Karriere 25.12.1998, 17:20 Uhr

Die Schrift als Seelendeuter

Bei der Besetzung von Führungspositionen bauen einige Unternehmen auf die Hilfe von Graphologen. Von der Handschriftenanalyse erhoffen sich Arbeitgeber vor allem Aufschluß über die sozialen Kompetenzen der Stellenbewerber.

Die eher mickrige Unterschrift von Gerhard Schröder läßt keinesfalls auf die eines hohen Staatsmannes schließen – denkt der Laie. Aber das kleine „ö“ verrät ihn. Dem Experten ist nämlich schon beim ersten Hinsehen klar: Hier kann es sich nur um eine Persönlichkeit mit ausgesprochenem Drang zu hohen Weihen handeln. „Der hohe Querstrich als Ersatz für die beiden Punkte über dem `o` deuten auf einen Menschen mit ausgesprochenem Machtwillen hin“, weiß Graphologe Hans Joachim Klupsch. Wohl kaum eine Form der diagnostischen Psychologie ist so umstritten wie die der Graphologie. Die einen belächeln sie als Vodoo-Zauber, die anderen glauben an sie als „seelisches Röntgengerät“ oder als „königlichen Weg zur Menschenkenntnis“. Aber auch unter ihren Befürwortern gibt es verschiedene Auslegungen. Während die Handschrift für Liebesangelegenheiten oder Krankheiten häufig als diagnostisch untauglich abgetan wird, steht die Bedeutung für die betriebsinterne Beratung außer Frage. Auch in Deutschland greifen einige Unternehmen, insbesondere bei der Ausschreibung von Führungspositionen, auf die altmodisch anmutende Methode zurück. „Es geht für uns nicht darum, im Falle einer Bewerbung den Daumen zu senken oder zu heben, also über Anstellung oder Nichtberücksichtigung zu entscheiden“, erläutert Klupsch. „Die Firmen wollen häufig nur ihr eigenes Urteil bestätigt wissen. In der Regel komme ich tatsächlich zur gleichen Bewertung.“ Dabei steht die fachliche Qualifikation nicht zur Debatte. Sie ergibt sich aus Lebenslauf, Zeugnissen und Arbeitsproben. Klupsch: „Unsere Aufgabe ist es, die sozialen Kompetenzen herauszufiltern: Paßt der Bewerber in den Rahmem der Betriebsphilosophie, ist er aufrichtig und zuverlässig, hat er Durchsetzungsvermögen und kann er sich ins Team einordnen?“ Die Hoffnung, hinter die Fassade ihres Gegenüber treten zu können, hat die Menschheit immer schon fasziniert. Die Schriftpsychologen glauben seit den Zeiten ihres „Urvaters“ Abbé J.H. Michon (19. Jahrhundert), den geeigneten Weg gefunden zu haben. „Unser Verfahren ist zeitlos und funktioniert“, meint auch Dr. Helmut Ploog, Vorsitzender des Berufsverbandes geprüfter Graphologen und Psychologen in München. „Die Schrift als Körpersprache ermöglicht rasche und zusammenfassende Einsichten in die Persönlichkeit. Dem Graphologen enthüllt sich eine Fülle an Informationen.“ Insider verweisen stets auf die große Tradition Frankreichs und die ausgezeichneten Erfahrungen, die der westliche Nachbar mit der Schriftpsychologie auch heute noch mache. Hierzulande stößt die wissenschaftlich zweifelhafte Methode auf eine breite Skepsis-Front. Manche Unternehmen geben ungern zu, daß sie Graphologen zu Rate ziehen, viele lehnen die Methode schlichtweg ab. „Ich stehe der Sache eher feindlich gegenüber“, sagt Ulrich Schindler, Professor für allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Personalwesen an der Fachhochschule Merseburg. „Da es keine zuverlässigen Aussagen über Persönlichkeitsmerkmale zuläßt, ist es auch für ein Personal-Auswahlverfahren ungeeignet. Für mich gehören Graphologen daher eher in das Umfeld der Esoteriker. Ich vermute, 99 von 100 sind Scharlatane.“ Oswald Neuberger, Professor für Psychologie an der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Augsburg, ließ sich während seines Studiums in Graphologie ausbilden. Die Trefferquote bei schriftpsychologischen Untersuchungen läge hoch, gesteht er. Persönlichkeitsmerkmale kämen unzweifelhaft zum Ausdruck. Vor einer Überbewertung der Befunde warnt Neuberger jedoch: „Es handelt sich meist um nichtssagende Banalitäten, die auf intuitiven Überlegungen beruhen.“ Die Handschrift ist für Dr. Horst Lederer immer ein Grund, „genauer hinzusehen“. Als Auswahlkriterium bei Bewerbungen kommt sie für den Leiter Marketing bei Ziegler-Informatics, einem Software-Unternehmen für Ingenieure in Mönchengladbach, jedoch nicht in Frage. Obwohl Lederer angesichts vieler Ingenieure, die „schreiben wie die Hühner“, eine schöne Schrift zu schätzen weiß, handele es sich bei Graphologie eher um „magischen Firlefanz“ als um eine handfeste Hilfe. „Hoppla, ein Signal!“ Bei Hans Schuler meldet sich die innere Stimme, wenn der Personalleiter der Ina-Wälzlager Schaeffler KG in Herzogenaurach auf eine Unterschrift stößt, die aus dem Rahmen fällt. „Die Handschrift ist für mich eine Art Wegweiser. Durch meine graphologische Ausbildung erkenne ich beispielsweise motorische Störungen. Im Bewerbungsgespräch gehe ich dann diesen Signalen nach.“ Zur persönlichen Note eines Bewerbers gehöre die Handschrift ebenso wie das Foto, geschliffene Formulierungen oder das Anschreiben. Zwei der drei wesentlichen Hypothesen der Graphologie sind in der Psychologie unumstritten: Zum einen sind Handschriften individuell, sind also einzigartig zum anderen sind sie vor allem psychisch bedingt. Auf teils heftige Kritik stößt der graphologische Anspruch, ein ganzheitliches psychologisches Gutachten erstellen und somit auch einen Ausblick auf das künftige Verhalten des Bewerbers geben zu können. Nicht selten werde so in die persönliche Intimsphäre eingegriffen. Zudem legten mehrere Graphologen bei den Analysen einer Handschrift jeweils sehr unterschiedliche Ergebnisse vor. Eine Tatsache, um die auch Jörg Wirtgen weiß. Eigentlich wäre es ideal, wenn es auch für Top-Manager eine Verhaltensanalyse wie bei einem Assessment-Center gäbe, meint der Vorstand für Personal und Organisation der Haselünner Berentzen AG. Und da Zeugnisse kein Bild von der Struktur einer Persönlichkeit ergeben, „ist die Handschrift ein nicht zu unterschätzender Mosaikstein der Bewertung. Ich konfrontiere den Kandidaten mit den Ergebnissen zweier graphologischer Gutachten, die unabhängig voneinander erstellt wurden. Wie reagiert er beispielsweise auf die Kritik, seine Schrift weise aggressive Züge nach? Blockt er nur ab, kommt er für uns nicht mehr in Frage.“ Dr. Horst Lederer sieht in der Verwissenschaftlichung der Graphologie hingegen den Wunsch der Menschen, die Dinge objektivierbar zu machen, sie einer Regelhaftigkeit zu unterwerfen. