Verkauf ausgedienter Alupfannen und Plastikschüsseln an die verarbeitende Industrie Gewinne bringen.

Dass die Rohstoffe der Zukunft im alten Müll zu finden sind, davon ist Ludgera Decking übrigens überzeugt: „In 20 Jahren werden wir darauf angewiesen sein, die Deponien aufzubuddeln.“ Die RSAG besitze 30 ha Müllhalde: „Vielleicht sitzen wir auf einem Bodenschatz.“  

Ein Beitrag von:

  • Matilda Jordanova-Duda

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