Arbeitsmarkt 17.09.2004, 18:33 Uhr

„Gier wird zu einer Tugend“

VDI nachrichten, Düsseldorf, 17.9.04 -Die schwache Beschäftigungsdynamik ist nach Ansicht des Aachener Wirtschaftswissenschaftlers Karl Georg Zinn auch auf eine „relative Sättigung“ in vielen Märkten zurückzuführen. Darunter leiden Investitionen in Arbeitsplätze.

VDI nachrichten: Herr Professor Zinn, kann das Beschäftigungsniveau erhöht werden?
Zinn: Ein höheres Beschäftigungsniveau ist erreichbar. Das sagen alle Ökonomen, gleich welcher Richtung. Aber die wenigsten haben sich mit den Gründen dafür beschäftigt, dass seit Mitte der 70er Jahre, dem Ende der langen Wachstumsperiode, das Wirtschaftswachstum in reichen und hoch entwickelten Volkswirtschaften dauerhaft niedrig geblieben ist.
VDI nachrichten: Was sind die Gründe dafür?
Zinn: Auf vielen Märkten hat sich eine relative Sättigung eingestellt, und das wirkt negativ auf die Investitionen, insbesondere auf die kapazitätsbildenden Investitionen in Arbeitsplätze. Wenn ein gewisses Konsumniveau erreicht ist, nimmt die Wachstumsdynamik ab. Weder Politik noch Wissenschaft haben sich mit diesem langfristigen Trend, der übrigens schon in den 40er Jahren von John Meynard Keynes vorausgesagt wurde, seriös auseinander gesetzt.
VDI nachrichten: Ökonomen sagen, dass es für Wachstum keine Grenzen gebe. Ist das richtig?
Zinn: Damit sind meist ökonomisch relevante Bedürfnisse, also Konsumbedürfnisse gemeint. Das ist anthropologisch falsch. Lebenswichtige Bedürfnisse sind irgendwann gesättigt. Anders ist es mit den so genannten Prestigebedürfnissen, die sich dadurch auszeichnen, dass man sich von den Mitmenschen abheben will. Prestigestreben kann den Konsum weiter antreiben, aber man muss sich vor Augen halten, dass dieser doch verhältnismäßig unwichtige Konsum knappe Ressourcen verbraucht in einer Welt, die demnächst 10 Mrd. Menschen ernähren soll.
VDI nachrichten: Sind nicht eher die Ordnung des Arbeitsmarktes, das Tarifrecht und der Kündigungsschutz die Gründe für die schlechte Beschäftigungssituation in Deutschland?
Zinn: Das wäre nur dann der Fall, wenn Massenarbeitslosigkeit ein besonderes deutsches Problem wäre…
VDI nachrichten: …aber andere Länder haben bessere Arbeitsmarktbilanzen als Deutschland.
Zinn: Gehen wir die Liste dieser Länder doch mal durch. Die USA haben sich für eine extreme Spaltung der Gesellschaft entschieden, wobei die oberen gesellschaftlichen Schichten in der Lage sind, extrem billige Dienstleistungen zu kaufen. Dieses Modell, bei dem 40 % der Bevölkerung sehr gut und immer besser verdienen und 60 % mehr oder weniger stark in die Armut abgedrängt und gezwungen werden, ihre Arbeitskraft auf die billigste Art und Weise zu verkaufen, kann man auch als neo-feudalistisch bezeichnen. Dazu kommt, dass die USA Kostgänger der gesamten übrigen Welt sind. Durch ihren Kapitalimport saugen sie investive Mittel in ihr Land, die nicht produktiv verwendet werden, sondern in den Konsum oder in die Rüstung fließen.
VDI nachrichten: Frankreich und einige kleinere Länder stehen besser da als Deutschland.
Zinn: Frankreich hat unter Premierminister Lionel Jospin die Arbeitslosigkeit von 12 % auf 8 % gesenkt, aber nicht durch Billiglöhne, sondern durch Erhöhung der Kaufkraft. Auch das Wachstum bei Investitionen war in Frankreich unter Jospin doppelt so hoch wie in Deutschland. Schweden hatte bis 1990 Vollbeschäftigung. Die Arbeitslosigkeit ist erst durch die Vorbereitungen zum EU-Beitritt gestiegen. Noch immer ist das staatliche Ausgabenniveau für Beschäftigung in Schweden weitaus höher als in anderen Ländern.
