Karriere 14.05.2004, 18:30 Uhr

Ingenieure werden nicht wie in den USA als Kellner arbeiten

Trotz Elitediskussion wird keine Firma ohne Ingenieure mit durchschnitt- lichen Noten auskommen.

VDI nachrichten: In Deutschland ist es noch Zukunftsmusik, aber in den USA schon Realität: Der Arbeitsmarkt belebt sich, allerdings nicht für Akademiker. Wird auch bei uns Kellnern zur Alternative für Ingenieur-Tätigkeiten?
Mell: Nein, das sehe ich nicht, jedenfalls nicht als generellen Trend. Was wir derzeit erleben, ist eine spezielle, vorübergehende Situation auf dem Arbeitsmarkt, ausgelöst durch eine Konjunkturkrise. Wir hatten solche Erscheinungen 1975, 1983, 1993 und eben jetzt. Aber: Die Zukunft wird von uns allen mehr Flexibilität in beruflichen Fragen erfordern – und „alles ist besser als nichts“, also jeder seriöse Job ist besser als Arbeitslosigkeit.
VDI nachrichten: Welche Bewerber aber haben überhaupt noch eine Chance? Denn vor allem große Unternehmen bauen verstärkt Personal ab.
Mell: Vor allem junge Akademiker, die nicht stur nach Lehrplan studieren, sondern Marketing in eigener Sache betreiben, haben gute Chancen. Dazu gehört, sich vor dem Studium darum zu kümmern, was potenzielle Arbeitgeber wollen. Wie Auslandspraxis, Praktika, außeruniversitäres Engagement, kurzes Studium. Niemand sagt, dass dies einfach ist. Und ich gebe zu, dass diese Betrachtung eher für den Einzelnen gilt als für den gesamten Arbeitsmarkt. Aber: Nur eine Planwirtschaft würde den voraussichtlichen Bedarf der Wirtschaft mit der Zahl der Studienplätze zwangsverzahnen. Die Marktwirtschaft setzt mehr auf Spürsinn und Initiative des Individuums. Dafür nimmt sie auch Reibungsverluste in Kauf.
VDI nachrichten: Sind die Anforderungen der Firmen aber nicht arbeitsmarktfern, denn viele behaupten, sie fänden keine qualifizierten Mitarbeiter?
Mell: In der Marktwirtschaft gilt es, Nachfrage durch Angebote zu befriedigen, höchstens Angebote können „falsch“ sein. Wenn die dominierende Nachfrage nicht befriedigt werden kann, sucht sie sich Auswege – siehe die Suche nach kostengünstiger Produktion, die dann in Osteuropa betrieben wird.
VDI nachrichten: Könnte dies auch daran liegen, dass die Qualifikation der Ingenieure nicht mehr stimmt?
Mell: Hochschulen und Unternehmen meinen schlicht nicht dasselbe, wenn sie „Diplom-Ingenieur“ sagen. Erstere definieren ihn nur über fachliches Wissen und Können, letztere zusätzlich noch über mehr als zwanzig einzelne Eigenschaften und Fähigkeiten, von „anpassungsfähig“ über „konsensfähig“ bis „zuverlässig“. Konkret: Ein brillanter Techniker, der nicht auch noch teamfähig und/oder markt- und kundenorientiert ist und denkt, erfüllt die Mindestanforderungen des Marktes nicht, auch wenn eigentlich „nur“ ein Ingenieur gesucht wird. Hier werden die Hochschulen, getreu der Maxime „Dominanz der Nachfrage“ in der Marktwirtschaft, in Zukunft mehr bieten müssen. Heute höre ich aus den Firmen nur Klagen über persönliche Mängel bei Berufsanfängern, kaum über fehlendes technisches Wissen. Konflikte drohen, weil sich viele Professoren ungern als Ausbilder für Wirtschaftsbelange sehen. Aber auf Dauer siegt die Nachfrage.
VDI nachrichten: Und wie nun werden Hochschulabsolventen arbeitsmarktfähig, also für Unternehmen attraktiv?
Mell: In dieser Frage steckt zunächst die Erkenntnis, dass sie es nicht sind – sonst müssten sie es nicht werden. Das aber kann man nur unterstreichen. Wichtigster Ansatz zur Problemlösung ist es, bei den Betroffenen überhaupt erst einmal Problembewusstsein zu wecken. Noch einmal: Wenn die Hochschule jemandem das Schild „Ingenieur“ umhängt, versteht sie darunter etwas anderes als das Unternehmen, das in die Zeitung setzt „Ingenieur gesucht“.
