Karriere 21.12.2001, 17:32 Uhr

Hinter den Bergen wartet der Liebste

Warum in die Nähe schweifen, wenn das Gute liegt so fern? Wochentags versichern sich Vertreter des Phänomens „Living apart together“(LAT) auch mal per SMS ihrer Liebe.

Es ist Sonntag nachmittag und Carolin Wenzel* kämpft mit den Tränen. In wenigen Minuten wird die Kunsthistorikerin wieder im Zug von Bern nach Düsseldorf sitzen. Vor ihr liegt eine lange Reise zurück in den Alltag. Noch ein Kuss, ein Adieu, dann steigt sie in den Zug. Seit neun Monaten pendelt die Mittvierzigerin aus dem Rheinland regelmäßig in die Hauptstadt der Schweiz, wo Ludwig Wolker* lebt. Er ist Leiter einer Kulturinstitution, sie Chefin einer Feuilletonredaktion. Von Montag bis Freitag gilt die Energie der beiden dem Beruf, nur am Wochenende gestatten sie sich den Ausflug in die Leidenschaften. „Unsere Beziehung ist viel intensiver als alles andere, was ich bisher erlebt habe. Das möchte ich nicht missen“, sagt Carolin.

Carolin und Ludwig sind kein Einzelfall. Immer mehr Paare leben getrennt, da der Beruf es erfordert. Sozialwissenschaftler haben eine Bezeichnung für das Phänomen gefunden: „Living apart together“, kurz LAT. Es gibt Studien, die behaupten, dass in der Generation der bis zu 30-Jährigen bereits jede fünfte Beziehung davon betroffen sei. Doch nicht alle sind so glücklich wie Carolin.

„Das kann man etwa zwei Jahre lang durchhalten“, sagt Claas Voigt, Wirtschaftsingenieur und Leiter des Hamburger freenet.de-Portals, „dann wird’s schwer.“ Doch für den 27-Jährigen ist es keine Frage, dass die Karriere in diesem Abschnitt des Lebens Priorität hat. „Meine Frau trägt das mit“, sagt Voigt, der seit einem Jahr am Wochenende nach Kiel pendelt, wo seine Ehefrau Christine arbeitet und er seinen Lebensmittelpunkt hat. LATs sind im Beruf wie Singles: unermüdlich, voller Energie, durch keinerlei andere Pflichten gebunden oder abgelenkt. Mit anderen Worten: Sie sind so etwas wie Arbeitgebers Traum.

Zehn Stunden oder mehr im Büro sind selbstverständlich. Sport? Kino? Mal ausgehen mit Freunden? Das gibt es für Claas Voigt nur am Wochenende. „Ich hätte ein schlechtes Gewissen gegenüber meiner Frau, wenn ich während der Woche ausginge“, gesteht er. Seine Kollegen zeigen dafür Verständnis, zumal die meisten in ähnlichen Situationen leben. Alle verbringen die Abende im Büro, keiner käme auf den Gedanken, von der Partnerin einen Umzug um der eigenen Karriere willen abzuverlangen. „Undenkbar“, sagt Voigt, „meine Frau hat eine Ausbildung und eigene Lebenspläne.“

Und alle haben Verständnis dafür, dass es Situationen geben kann, in denen das Private Priorität hat. „Wenn ich um 21 Uhr in das Büro eines Kollegen komme und der telefoniert mit leiser Stimme, dann weiß ich, dass ich störe“, sagt Voigt. Wann, wenn nicht abends, sollen die LATs Neuigkeiten austauschen, Erlebnisse berichten und die Liebe beschwören? Täglich mindestens ein ausführliches Telefonat, gelegentlich Mails, hin und wieder auch ein Brief, das sind die Kommunikationsformen, mit denen sich die LATs gegenseitig auf dem Laufenden halten. Nur die schnelle SMS ist verpönt. „Aus dem Alter bin ich raus“, spottet Voigt. Und Carolin Wenzel ergänzt: „Meistens reichen 160 Zeichen einfach nicht aus.“

Wie auch immer: Ohne die intensive virtuelle Kommunikation ist das getrennte Leben unmöglich, sie sorgt dafür, dass man am Wochenende den Kopf frei hat für die schönen Seite der Liebe. „Unsere Beziehung ist völlig unbelastet vom Job“, berichtet Wenzel, „das finde ich toll.“ „Beziehungen, in denen die Partner getrennt leben, nutzen nicht so schnell ab“, hat Jutta Onken, Psychologin und Autorin, beobachtet, „sie haben ein Potenzial für Fantasie, Intensität und Intimität.“ Unter einer Voraussetzung allerdings: Die Partner müssen Gewissheit haben, dass der oder die andere sich nicht verführen lässt, weil plötzlich eine attraktive Alternative in unmittelbarer Nähe auftaucht, betont die Wissenschaftlerin. Getrennt zusammen leben ist eine Lebensform mit Zukunft, da ist sich Onken sicher. Doch sie ist nicht jedermanns Sache.

Für Jaime Uribe war das getrennte Zusammenleben eine kurze Episode in seiner Biografie. „Ich möchte mit meiner Frau den Alltag teilen“, bekennt der Chilene, der seit sechs Jahren in Deutschland lebt. Und doch hat Uribe seine Frau Annette ursprünglich der Karriere wegen „verlassen“. Kurz, nachdem sich die beiden im Sommer 1999 kennen gelernt hatten, erhielt der Diplom-Kaufmann ein attraktives Angebot als wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Mülheimer Institut für Unternehmenskybernetik e.V. „Wir haben es durchgesprochen“, erzählt der 31-Jährige, „und waren uns einig, dass ich vorangehe.“ Seine Frau, eine Diplom-Betriebswirtin, wollte sich bei ihrem Arbeitgeber um eine interne Versetzung bemühen. Anderthalb Jahre lang pendelte Uribe zwischen dem Ruhrgebiet und Hessen, wo die gemeinsamen Freunde und die Familie seiner Frau lebte, dann konnte Anette Uribe nach Düsseldorf wechseln und einen weiteren Karriereschritt vollziehen.

Inzwischen leben die beiden in einer gemeinsamen Wohnung und denken über Familienplanung nach. „Anfangs war es seltsam, wenn ich nach Hause kam“, erinnert er sich, „plötzlich war da jemand, der etwas von mir wollte, Ansprüche stellte. Das war gewöhnungsbedürftig nach der Zeit des Alleinlebens.“ Claas Voigt kennt dieses Phänomen nur zu gut. „Wenn ich während der Woche nach Hause komme, dann fühle ich mich wie ein Fremdkörper“, erzählt er, „ich störe den Alltag meiner Frau.“ Verletzt ist er darüber nicht: „Ist doch klar, dass sie sich ihr Leben so einrichtet, wie sie’s mag. Genau das schätze ich an meiner Frau.“ Kein Zweifel: Getrennt zusammen leben erfordert ausgesprochen selbstständige Partner, Menschen, die mit der Distanz leben können und die Beziehung nicht missbrauchen, um Ego und Selbstwertgefühl aufzublasen. „Es sind Beziehungen, in denen das Wort eine große Rolle spielt“, sagt Onken, „das Wort ist der Beziehungsträger, es ist Anstoß für die Fantasie.“ Nicht umsonst entstünde die schönste Liebesliteratur aufgrund räumlicher Trennung, argumentiert die Psychologin, „denken Sie nur an all die schönen Liebesbriefe, die man sich schreiben kann.“ H. CONRADY

* Name von der Redaktion geändert

Von H. Conrady
Von H. Conrady

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