Arbeitsmarkt 21.11.2003, 18:27 Uhr

Die Überalterung ist vor allem ein technisches Problem

Die Folgen der Überalterung ließen sich verringern, wenn die Beschäftigten länger arbeiten als in der Vergangenheit, wer will, sollte auch über das 65. Lebensjahr hinaus im Beruf bleiben können, fordert der Schweizer Ökonom Reiner Eichenberger. Für Frührentner sollte es höhere Abschläge geben.

VDI nachrichten: Herr Eichenberger, Sie sprechen vom Glück der Überalterung. Ist das Ironie oder Provokation?
Eichenberger: Ein wahrer Kern ist schon dabei.
VDI nachrichten: Inwiefern?
Eichenberger: Die Menschen werden nicht nur älter, sie bleiben auch länger gesund und können auch länger arbeiten. Die Behauptung, dass die unproduktive Zeit im Verhältnis zur produktiven Phase zwischen 15 und 65 Jahren immer weiter wachse, ist falsch. Sie ist das Ergebnis einer rein technokratischen Betrachtung, weil sie gebunden ist an das zufällig gesetzte Pensionsalter von 65 Jahren und an eine Lohnstruktur, durch die Ältere mehr verdienen als Jüngere.
VDI nachrichten: Wenn die Menschen über das 65. Lebensjahr hinaus arbeiten sollen, müssten die Unternehmen mitmachen und Ältere behalten oder einstellen.
Eichenberger: In der Vergangenheit haben die Unternehmen doppelt gespart, indem sie die Älteren in den Ruhestand schickten, dafür billigere jüngere Arbeitskräfte einstellten und die Pensionskosten auf die Sozialkassen abgewälzt haben. Das geht nicht mehr. Deshalb sollte das tatsächliche Renteneintrittsalter dem gesetzlichen von 65 Jahren angepasst werden. Wer will, soll auch länger arbeiten dürfen, aber ohne Zwang. Das geht sicher nicht in jedem Beruf, aber in vielen. Wer vor dem 65. Lebensjahr aus dem Beruf ausscheiden will, der müsste Abschläge in Kauf nehmen, und zwar solche, die versicherungsmathematisch richtig und deshalb höher sind als in der Vergangenheit.
VDI nachrichten: Wären die Folgen der Überalterung zu mildern, indem die Lohnstruktur in den Betrieben geändert wird?
Eichenberger: Ja, die Frage ist aber: Wie bringt man Ältere dazu, auf einen Teil des Lohns zu verzichten? In Japan wird das schon praktiziert.
VDI nachrichten: Werden dort die älteren Arbeitnehmer entlassen oder finden die im gleichen Unternehmen einen neuen, wenn auch schlechter bezahlten Job?
Eichenberger: Die werden entlassen und müssen sich woanders einen neuen Job suchen. Es ist in Japan aber kein Problem, in einer anderen Firma eine Beschäftigung zu einem niedrigeren Lohn zu finden, auch wenn jemand älter als 50 ist.
VDI nachrichten: In Deutschland schon. Wo sehen Sie eine Lösung?
Eichenberger: Ein Verzicht auf Lohnsteigerungen im Alter wäre eine Alternative, dann könnten die Beschäftigen in der gleichen Firma bleiben. Das wäre ein Weg. Das Problem liegt in der heutigen Lohnstruktur: Die Löhne im mittleren Alter auf dem Höhepunkt der Produktivität sind zu tief, die Löhne im Alter danach aber zu hoch. Das garantiert zwar lebenslange Lohnsteigerungen, aber auch Altersarbeitslosigkeit.
VDI nachrichten: Wo sehen sie einen Ausweg?
Eichenberger: Die Arbeitnehmer und Arbeitgeber müssen umdenken, aber auch der Staat kann helfen. Zum Beispiel könnten die Steuern und Sozialabgaben auf Arbeitseinkommen ab 60 oder 65 gesenkt werden und so Anreize zu Langzeitarbeit gegeben werden.
VDI nachrichten: Die Überalterung ließe sich durch eine längere Lebensarbeitszeit in den Griff bekommen, aber auch die demografischen Probleme?
Eichenberger: Die Veränderung der Alterspyramide durch den Rückgang der Geburten lässt sich nicht schmerzlos durch längere Arbeitszeiten lösen. Dafür muss jemand geradestehen: Entweder die Jungen oder die Alten oder beide.
VDI nachrichten: In Deutschland will die CSU Familien mit Kindern bei den Beiträgen zur Rentenversicherung entlasten und ihnen später auch eine höhere Rente zukommen lassen. Bezahlen sollen das die kinderlosen Rentenversicherten. Was halten Sie davon?
Eichenberger: Kinder soll man bekommen, weil sie Freude machen, aber das ist kein Grund, sie gesellschaftlich zu subventionieren. Wenn man Familien aber helfen will, dann sollte das über Steuern finanziert werden, weil dann auch Beamte und Selbstständige an diesen Kosten beteiligt werden. Auch wenn es sich hart anhört, so ist es doch falsch anzunehmen, Kinder seien grundsätzlich eine gute Investition. Bis jemand seine Ausbildung über die Steuern wieder zurückbezahlt hat, muss er schon sehr alt werden. Für den Staat würde es sich nur lohnen, überdurchschnittlich produktive Kinder zu fördern, aber das ist undenkbar.
VDI nachrichten: Ökonomen behaupten, dass alternde Gesellschaften weniger innovativ sind, da sie mehr an Sicherheit orientiert seien. Stimmt das?
Eichenberger: Nein. Die Innovationskraft hängt von ökonomischen Anreizen ab und davon, wie die politischen Institutionen funktionieren, ob die Entscheidungsträger sich gegenseitig blockieren. Das ist keine Frage des Alters.
VDI nachrichten: Welche Anreize sollten das sein?
Eichenberger: Ein vernünftiges Bildungssystem und moderate Grenzsteuersätze für innovative Unternehmen. Außerdem sollte eine Gesellschaft offen sein für Ausländer.
VDI nachrichten: Welche Wachstumsraten wären nötig, um demografische Probleme abzufedern?
Eichenberger: Je größer, um so besser die Chance, demografische Probleme abzufedern. Einen Schwellenwert gibt es dabei nicht.
VDI nachrichten: Banken rechnen als Folge der demografischen Entwicklung mit sinkenden Renditen. Ist das realistisch?
Eichenberger: Renditen auf Aktien waren in den vergangenen 100 Jahren sehr viel höher als die auf Staatspapiere – für Ökonomen ein Rätsel. Künftig wird es diese hohen Renditen wohl nicht mehr geben. Wenn viel Geld auf die Kapitalmärkte fließt, dann wird die Rendite automatisch geringer. Deshalb ist es auch eine Illusion zu glauben, man könnte durch eine kapitalgedeckte Alterssicherung die demografischen Probleme lösen. Es muss in jedem Fall investiert und Realkapital aufgebaut werden.
VDI nachrichten: Ziehen sich Investoren aus alternden Gesellschaften zurück?
Eichenberger: Das hängt davon ab, wer die Lasten der Alterung trägt. Falsch ist der deutsche Weg mit relativ niedrigen Durchschnitts- und hohen Grenzsteuersätzen. Die Schweiz hat den besseren Weg eingeschlagen. Hier sind die durchschnittlichen Steuersätze ähnlich hoch, aber die Grenzsteuerbelastung ist geringer.
VDI nachrichten: Ökonomen plädieren dafür, die Sozialsysteme abzuschaffen und Kinder ihre Eltern im Alter versorgen zu lassen. Was halten Sie davon?
Eichenberger: Wenig, denn in einer globalen Welt leben Kinder oft nicht mehr bei ihren Eltern und können sich nicht um sie kümmern.
VDI nachrichten: Könnten Kinder dann nicht Pflegedienste für ihre Eltern bezahlen?
Eichenberger: Wie soll das durchgesetzt werden können? Der Glaube, Kinder würden freiwillig bezahlen, ist naiv. Es müsste schon sozialer Druck auf die Jungen ausgeübt werden. Hinter dieser Forderung steht der Wunsch nach einer schönen, heilen Welt, aber sobald die Gesellschaft mobiler wird, nimmt der Druck auf die Familien zu.
HARTMUT STEIGER

