Arbeitsmarkt 13.07.2007, 19:29 Uhr

Ingenieure bangen um Hightech und Jobs  

VDI nachrichten, Backnang, 13. 7. 07, rb/cha – Die Hoffnungen der hoch spezialisierten Forscher und Entwickler am Standort Backnang waren groß. Mit Ericsson sollten Ruhe und neue Herausforderungen kommen. Doch nun will der schwedische Netzausstatter die komplette Mannschaft an einen Outsourcer verkaufen. Das Management sieht darin die Chance Arbeitsplätze zu retten, Ingenieure wittern dagegen die Gefahr des Know-how-Verlusts in einer Hochtechnologie.

Frank Nopper sprintet die Stufen zum Stadtturm hinauf, als würde er das täglich mehrere Male machen. Auf dem kleinen Hof an der Kirche bleibt der 46-jährige Oberbürgermeister stehen und zeigt auf Backnang: „Wir hatten hier schwerste Wunden durch den Wegfall von Industrien. Aber wir haben viel geschafft.“ Aus jeder Pore verströmt Nopper Optimismus, doch manchmal bekommt seine Stimme einen anderen Klang. „Ich war in den letzten Jahren viermal auf Demonstrationen in der Gerberstraße“, erklärt er – eigentlich hat er gehofft, dass mit der Übernahme von Marconi durch Ericsson diese Zeiten vorbei sind.

Weit gefehlt. Anfang Juni musste er sich erneut stark machen für den Standort: „Backnang darf nicht weiter bluten“, rief Nopper bei einer Kundgebung um die Mittagszeit vor über 300 Teilnehmern. Die hatten kurz zuvor erfahren, dass der Weltkonzern Ericsson hier einen erneuten Abbau von Arbeitsplätzen plant. Diesmal trifft es besonders Forscher und Entwickler. ´

Bunte Hemden, Jeans, mehrheitlich Männer – es sind die Ingenieure, die hier auf die Straße gehen. „Es gibt genug zu tun in Backnang, lasst uns arbeiten“, forderten sie. Zig Patente haben sie für das Unternehmen erworben und das mehrheitlich in einem hoch spezialisierten, komplexen Bereich: der Richtfunktechnik. „Wenn Ingenieure auf die Straße gehen, dann muss es schon besonders hart kommen“, erklärt wenige Wochen später ein 50-jähriger Entwicklungsingenieur. „Normalerweise sind sie zufrieden, wenn man ihnen einen Transistor in die Hand drückt.“

Anfang Juli scheinen die Pläne des schwedischen Konzerns gereift. Stefan Kindt, Geschäftsführer Deutschland, erklärt: „Wir haben zwei Möglichkeiten. Entweder wir bauen Überkapazitäten durch Personalabbau ab. Oder wir reden mit einem Outsourcer, um die Mitarbeiter in einer Beschäftigung zu lassen.“ Der Schreibtisch bleibt, aber der Arbeitgeber wechselt. Eine andere Möglichkeit sieht Kindt nicht.

Doch genau das ist für viele hier in Schwaben schwer verständlich. Ericsson, ein Konzern mit einem operativen Gewinn von beinahe 3,9 Mrd. € im letzten Jahr, verkauft seine Forschung und Entwicklung. Im Richtfunk, der Domäne Backnangs, ist das Unternehmen Marktführer und will es auch weiterhin bleiben. „Wir sind in Gesprächen mit Outsourcern“ erklärt Kindt und weiß, dass es auf der ganzen Welt nur fünf bis sechs Dienstleister gibt, die in der Lage sind, in diesem hoch spezialisierten Feld zu agieren.

„Wir verlagern unsere Schwerpunkte“, so begründet Kindt die Maßnahme, die er Ende des Monats der Belegschaft offerieren will. Nicht mehr der Richtfunk und damit Backnang stehen bei Ericsson ganz oben auf der Agenda, vielmehr will der Konzern in „wachstumsträchtigere Bereiche“ wie optische Netze, Breitbandzugang und Multimedia investieren.

