Karriere 03.12.2004, 18:35 Uhr

„Ein Land für Leute mit Mumm“

VDI nachrichten, Bangalore, 3.12.04 -Da die Computer-Inder nicht nach Deutschland kommen, versuchen Computer-Deutsche ihr Glück bei indischen Firmen oder als Gründer auf dem Subkontinent. Viel Geld gibt es nicht, dafür eine hoch konzentrierte Portion Auslandserfahrung. Und die wird wiederum von potenziellen Arbeitgebern in Europa oder den USA honoriert.

Das Tor führt zu einem Büro im Untergeschoss, das der Chef und seine Angestellten den „Bunker“ nennen. Vor dem Tor verkauft ein Mann klebrig süße Cherimoya-Früchte und Bananen von einem Holzkarren, und gegenüber schreit den ganzen Tag der Strom-Generator eines kleinen Bautrupps. Die Arbeiten dauern schon ewig.
Das hier ist nicht der Teil Bangalores, den IT-Multies wie Yahoo oder Microsoft für ihre indischen Hauptquartiere bevorzugen. Hier, an der Peripherie von Indiens IT-Hochburg, hat René Seifert ein Büro aufgemacht, um aus einem kleinen Start-up namens „Level 360“ vielleicht mal ein großes Unternehmen zu machen.

