Porträt 13.02.2009, 19:39 Uhr

„Einen kühlen Kopf bewahren“  

Silvia Turtschan ist eine Frau von Welt. Die Ingenieurin kommt durch ihre Stelle bei M+W Zander in Stuttgart an die unterschiedlichsten Orte auf dem Globus und lebt interkulturelles Management und Diversity täglich. Zurzeit ist sie verantwortlich für den Bau mehrerer Solarfabriken in Malaysia. Dass sie so viel sehen wird, hat sie sich am Anfang ihrer Karriere nicht träumen lassen. VDI Nachrichten, Hamburg, 13. 2. 09, cha

Auf der Baustelle südwestlich von Kuala Lumpur arbeiten rund 1500 Leute – Maurer und Stahlbauer, Zimmermänner, Elektriker, Ingenieure und Hilfskräfte. Das Gelände, auf dem mehrere Photovoltaikfabriken geplant sind, hat eine Größe von 65 ha. Zwei dieser dreigeschossigen Fabriken mit Grundflächen zwischen 11 000 m2 und 15 000 m2 sind bereits im Bau. Bauherr ist ein Solarzellenhersteller aus Europa. Geplant und gebaut werden die Fabriken vom Stuttgarter Anlagenbauer M+W Zander. Die Leitung des Bauprojekts liegt in den Händen von Silvia Turtschan. Die 38-jährige Ingenieurin hat neben Versorgungstechnik einige Semester Architektur und Bauingenieurwesen studiert. Ihr Karriereweg hat sie durch viele Länder geführt. Seit sieben Jahren arbeitet sie bei M+W Zander, seit September ist sie in Malaysia im Einsatz.

Ihre beruflichen Sporen verdiente sich Silvia Turtschan in der 100-Mitarbeiter-Firma ihres Vaters. Der ist ebenfalls Ingenieur. „Nach zwei Jahren aber wollte ich raus in die große, weite Welt“, erinnert sich die gebürtige Mecklenburgerin. Ihre erste „Berufsreise-Station“ war ein Architekturbüro in Stuttgart, das eine eigene Abteilung „Technik“ hatte.

Zwei Jahre später folgte Silvia Turtschan ihrem damaligen Freund und heutigen Ehemann zu M+W Zander, um von ihrem Arbeitgeber gemeinsam nach China entsandt zu werden. In Schanghai sollte sie eigentlich als Teil eines Teams ein Konzern-Office aufbauen und die chinesischen Kollegen einarbeiten, doch der Arbeitsalltag gestaltete sich anders, die Projektarbeit gewann die Oberhand. War es schwer als Frau in China? „In China sind Frauen als Ingenieurinnen keine Seltenheit. Ich wurde immer mit Respekt behandelt“, sagt die Ingenieurin. Die Frage nach einer Diskriminierung habe sich nie gestellt. Kompetenz und Durchsetzungsvermögen überzeugen – egal ob die eines Mannes oder die einer Frau: „Deswegen habe ich nie etwas Nachteiliges erlebt.“

Anders als in Deutschland unterscheide sich das Arbeiten im Ausland durch die Internationalität der Projektteams: Dutzende Kollegen von verschiedenen Kontinenten mit unterschiedlichen Sprachen, unterschiedlicher Sozialisation – das sei der Reiz solcher Jobs fernab der Heimat. Zwei multikulturelle Erfahrungen, die sie gemacht hat: „Chinesen sagen nie nein. Ein Ja heißt deshalb noch lange nicht, dass man ein gemeinsames Verständnis hat. Und Amerikaner sind sehr höflich – und so wollen sie auch angesprochen werden.“

Die Arbeit mit ausländischen Kollegen hat die Projektmanagerin geprägt: „Die eigenen Vorstellungen von Zusammenarbeit und Führung verändern sich, Grenzen verschieben sich, vieles relativiert sich.“ Dazu trägt der Umgang mit Problemen bei, bedingt beispielsweise durch Verspätungen von Materiallieferungen aus anderen Ländern. Das Motto der Managerin: „Kühlen Kopf bewahren und eine Lösung finden – das ist entscheidend.“ Weil sie eine positive Grundeinstellung hat, sieht Turtschan vor allem die interessante Seite dieser Medaille: „Kein Tag ist wie der andere.“

Von China aus ging Silvia Turtschan für ihren Arbeitgeber nach Dresden. Ihre weiteren Stationen: USA, Israel, Brasilien und schließlich Malaysia. Fast nie hatte sie eine Fünf-Tage-Woche, oft musste sie improvisieren, neue Wege gehen, Hürden überwinden. „Aber das ist auch das Spannende an solchen Aufgaben.“ Außerdem sei es eine enorme Herausforderung gerade komplexer Projekte, Spezialisten und Individualisten in eine Mannschaft einzubinden. Sich selbst sieht die Ingenieurin als Mannschaftsführerin, die zwar weiß, was auf welcher Position im Team zu leisten ist, aber lieber das Gesamtprojekt im Auge hat, anleitet, motiviert und organisiert.

Als Silvia Turtschan 1992 mit ihrem Ingenieurstudium begann, hätte sie sich nicht träumen lassen, wohin die Arbeit sie führt. Wenn sie nach ihrem persönlichen Erfolgsrezept gefragt wird, antwortet sie: „Spaß an der Arbeit und Durchhaltevermögen im beruflichen Alltag.“ Wo sie in fünf Jahren sein wird? „Wer weiß. Die Welt ist groß.“

JÜRGEN P. HOFFMANN

Ein Beitrag von:

  • Jürgen Hoffmann

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