Arbeitsmarkt 10.02.2006, 18:42 Uhr

„Ingenieure wanted“ rufen viele Firmen  

VDI nachrichten, Vancouver, 10. 2. 06, cha – In Kanada und den USA mehren sich die Klagen über einen akuten Fachkräftemangel. Dies ist nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass sich weite Teile der Industrie in den USA und Kanada mit der Umstellung auf höherwertige Güter und Dienstleistungen gegen die rasant wachsende Konkurrenz asiatischer Billig-Anbieter rüsten. Auch in Deutschland wird nach ihnen gesucht.

Randall Hempling hat es aufgegeben, Kandidaten über Stellenanzeigen zu finden. Der Chef des Barstow Community-Krankenhauses in Kalifornien sucht händeringend klinische Fachkräfte. Ein Headhunter vom anderen Ende des Kontinents in Florida hat Hempling gerade sieben Krankenschwestern aus Panama, Kolumbien und Italien vermittelt. Weil das nicht reicht, hat Hempling ein Kopfgeld ausgesetzt. Jeder Bewohner der Stadt Barstow bekommt 1000 Dollar auf die Hand, wenn er eine neue Kraft vermittelt.

Zwei Flugstunden nördlich, im Lisbon Valley in Utah, hat der Rohstoffkonzern Constellation Copper nach 95 % Fertigstellung den Bau seiner neuen Mine gestoppt. Das Unternehmen findet keine Rohrmonteure, um die Schmelzanlage in Gang zu setzen. Weitere zwei Flugstunden nördlich, im kanadischen Teil der Rocky Mountains, seufzt der Architekt Patrick McCusker über einer dicken Rechnung für Flugtickets. McCusker fand für den Bau des ultramodernen Skiresorts Silver Star Mountain in den Bergen von Vernon keine Handwerker, die das knifflige Fundament in dem karstigen Berg verankern konnten. Er musste eine Crew aus dem 4000 km entfernten Toronto einfliegen lassen. „Wir haben ganz schön geblutet“, sagt der Architekt mit Blick auf sein Budget.

Baufirmen aus British Columbia, wo ein Boom bei Immobilien und im Minensektor Investitionsprojekte für 63 Mrd. € aufgetürmt hat, suchen bereits in Deutschland Fachkräfte. Keith Sashaw, Präsident des Regionalverbandes der Bauwirtschaft in Vancouver, will im März Jobbörsen der Internationalen Arbeitsvermittlung ZAV in Leipzig, Rostock und München besuchen, um den schmerzhaften Fachkräftemangel in der Provinz zu lindern.

„Die Firmen schreien nach qualifizierten Fachkräften“, bestätigt Charlie Brimley, der Chef des Canadian Plastic Council. Hilferufe wie dieser sind derzeit überall zu hören in Nordamerika. Die SOS-Rufe nach Fachkräften gehen quer durch die meisten Branchen des verarbeitenden Gewerbes. Die rasch anwachsende Zahl pensionierter Baby Boomer ist dabei nur ein Teil des Problems. Kanadas Firmen müssen wegen der beschleunigten Verrentung in den kommenden fünf Jahren allein 300 000 zusätzliche Fachkräfte anheuern.

Auch strukturelle Veränderungen verschärfen die Lage am Markt für Fachkräfte. Weite Teile der Industrie in den USA und Kanada rüsten sich mit der Umstellung auf höherwertige Güter und Dienstleistungen gegen die rasant wachsende Konkurrenz asiatischer Billig-Anbieter. Das erfordert immer höhere Qualifizierungen. Mehr noch: Boomsektoren wie der Bau, die Minenindustrie, der Gesundheitsbereich, die Bildungsindustrie und Albertas Ölsandgebiete produzieren mehr neue Stellen, als der Markt Bewerber hergibt. Die Ölproduktion in Alberta wird bis 2015 verdreifacht, der Bedarf an Monteuren, Ingenieure, Geologen und anderen Fachkräften explodiert bereits. Bis 2011 sollen mindestens 17 000 neue Jobs entstehen. „Wenn Sie auf diesem Gebiet qualifiziert sind, müssen Sie nur nach Alberta fahren und sagen, hier bin ich“, beschreibt Mark Daniel in der Personalabteilung bei Inco, dem weltweit größten Nickelproduzenten, die Situation.

Über 40 % der gewerblichen Betriebe finden nicht genügend Fachkräfte“, sagt der Verband der Canadian Manufacturers and Exporters. Allein die Flugzeughersteller im ostkanadischen Quebec, allen voran der weltweit drittgrößte Jet-Produzent Bombardier, wollen bis Ende des Jahres 3700 Stellen ausschreiben und schicken Arbeitsvermittler schon ins Ausland, damit es keine kritischen Engpässe gibt. Bombardier müsste allein für seine neue C-Serie, deren Genehmigung kurz bevorsteht, 5000 Ingenieure, Designer, Schweißer und andere Fachkräfte einstellen. Doch die nahe gelegene Ècole des métiers de l´aérospatiale de Montréal bildet derzeit nur 400 Studenten aus. Zum Zeitpunkt der verheerenden Terroranschläge vom September 2001, die die Krise der Luftfahrtbranche dramatisch verschärften, bildete das Institut noch 1200 Studenten aus.

„Ich musste einige Maschinen anhalten, weil ich niemanden habe, der sie bedienen kann“, sagt Giovanni Bevilacqua, dessen Firma Alta Precision Inc. in Ville d´Anjou Flugzeugteile herstellt und die Belegschaft gerne von 100 auf 115 Beschäftigte ausbauen würde. „Wir lehnen Aufträge ab, weil wir nicht die Leute haben“, beklagt Bevilacqua.

In den USA klingen die Hilferufe in jüngster Zeit sogar noch dramatischer. „Die große Mehrheit der amerikanischen Produzenten erlebt eine ernste Knappheit qualifizierter Mitarbeiter, das beeinträchtigt die Fähigkeit der USA, in der globalen Wirtschaft mitzuhalten.“ So steht es im „2005 Skills Gap Report“, den das Manufacturing Institute und die Beratungsfirma Deloitte kürzlich vorlegten. Über 80 % der Industriefirmen können demnach nicht genügend Techniker, Maschinisten, Handwerker, Ingenieure und Wissenschaftler einstellen.

Für den Demokratischen Abgeordneten Bart Gordon aus Tennessee steht „Amerikas Wettbewerbsfähigkeit auf dem Spiel“. Gordon hat als Mitglied des Wissenschafts-Ausschusses im Repräsentantenhaus den Präsidenten aufgefordert, dem Markt für Fachkräfte nationale Priorität zu geben. MARKUS GÄRTNER

1000 Dollar Belohnung für die Vermittlung

„Skills Gap Report“ warnt vor den Folgen für USA

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  • Markus Gärtner

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