Karriere 01.02.2002, 17:32 Uhr

Durchtrainiert in den Vorstand

Im vergangenen Frühjahr wurde der ehemalige Leistungsturner Jürgen Renz in den Vorstandskader des IT-Dienstleisters Bechtle berufen. Mit dem gelernten Maschinenbauer und Wirtschaftsingenieur macht das Unternehmen einen Salto vorwärts. Die Schwaben schauen auf Schwindel erregende Umsatzzahlen.

Nach vorne drängt es ihn immer, allerdings nicht ins Rampenlicht. Dabei gäbe der durchtrainierte Manager Jürgen Renz auf der Bühne eine gute Figur ab. Glänzen will der 41-Jährige aber beruflich nicht mit seiner Person, sondern mit seiner Fachkompetenz. Auch auf Premierefeiern wie der ersten Hauptversammlung der Bechtle AG. Auf dem Aktionärstreffen wurde Renz im vergangenen Sommer als neues Vorstandsmitglied freundlich begrüßt, einer seiner Kollegen kam weniger gut weg: Konzernchef Gerhard Schick. Dem Haupteigner von Bechtle warfen Vertreter der Kleinaktionäre eine undurchsichtige Politik mit seinen Anteilen vor. Außerdem muss Finanzvorstand Schick den derzeit schwachen Kurs von rund 8 € gegenüber dem Emissionskurs von 27 € im März 2000 verantworten. Renz tangieren solche Angriffe nicht. Das Vorstandsmitglied ist bei der AG aus Gaildorf mit keiner größeren Beteiligung verzeichnet. Er kann also jederzeit den Absprung wagen. Dafür gibt es freilich momentan keinerlei Anzeichen – und keinen Grund: Bechtle verdient einen Batzen Geld mit dem Verkauf von Hard- und Software, dem Implementieren von Systemlösungen und der Beratung. So konnte der Konzern den Umsatz im Geschäftsjahr 2001 nach vorläufigen Zahlen um gut 30 % auf 639 Mio. € steigern.

Das sind selten gute Nachrichten in einer konjunkturschwachen Zeit. Während zuletzt mit m+s ein großer Konkurrent auf der Strecke blieb und Insolvenz anmeldete, expandiert Bechtle weiterhin. Von wegen „schleppende Entwicklung“ (Bechtle-Pressemitteilung) und schwäbischer Geiz (Volkes Stimme): Die Gaildorfer kaufen ein Systemhaus nach dem anderen und eröffnen Onlineshop um Onlineshop. Gerade hat sich das Unternehmen die Systemhaussparte der Schweizer Eurodis AG einverleibt. Die erfolgreiche Expansion ist auch ein Verdienst von Renz, er führt die Aktivitäten im Ausland und im Internet. Der Manager sitzt hauptsächlich in Heilbronn, mal in Krefeld und Gaildorf. Zwischendurch reist er zu den Auslandstöchtern nach Belgien und Holland, auf die britische Insel, in die Alpen und nach Spanien. Der Mann scheint für diesen Job geradezu prädestiniert. „Er legt sehr viel Wert auf die zwischenmenschlichen Beziehungen in andere Länder“, betont eine Mitarbeiterin.

Der Reiz liegt aber wohl auch in den kulinarischen Genüssen, die mit den Auslandsaufenthalten verbunden sind. Als Studienabsolvent schaute Renz bereits in asiatische Kochtöpfe und erfüllte sich mit dem Trip nach Übersee einen Jugendtraum. Diese Reise wirkt fast wie ein Ausbruch in seinem Lebenslauf. Denn Renz wächst in der provinziellen Enge des Schwabenlandes auf. Genauer gesagt, in Bad Friedrichshall, einer Stadt nahe Heilbronn, in der gemütliches Fachwerk, Maultaschen und die Kehrwoche das Leben bestimmen. Neckarsulm ist nicht weit entfernt, der Standort von Audi NSU, wo sein Vater als Karosserieflaschner und Betriebsrat gearbeitet hat. „Ich komme aus bodenständigen Verhältnissen und habe meinen Wirkungskreis Stück für Stück erweitert“, sagt Renz rückblickend. Da klingt der Sportler durch zu Jugendzeiten trainiert er hart und diszipliniert für den Erfolg und schafft es bis zum Deutschen Meister im Mannschaftsturnen. So wie er stets eine Reihe von Geräten im Blick hat und überwindet, so zielstrebig bewegt sich Renz nach dem Abitur von zu Hause fort: Nach dem Maschinenbaustudium in Stuttgart legt er noch ein Studium als Wirtschaftsingenieur in München nach. Nach ersten Erfahrungen als Unternehmensberater bewirbt er sich selbstbewusst: „IBM präsentierte sich am überzeugendsten – bezahlte aber nicht am besten.“

Sein Ingenieurstudium hat ihm bei seinem Job im amerikanischen Konzern sehr geholfen: „Ich konnte das analytische Denkvermögen trainieren. Als ich im EDV-Bereich tätig war, verstand ich die Sprache der verschiedensten Kunden. Mir waren die Problemstellungen bei Fertigungsprozessen bestens bekannt“, sagt Renz, der seine Diplomarbeit als Maschinenbauer bei Bosch durchführte. Diese Erfahrungen nutzen ihm bei IBM, wo er innerhalb von 13 Jahren die Karriere- und Verdienstleiter hochklettert, über Berlin in die USA, vom Vertriebsbeauftragten für Großkunden bis zum Assistenten des allmächtigen IBM-Bosses Louis Gerstner. Doch 1998 will er plötzlich nicht mehr. Warum wirft Renz das Handtuch, als er es bis oben geschafft hat? „Das ist nicht einfach zu beantworten“, sagt Renz heute, „das hatte mehrere Gründe.“ Einer der wichtigsten: „Für mich zählte der Wunsch nach Eigenständigkeit.“ Die typische Ausrede eines frustrierten Managers? Nicht, wenn man seinem Umfeld glauben kann. „Er steht weiterhin im Kontakt mit Gerstner“, heißt es. Sicher spielte auch die Familie eine Rolle. Renz ist verheiratet und hat zwei Töchter, die bald in die Pubertät kommen. Da will der Vater nicht so weit weg sein und abends nicht allzu spät noch im Büro hocken.

Einmal entschieden bei IBM aufzuhören, hatte Renz ein klares Ziel vor Augen. Nicht die Industrie sollte es sein, sondern der Mittelstand. Die Krefelder Systemhaus-Gruppe SDV lockte mit dem Geschäftsführerposten. Dann ging alles ganz schnell: Renz sagt zu und verantwortet kurz darauf die Region Nord. Das liegt an der Fusion der Rheinländer mit Bechtle. Der Fusionspartner kommt ursprünglich aus Heilbronn und damit schließt sich für Renz ein Kreis.

In seinem Umfeld gilt Renz als „offen, flexibel und unkompliziert“, so ein Vertrauter. „Bescheiden“ sei er auch. Allerdings nicht bei seinen Geschäftszielen. In Teamwork mit seinen Vorstandskollegen bei Bechtle drängt es Renz bis 2006 zu einem Gesamtumsatz von mehr als 2,5 Mrd. € . Da das Unternehmen auch in diesem Jahr auf Einkaufstour geht, steigen die Umsätze wahrscheinlich genauso schnell wie in den vergangenen Jahren – 800 Mio. € sind für 2002 angepeilt. Doch selbst wenn Renz seine Ziele erreicht, das Scheinwerferlicht wird er wohl trotzdem meiden. ARND WESTERDORF

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