Ein Beitrag von:

  • Hartmut Steiger

    Redakteur VDI nachrichten. Fachthemen: Aus- und Weiterbildung, Studium, Beruf.

Themen im Artikel

Stellenangebote im Bereich Verwaltung

Gemeinde Faßberg-Firmenlogo
Gemeinde Faßberg Leitender Verwaltungsfachangestellter (m/w/d) für kommunale Bauverwaltung Faßberg
Stadt Köln-Firmenlogo
Stadt Köln Geodät*in (m/w/d) als Sachgebietsleitung des Bereichs Führung des amtlichen Liegenschaftskataster Köln
AIXTRON SE-Firmenlogo
AIXTRON SE Kaufmännischer Mitarbeiter / Sachbearbeiter (m/w/d) im Bereich Order Administration Herzogenrath
Landeshauptstadt Stuttgart-Firmenlogo
Landeshauptstadt Stuttgart Sachbearbeiter*in Gewerbeaufsicht (m/w/d) Stuttgart
Stadt Geislingen an der Steige-Firmenlogo
Stadt Geislingen an der Steige Bauingenieur / Bachelor of Engineering (m/w/d) Sachgebiet Tiefbau Geislingen
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH-Firmenlogo
Knorr-Bremse Systeme für Nutzfahrzeuge GmbH Assistenz der Standortleitung (m/w/d) Schwieberdingen
Landeshauptstadt Kiel-Firmenlogo
Landeshauptstadt Kiel Ingenieur*in / Stadtbauamtmann*frau im Bereich Bauaufsicht mit Schwerpunkt UKSH und Großbauvorhaben (m/w/d) Kiel
Städtische Werke Energie + Wärme GmbH-Firmenlogo
Städtische Werke Energie + Wärme GmbH Wirtschaftsingenieur Genehmigungsmanagement / Assetmanagement (m/w/d) Kassel
Eisenbahn-Bundesamt-Firmenlogo
Eisenbahn-Bundesamt Ingenieurin / Ingenieur (m/w/d) (FH-Diplom / Bachelor) im Bereich Schienenfahrzeugtechnik, Maschinenbau/-wesen oder Elektrotechnik/Elektronik Bonn
Landeshauptstadt München-Firmenlogo
Landeshauptstadt München Ingenieur*in für Strom- und Energiefragen (w/m/d) München

Alle Verwaltung Jobs

Top 5 Arbeitsmar…

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.