Als Forschungscenter und Arbeitsbank für SAP, DaimlerChrysler, Siemens, Infineon oder Bosch hat Bangalore sich einen festen Platz auf dem IT-Globus erobert. Doch mit den großen Unternehmen kommen inzwischen auch kleine Firmen und immer mehr westliche Arbeitnehmer nach Indien. Nicht als hoch bezahlte Ex-Patriots mit Freiflügen für die ganze Familie und 100 % Auslandszuschlägen, sondern als Unternehmer und kleine Angestellte. Und um für indische Einkommen irgendwo zwischen 500 € und 1000 € im Monat zu arbeiten.
René Seifert ist blass wie ein zu kurz gebackenes Brötchen. Der 33-Jährige kommt seit einem Jahr kaum noch aus seinem Büro-Keller. An der Eingangstür des „Bunkers“ steht ein indischer Bürodiener und wartet darauf, dass man ihn Cola kaufen schickt. Vor der Phalanx der Rechner tüfteln die Mitarbeiter. „Wir entwickeln hier eine Software, mit der wir beliebige Artikel in beliebigen Mengen auf Ebay versteigern können“, sagt Seifert.
Level 360 ist ein Start-up wie zu den Hochzeiten der New Economy: Das Büro ist spartanisch, hinter gläsernen Trennwänden sitzen drei junge indische Programmierer und vier Deutsche – für die Entwicklung von Geschäftskonzepten, ein technischer Leiter, ein Praktikant und eine Betreuerin für die Mails mit Kunden in Deutschland. Level 360 versteigert Schmuck unter dem Namen „Kamatt“. Und der will fotografiert, beschriftet, eingestellt und (von Deutschland aus) verschickt werden. „Diesen gesamten Prozess bekommen wir billiger hin als jeder andere“, verspricht Seifert. Im Moment deckt der Schmuckhandel jedoch gerade einmal die Kosten dieses indischen Abenteuers.
Auch dank billiger Mitarbeiter. Die deutschen Angestellten arbeiten für rund 800 €. Und die indischen Programmierer verdienen gerade um die 500 € €
Wie die meisten Europäer und Amerikaner hat die Neugier die Crew von Level 360 auf den Subkontinent getrieben. Bangalore ist das Silicon Valley Asiens und Indien für viele Westler spannender als der Kontinent auf der jeweils anderen Seite des Großen Teichs.
Firmen wie EBookers plc. haben darum keine Probleme, Europäer anzulocken – auch zu indischen Löhnen. EBookers, eines der großen Online Reisebüros in Europa, steuert von London aus 13 Länderseiten und wickelt einen großen Teil der Kundenbetreuung im Callcenter in Indiens Hauptstadt Neu-Delhi ab.
Dort arbeiten neben 800 indischen Telefonisten 90 Westler, darunter der 21-jährige Patrick Schapper aus der Schweiz: „Ich wollte nach der Ausbildung in ein Land, wo ich Auslandserfahrung sammeln und gleichzeitig Urlaub machen kann“, sagt Schapper, der sich wie die meisten Kollegen für mindestens ein Jahr verpflichtet hat. Reichen denn die 500 € im Monat zum Leben aus? „Mit dem, was ich hier verdiene, habe ich eine pompöse Zeit hier“, sagt seine Kollegin Silvia Sethi. Kein Wunder: Ein indisches Durchschnittseinkommen liegt heute bei etwa 200 €.
Auch indische Großunternehmen wie Infosys Technologies heuern inzwischen Arbeitskräfte aus den klassischen Hochlohnländern an. Je mehr indische Firmen von reinen Programmierjobs weggehen und für westliche Länder ganze Geschäftsprozesse vom Graphik-Design bis zur Finanzbuchhaltung übernehmen, desto mehr müssen sie sich mit Marktkenntnis, Sprachvermögen und Beratungsleistungen profilieren.
Für Bangalore sucht Infosys 35 Absolventen amerikanischer Unis. Bei insgesamt 32 000 Angestellten ist das verschwindend wenig. „Aber vor zwei Jahren hätten Firmen wie Infosys überhaupt keine Chance gehabt, Ausländer bei Einstiegsgehältern ab 500 € nach Bangalore zu locken“, sagt Partha Iyengar, Vize-Direktor beim IT-Beratungsunternehmen Gartner Inc.. „In IT, India is the place to be“, protzen indische Zeitungen gerne.
Im Büro von Audrey D“Souza hängen Bilder vom Deutschen Bundestag, von Weinbergen am Rhein und von buntem Herbstlaub. Gegen diese Invasion deutscher Gemütlichkeit dröhnen von draußen Auto- und Rikscha-Hupen an. D“Souza ist Chefin der Deutsch-Indischen Handelskammer in Bangalore und steht (zusammen mit dem Restaurant auf der Dachterrasse des Goethe-Institutes in Bangalore) in dem Ruf, die heimliche Drehscheibe für Informationen in der Stadt zu sein. „Indien ist was für Leute mit Mumm. Es gibt nicht viele Deutsche, die sich das trauen“, sagt sie. Denn in Indien muss man jeden Tag auf Überraschungen gefasst sein: Dass Material nicht geliefert wird die Partner nicht das halten, was sie versprechen dass die Bürokratie geschmiert sein will. Laut Auswärtigem Amt lebten im vergangenen Jahr nur 2500 Bundesbürger in Indien.
Dass immer mal der Strom ausfällt – daran gewöhnt man sich noch am ehesten. Belohnt wird man für die Mühen mit dem täglichen Wunder, dass am Ende dann doch alles funktioniert. Irgendwie und irgendwann. Indien arbeitet Fuzzy-Logisch: „Für die meisten Europäer ist das eine enorme Herausforderung“, sagt D“Souza.
Einige Unternehmen in Deutschland honorieren einen Auslandsaufenthalt in Indien. „Bei uns arbeiten die Mitarbeiter eigenverantwortlich und müssen wie Unternehmer agieren“, sagt Herbert Heitmann, Pressesprecher bei SAP in Walldorf. „Wenn jemand in einem schwierigem Umfeld wie Indien etwas leistet, dann ist das höher einzuordnen als dieselbe Leistung in den USA oder in Europa.“
Bei der Siemens AG ist man da etwas zurückhaltender: „Es kommt darauf an, was man gemacht hat“, sagt Sprecher Andreas Fischer. Doch die Zeit, in der Indien als Versteck für Hippies und Aussteiger galt, ist lange vorbei. Auslandserfahrung kann man gerne auch in Vorderasien sammeln.
„Wir raten den Leuten, einen Aufenthalt in Indien mit der Jobsuche vor Ort in Bangalore zu verbinden“, sagt Audrey D“Souza von der Handelskammer. Denn schon bei der Bewerbung merkt man, dass hier nichts nach deutschen Mustern verläuft: Die Telefonleitungen nach Indien sind wacklig und auf Mails erhält man oft wochenlang keine Antwort.
D“Souza ist sich sicher, dass indische Unternehmen deutsche Muttersprachler suchen, um ihre Dienstleistungen in Deutschland anzubieten. Dauerstellen und offiziöse Ausschreibungen wie bei Infosys sind die Ausnahme aber befristete Verträge und Praktika gibt es durchaus. 50 bis 60 Deutsche arbeiteten zur Zeit in Bangalore auf solchen Stellen, schätzt D“Souza. Sie alle nehmen eine sehr intensive Auslandserfahrung mit.
Denn Indien ist anstrengend. „Es gibt Sachen, an die werde ich mich nie gewöhnen“, sagt Daniel Rudolph. Wir sitzen im Stamm-Restaurant der kleinen Belegschaft von Level 360 und essen Rahmkäse in Spinat, dazu Fladenbrot (mit der rechten Hand, versteht sich). Rudolph ist 28 Jahre alt und hat das, was D“Souza das ideale Profil nennen würde: Er hat bei einem Unternehmensberater für IT-Sicherheit gearbeitet und hat gleichzeitig Marketing-Erfahrung.
Gewöhnungsbedürftig sind tausend Kleinigkeiten: Das Schild „Bitte nicht Spucken“ auf dem Briefkasten die Affen auf den Dächern und laute Prozessionen, die einen Toten durch die Straßen zur Verbrennung tragen. Doch auch das gibt es in Bangalore: Gute Clubs, Restaurants und jede Menge Shopping-Straßen.
Bei Level 360 entwickelt Rudolph jetzt ein neues Geschäftskonzept. „Wir wollen hier in Bangalore eine Art Qualitätsstelle für kleine und mittlere deutsche Unternehmen werden“, sagt Rudolph. Deutsche Firmen können Teile ihrer Softwareentwicklung, graphische Arbeiten, Buchhaltung oder Übersetzungen nach Indien auslagern und damit Geld sparen. Level 360 will den deutschen Kunden gute Firmen aussuchen, deren Arbeit kontrollieren und mit dieser Dienstleistung Geld verdienen. Monatelang hat Rudolph an dem Konzept gefeilt und den Bunker kaum noch verlassen. Dann konnte er endlich eine Woche Urlaub im nahen Strandparadies Goa einschieben. Sonst wäre er immer noch genauso blass wie sein Chef.MARCUS FRANKEN

 

  • Marcus Franken

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