Von den 700 Mitarbeitern am Standort sind allein 370 Entwicklungsingenieure vom geplanten Outsourcing betroffen. Geht es nach Kindt, dann wechselt die gesamte Mannschaft zu einem Dienstleister. Branchenexperten nennen hier Namen wie den IT-Experten TietoEnator, der in Skandinavien zu Hause ist und schon Aufgaben von Ericsson übernommen hat.

Die Gebäude aus den 50er und 70er Jahren sind voll gestopft mit Schaltschränken, Routern, Antennen, Messapparaturen und vielem mehr. Ein Paradies für Techniker wie Michael Mueller. Der F&E-Manager für Systemtests deutet auf einen Bildschirm. „Wir simulieren mit einer Phasenverschiebung Nebel und der stört bei Richtfunk immer.“ Wie gut arbeitet ein System unter widrigen Wetterbedingungen – ein Qualitätsmerkmal für Richtfunksysteme und damit eine Differenzierung im harten Wettbewerb. Israelis und Chinesen holen auf.

Längst haben auch die deutschen Ingenieure gelernt betriebswirtschaftlich zu rechnen. „Technik wird nicht gekauft, weil sie schön ist, sondern weil sie einen Return-on-Invest bietet“, erklärt uns ein Ingenieur. Nebenan zeigt Mueller, was das heißt. „Früher passte das Equipment für zehn Kanäle in drei Schaltschränke, jetzt brauchen wir dafür nur noch einen.“

„Wir haben hier einige der führenden Köpfe Europas in der Richtfunktechnik“, so Müller. Und dieses ganz spezielle Know-how hat Tradition: Hier wurde schon unter AEG Telefunken in den 50er Jahren der Troposcatter entwickelt, der über 300 m hohe Türme und 18 m große Antennen vom Harz aus Berlin mit dem Rest der Republik verband. Ende der 80er Jahre arbeiteten hier Ingenieure am ersten digitalen Richtfunk.

Betriebsratschef Rolf Lohrmann kann sich noch gut erinnern. Schließlich hat er sich 29 Jahre engagiert, an einem Bauteil mitgewirkt, das den Langstrecken-Richtfunk effizienter macht. „Den XPic haben wir anfangs mit vier Leuten hochgezogen.“ Und er schwärmt: „So etwas hatte Ericsson doch gar nicht im Programm. Jetzt haben sie es von uns.“

Unter Marconi habe es keinen weltweiten Vertrieb gegeben, deshalb seien sie auch so froh gewesen, als „der Ericsson“ kam, ein weltweit agierender Konzern mit einem guten Vertriebsnetz in Sachen Funk.

Die Backnanger zeigten sich nach der Übernahme flexibel, stellten sich auf neue Produkte ein. Auf Ericssons eingeführte Mini-Link-Reihe beispielsweise, der die Kurzstrecken-Variante von Marconi weichen musste. Mehr noch: Sie hofften auf neue Aufträge aus Schweden. Auch im Festnetzbereich. Denn auch dort haben die Ingenieure aus der Stadt an der Murr schon so einiges geleistet. Ein optisches Wellenlängenmultiplex-Verfahren, über das bis zu 80 Wellenlängen je 40 Gbit/s auf einer einzigen Glasfaser übertragen werden können, stammt aus Backnang.

Hoffnungen, die auch der damalige Marconi-Geschäftsführer Kindt schürte. Auf einer Sitzung des Backnanger Gemeinderats erklärte er im November 2005: „Ericsson ist ein absoluter Glücksfall. Wir haben bei einem der sichersten Flugzeugträger angedockt, die es auf dem Ozean der Telekommunikation gibt.“ Kurz- und mittelfristig gebe es keine Pläne vom Standort Backnang abzurücken.