VDI nachrichten: Der Wohlfahrtsstaat wurde aber kräftig zurückgefahren…
Zinn: …so wird das dargestellt. Das sozialstaatliche Niveau ist im internationalen Vergleich noch immer sehr hoch. In Schweden wurde immer Geld ausgegeben für Arbeit anstatt Arbeits-losigkeit zu finanzieren. Der Preis dafür ist die hohe Staatsquote von etwa 60 %. Dazu kommt das hohe Maß an Solidarität. Die Schweden sind bereit, eine hohe Steuerlast aus Gründen der Gerechtigkeit zu tragen. Das ist bei uns nicht mehr der Fall. In Deutschland wird geradezu eine Ellenbogenmentalität propagiert, bei der Untugenden wie Gier zu Tugenden erklärt werden. Das Beispiel dieser Länder, auch die Niederlande und Dänemark gehören dazu, zeigt: Die Strategien für mehr Beschäftigung stehen konträr zur neoliberalen Auffassung.
VDI nachrichten: Wie soll die Nachfrage stimuliert werden?
Zinn: Der frühere EU-Kommissar Jacques Delors hat mit seinem Weißbuch über Wachstums- und Beschäftigungspolitik in Europa von 1993 den Weg gezeigt: Mit Investitionsprogrammen ließen sich Infrastrukturmaßnahmen für Verkehr oder Telekommunikation finanzieren. Sanierungsbedarf gibt es auch in den Kommunen und dafür stehen auch ausreichend qualifizierte Kräfte zur Verfügung, die auch arbeiten wollen für ein normales Einkommen. Es gelingt nicht, den Investitionsbedarf zusammenzubringen mit denen, die diesen Bedarf decken können.
VDI nachrichten: Können Dienstleistungen den Aufschwung auf dem Arbeitsmarkt bringen?
Zinn: Dienstleistungen können nicht alle Arbeitskräfte aufnehmen, die anderswo nicht mehr benötigt werden. Bei Dienstleistungen wird auch rationalisiert, z. B. bei Banken, Versicherungen oder in der Telekommunikation. Viele Dienstleistungen lassen sich zwar nicht rationalisieren, dafür gibt es aber zu wenig Nachfrage, z. B. für kulturelle, soziale und medizinische Tätigkeiten. Hier muss der Staat einspringen und Dienstleistungen vorhalten. Privat werden viele solcher Dienste nicht angeboten, weil sie sich nicht rechnen oder es werden oft nur Dumpinglöhne bezahlt.
VDI nachrichten: Sie sprechen mit Blick auf Dienstleistungen von einer „tertiären Krise“. Was meinen Sie damit?
Zinn: An die Stelle von qualifizierten und gut bezahlten Tätigkeiten treten in wachsendem Maße Niedriglohnjobs. Solche Dienstleistungen werden einem aufgedrängt, obwohl sie gar nicht benötigt werden. Dafür wird dann aus moralischen Gründen ein Trinkgeld bezahlt, z. B. für Schuhputzer.
VDI nachrichten: Sind die Veränderungen in der Arbeitswelt, wie sie seit Jahren zu beobachten sind, neu?
Zinn: Die sind nicht völlig neu. Es gab einen Strukturwandel, der noch viel tief greifender war als der heutige: der Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft. Nach meinem Eindruck nehmen auch die Qualifikationsanforderungen nicht ständig zu. Ingenieure oder Ärzte haben sich auch in der Vergangenheit immer auf dem Laufenden halten müssen. Ob das heute so viel mehr ist, ist doch fraglich. Wenn man die Durchschnittsqualifikation betrachtet, so ist nicht klar, ob die immer weiter steigt oder ob sie nicht sogar sinkt, z. B. mit dem Abitur nach zwölf Jahren oder den Bachelor-Abschlüssen. Im Augenblick zeichnet sich eine für das breite Bildungsniveau verheerende Durchrationalisierung des Bildungssektors ab.
HARTMUT STEIGER

 

Ein Beitrag von:

  • Hartmut Steiger

    Redakteur VDI nachrichten. Fachthemen: Aus- und Weiterbildung, Studium, Beruf.

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