Karriere 26.01.2001, 17:28 Uhr

„Ich will ein Generalist werden“

Mit dem Boom der zivilen Luftfahrt wachsen auch die Unternehmen, die sich, wie MTU Aero Engines, zunehmend auf die Wartung von Triebwerken spezialisieren.

Guido Breitensteins nähere Zukunft ist schon ziemlich genau durchgeplant. Irgendwann, wenn er seine Einführungsrunde im Unternehmen absolviert hat, wird er durch die Welt fliegen und die MTU nach außen repräsentieren.
Das ist sein Traum. Denn als Breitenstein, derzeit Trainee beim Münchner Triebwerkshersteller MTU Aero Engines, Ende des vergangenen Jahres seinen Vertrag unterschrieb, war klar für ihn, dass er möglichst schnell Verantwortung übernehmen und in die Vertriebsabteilung rutschen will.
Die MTU mit ihren gut 6800 Mitarbeitern weltweit und ihren drei Standorten in Deutschland bietet ihren Nachwuchsingenieuren diese Möglichkeit. In den nächsten drei Jahren werden jeweils zehn Hochschulabsolventen in ein Trainee-Programm aufgenommen, das sie auf ihre künftigen Aufgaben im Unternehmen vorbereiten soll. Die Neulinge sollen sich, bevor sie in ein Fachgebiet eingeteilt werden, erst einmal ein Bild der ganzen Firma machen und werden in den ersten zwölf Monaten ihres Arbeitslebens auf mehreren Stationen durch die MTU geschickt.
Breitenstein ist 28 Jahre alt und hat im Jahr 2000 seinen Abschluss in Flugzeugtechnik an der Fachhochschule Hamburg gemacht. Dort, in Hamburg, hätte er auch bleiben können. Schon während des Studiums hatte er Praktika bei der Lufthansa Technik gemacht und zuvor eine Ausbildung zum Fluggerätemechaniker.
Weil er sich dabei so gut angestellt hat, bekam er ein Angebot. Doch das schlug er aus und nahm lieber die Offerte der MTU an. Das Trainee-Programm hat ihn überzeugt, vor allem die Möglichkeit, in viele Bereiche des Unternehmens hineinzuschauen. Denn Breitenstein möchte nicht in einer Spezialabteilung hängen bleiben: „Ich will Generalist sein“, sagt er.
Die MTU hat in den kommenden Jahren einen steigenden Bedarf an hoch qualifizierten, jungen Ingenieuren. Derzeit versucht der Triebwerks-hersteller, etwa 90 freie Ingenieurstellen zu besetzen.
Das Unternehmen MTU ist seit dem vergangenen Jahr wieder eine hundertprozentige Tochter des DaimlerChrysler-Konzerns und nicht in der EADS aufgegangen. Die MTU-Strategie zielt darauf, sich besonders auf das Wartungsgeschäft bei zivilen Triebwerken zu stürzen, da besonders bei den hochwertigen Arbeitsanteilen gutes Geld zu verdienen ist. In Malaysia, China, Kanada und Brasilien ist die MTU deswegen Joint Ventures mit Malaysia Airlines, China Southern Airlines, TAM und Air Canada eingegangen, um die regionalen Märkte besser abdecken zu können.
Für einen wie Breitenstein kommt dies wie gerufen. Er hat schon ein halbes Jahr in einem Joint Venture der Lufthansa Technik, Ameco in Peking, gearbeitet und kann sich gut vorstellen, auch von der MTU wieder im Ausland eingesetzt zu werden.
Sein Trainee-Programm hat er in Hannover bei der MTU Maintenance begonnen. In einem selbstverantworteten Projekt hat er die Aufgabe bekommen, ein Datenprogramm für die Kostenberechnung von sogenannten „Service Bulletins“ zu konzipieren.
Service Bulletins sind Empfehlungen des Herstellers an die Betreiber der Triebwerke, bestimmte Veränderungen vorzunehmen. „Bislang müssen die Kosten jedes Mal manuell berechnet werden“, erzählt Breitenstein, und das ist mit großem Zeitaufwand verbunden. Dafür ein Programm zu entwickeln ist eine harte Nuss, aber Breitenstein hat den Ehrgeiz, das „bis zum vorgesehenen Termin zu schaffen, und zwar ordentlich“.
Klappt das, wechselt er ins Ausland zu einem der vielen MTU-Joint Ventures. In Atlanta/Georgia gibt es einen Standort für Industriegasturbinen, an dem er dann vier Monate lang Abschied von seinen Lieblingsobjekten, den Flugzeugtriebwerken, nehmen kann.
Ziel des Unternehmen ist es, dem Führungsnachwuchs möglichst viele verschiedene Bereiche zu zeigen, so Fritz Matulla, zuständig für das Trainee-Programm. Und dass Ingenieure in den Vertrieb gehen, ist bei der MTU nichts Ungewöhnliches. „Auf der Gegenseite sitzen ja auch Ingenieure,und die wollen verstanden werden“, sagt Matulla. Das betriebswirtschaftliche Grundwissen, das für den Job vonnöten ist, wird den Trainees über ein Schulungsprogramm vermittelt. Jeder Trainee kann während seiner Ausbildung aber auch auf ein bestimmtes Budget für die Weiterbildung außerhalb seiner eigentlichen Beschäftigungsfelder zurückgreifen. Denn, so Matullas Erfahrung, im Studium wird z. B. BWL oftmals „stiefmütterlich behandelt“.
Die MTU erwartet vom Nachwuchs, dass er sich bei den neuesten Methoden ihres Fachgebietes auskennt und ein „hohes Potenzial an Prozessverständnis“ mitbringt. Die jungen Ingenieure sollen, so Matulla, ihr eigenes Wissen einbringen, aber gleichzeitig dazulernen. Weil sie häufig im Ausland eingesetzt werden, sollten sie über interkulturelles Verständnis und gute Sprachkenntnisse verfügen. Denn wenn sich die Trainees gut machen, dann können sie vergleichsweise schnell in Einzelprojekten verantwortliche Posten übernehmen.
Danach hängt, so Mutalla, viel von der persönlichen Entwicklung des Einzelnen ab. Es gebe auch „viele extrem gute Fachleute“, die gar keine Führungsfunktionen wahrnehmen wollten, so seine Erfahrung. Andererseits hat die MTU die Zahl der Hierarchieebenen vor einiger Zeit von sieben auf fünf reduziert. Guido Breitenstein und seine Kollegen haben also Perspektiven. JENS FLOTTAU

Ein Beitrag von:

  • Jens Flottau

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