Grund genug auch für viele Mitarbeiter die neuen Ericsson-Verträge zu unterschreiben – vielfach zu schlechteren Konditionen als vorher. Erst zwei Monate ist das her. Alle sollten in die große Familie Ericsson integriert werden. Groß waren die Erwartungen, dass sich in Backnang doch noch ein großes Flaggschiff der Nachrichtentechnik ansiedelt – nach wechselvollen Zeiten mit den großen Namen AEG, Telefunken, Bosch, ANT, Marconi.

Klanghafte Namen, die in Gesprächen mit Menschen in der Fußgängerzone zwischen den alten Fachwerkhäusern immer wieder fallen. Sie sind stolz auf sie. Der Oberbürgermeister hält mit seiner Verärgerung nicht hinterm Berg: „Ich bin sehr enttäuscht von Konzernen“, so Nopper und fügt zynisch hinzu: „Leuchtreklame-Hersteller und Schildermacher haben hier schon lange ein einträgliches Geschäft.“ Immer wieder appelliert er an die historische Verantwortung der Schweden. Von einer Wiege der deutschen Nachrichtentechnik mit in der Blüte etwa 7000 Ingenieuren ist nur wenig geblieben. Zurzeit sind es neben den Ericsson-Mitarbeitern noch etwa 1300.

In den Räumen der Ericsson-Geschäftsführung – dort, wo Teppich den blauen PVC-Boden der Labore ersetzt – weiß man, dass die Ingenieure jetzt noch flexibler sein müssen. Ericssons Maßgabe ist jetzt, 20 % bis 30 % der Entwicklungsleistungen flexibel zu gestalten. Kindt: „Wenn es einen hohen Bedarf gibt, dann können wir beim Outsourcer mehr bestellen, wenn die Produkte wenig nachgefragt werden, dann gelten nur die vertraglichen Vereinbarungen.“ Anders ausgedrückt: Das Risiko von Flops wird gemindert.

Einen Dienstleister bindet man klassischerweise „vieljährig“, so Kindt und meint damit zwei Jahre oder mehr. Auch das Abnahmevolumen ist frei verhandelbar. Zudem ist es wichtig, dass sich ein Outsourcer weitere Vertragspartner sucht. Nur über die Menge rechnet sich das Geschäft. Kindt: „Man kann einfaches Entwicklungs-Outsourcing machen und sich z. B. 27 Stunden Layout inklusive Design-Tools kaufen, aber es können auch hochkomplexe Aufgaben und Forschung outgesourct werden.“

Forschung nach außen geben, Betriebsrat Lohrmann schüttelt den Kopf: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Ericsson das aus der Hand gibt.“ Und seine ruhige Stimme wird lauter: „Es ist sträflich, wenn man das Kerngebiet abgibt.“ Vor der Gefahr des Know-how-Verlusts warnen auch andere Ingenieure im Unternehmen.

Kindt wehrt ab: Das Sicherheitsmanagement sei ein Qualitätsmerkmal eines erfolgreichen Outsourcers. Es würden so genannte „Chinese Walls“ zwischen den einzelnen Abteilungen eingerichtet, um sicherzustellen, dass es keinen Austausch zwischen Mitarbeitern gibt, die an Plattformen für verschiedene Unternehmen arbeiten.

Im Rapid-Prototyping-Labor präsentiert Willibald Konrath stolz seine jüngsten Mikrowellenmodule. Sender, Empfänger und anderes mehr sind hier auf kleinsten Raum vereint. „Bei den hohen Frequenzen kommt es zu Interferenzen“, erklärt der Forscher, daher sei es notwendig, bestimmte Materialien – Keramikmaterialien, Galliumarsenid, Gold – einzusetzen. Ein teures Vergnügen, dass möglichst null Fehler in der Fertigung verlangt.

Nur Forschern und Entwicklern gemeinsam ist es gelungen, die vollautomatische Bestückungsmaschine für Platinen zu kreieren, die mitten im Raum steht. Lange experimentierten sie mit der hauchdünnen Klebeschicht, mit der teils nicht mehr sichtbare Minibauelemente montiert werden.