Die Wirtschaft mit ihrem Bedarf und die Hochschule mit ihrer Ausbildung sind nicht irgendwie „zwangsverzahnt“. Der Student muss sich also rechtzeitig darum kümmern, was die Wirtschaft, die ihn bezahlen soll, „mehr“ erwartet als die Hochschule vermittelt, von Auslandspraktika bis zum außeruniversitären Engagement. Die Informationen dazu liegen auf der Straße. Als Beispiel: Für die Hochschule ist ein Ingenieur mit 25 Semestern ohne jede Einschränkung ein Ingenieur. Die Wirtschaft dagegen lehnt die Bewerbung eines solchen Kandidaten ab, wenn für eine anspruchsvolle Position ein Ingenieur gesucht wird.
VDI nachrichten: 25 Semester sind ohne Zweifel zu lang. Was aber soll die Diskussion über zu alte Studenten, wenn nach 13 Jahren Schule, einem Jahr Bundeswehr und sieben Jahren Studium selbst die Schnellsten schon 27 Jahre alt sind?
Mell: Der Altersvorwurf richtet sich nicht nur gegen einzelne Studenten, sondern gegen das Ausbildungssystem. In Zukunft geht die Schule auf zwölf Jahre zurück, zur Bundeswehr werden viele schon gar nicht mehr gezogen, 14 Semester sind ohnehin sehr lang – und dann gibt es noch die Fachhochschule, die kein Abitur voraussetzt und in neun Semestern machbar ist. Also: zwischen 23 und 26 geht es heute schon. Im Ausland sind noch frühere Eintrittsalter üblich. Sagen wir es technisch: Etwas lediglich zu tun, ist nur „Arbeit“ eine „Leistung“ wird erst daraus, wenn man den Zeitfaktor ins Spiel bringt.
VDI nachrichten: Nach einem flotten Studium wartet dann vor allem der Mittelstand, der ja allgemein als Konjunkturmotor gilt. Welche Arbeitsplätze aber haben die Unternehmen im Angebot?
Mell: Man muss sich vor Augen halten, dass „der Mittelstand“ eine höchst heterogene Ansammlung völlig unterschiedlicher Unternehmen ohne starke Klammer ist. Es gibt weder ein gemeinsames Handeln, noch eine zentrale Steuerung der diversen Betriebe. Die einzelnen Unternehmen – das ist ganz natürlich, ergibt sich aus ihrer überschaubaren Größe und ist absolut nicht kritisch gemeint – handeln im Bereich des Personalmarketing weniger nach langfristigen, systematischen Planungen, sie stopfen vielmehr im Tagesgeschäft überwiegend die sich jeweils auftuenden personellen „Löcher“.
Meist weiß ein kleines Unternehmen im Januar absolut noch nicht, welche Positionen im Mai zu besetzen sein werden. Eine Mitarbeiterkündigung, ein neuer Auftrag, ein nicht bewilligter Investitionskredit reichen aus, um offene Stellen zu schaffen oder zu streichen. Daher lohnt für den einzelnen Betrieb meist auch kein systematisches Hochschul-Marketing. Fazit: Der Mittelstand bietet das ganze Jahr über die „bunte Palette“ aller dort denkbaren Positionen an. Es ist aber nicht planbar, etwa im Frühjahr 2005 als Konstrukteur zu Müller & Sohn in A-Dorf zu wollen.
VDI nachrichten: Wo bleiben bei der Diskussion um die Qualifikationen der Ingenieure und Studenten eigentlich die Kandidaten, die nicht mit der Note 2 abschließen? Nur mit Eliten allein kommt nun ja kein Land zurecht.
Mell: Etwas „gut“ zu erledigen, ist ja eigentlich normal – es ist erwarteter Standard später beim Einsatz im Beruf. Die Elite beginnt erst darüber, also beim Einser-Examen. Noten, die schlechter als 2 sind, schließen meist den Einstieg in Traineeprogramme großer Konzerne aus, sie verhindern auch den Einstieg in Promotionsvorhaben.
Aber: Es gibt in Unternehmen aller Branchen und Größen zahlreiche sachbearbeitende (Routine-) Aufgaben, für die Absolventen mit brillanten Examen sogar kaum geeignet sind. Hinzu kommt: Je abgelegener der Standort des Unternehmens ist, desto weniger strömt die Elite der Bewerber dorthin, desto größer ist auch die Chance von Kandidaten mit durchschnittlichen Noten. Nicht zu vergessen das große, chancenreiche Feld des Vertriebs! Examensnoten in den Ingenieurwissenschaften sagen erfahrungsgemäß nichts über verkäuferische Fähigkeiten aus. Im Gegenteil, es gilt sogar die Erkenntnis: Einser-Kandidaten verkaufen nichts! Als abschließende Anmerkung: Eine operativ tätige Abteilung, die ausschließlich aus Einser-Leuten bestünde, wäre für jeden Fachmann „die Hölle“ – in der richtigen Mischung liegt die Würze. GREGOR FRECHEN

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