„Hier steckt jahrelanges Engineering drin“, betont Konrath stolz. „Sie können nicht einfach eine Linie kaufen und die dann aufstellen.“ Mit hohem Know-how ist es hier gelungen, „mannlos“ 350 Module pro Woche zu produzieren – es könnten je nach Bedarf auch mehr sein. „Ohne Operator zu arbeiten – da geht es am Hightech-Standort Deutschland hin.“

Standort Deutschland? „Als Konzern muss man von einer globalen Sichtweise ausgehen“, wird Pressesprecher Lars Bayer nicht müde zu betonen. Da ringen dann Orte und Länder um ihre Bedeutung. Richtfunk-Forschung jedenfalls gibt es im Konzern auch in Mölndal bei Göteborg und in Mailand. Horst Wernz, Vertreter im europäischen Gesamtbetriebsrat, vermutet, dass Ericsson die Kompetenz in Schweden aufbaut. In den Worten der schwäbischen Ingenieure schwingt ein Hauch von Trotz: „Den Wettbewerb mit anderen Standorten kann Backnang bestehen – wenn man uns nur lässt.“ R. BÖNSCH/C. HANTROP

Wechselvolle Geschichte
Seit der Industrialisierung prägten Dutzende große und kleine Lederfabriken die „süddeutsche Gerberstadt“ Backnang bis in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ein weiterer großer Arbeitgeber war die Firma J.F. Adolff AG, eine der größten Spinnereien Deutschlands. Doch das ist Historie. Auf dem ehemaligen Spinnereigelände an der Murr sind heute neue Firmen und Geschäfte angesiedelt. Wichtiges Standbein war einst auch die Motoren- und Maschinenfabrik Carl Kaelble. Doch das Traditionsunternehmen kam Ende der 80er Jahre ins Trudeln.

Backnang, im Rems-Murr-Kreis an der Deutschen Fachwerkstraße gelegen, hat eine wechselvolle Nachrichtentechnik-Geschichte. 1946 verlegte die AEG den Bereich Fernmeldetechnik von Berlin nach Backnang. Daraus wurde 1954 die AEG Telefunken. In den 80er Jahren firmierte dort die ANT Nachrichtentechnik. 1995 übernahm Bosch. Vier Jahre später mussten sich die Mitarbeiter an „den Marconi“ gewöhnen. Ericsson übernahm 2006 das Ruder.

Zurzeit arbeiten etwa 2000 Menschen in der Murr-Stadt in der ITK-Branche. Ericsson ist mit rund 700 Mitarbeitern größter Arbeitgeber. Andere Firmen sind u. a die telent, Marconi-Überbleibsel und Systemintegrator. Dort sind etwa 200 Mitarbeiter beschäftigt. 1999, bei der Übernahme der Bosch Kommunikationstechnik durch Marconi, wurde die Tesat Spacecom gegründet. Das Weltraum-Unternehmen hat 720 Mitarbeiter. „Ohne die hätten wir keine Bilder vom Mars“, betont Oberbürgermeister Nopper gern.

Backnang hat 36 000 Einwohner und ist Mittelzentrum für 120 000 Menschen aus dem Einzugsbereich. Es liegt im zweiten Ring des Stuttgarter Speckgürtels. „Wir sind nicht reich, aber es geht ganz gut“, sagt OB Nopper. Die Arbeitslosenquote im Bezirk liegt bei 5,6 %.

Im Gespräch ist, bis 2009 eine Außenstelle der Berufsakademie Stuttgart in Backnang anzusiedeln mit den Vertiefungsstudiengängen Telekommunikation sowie Verpackungs- und Automatisierungstechnik. cha

  • Claudia Hantrop

  • Regine Bönsch

    Regine Bönsch

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Telekommunikation, Mobilfunk, Automobilelektronik, autonomes Fahren, E-Mobilität, Smart Home, KI, Datenschutz/IT-Sicherheit, Reportagen

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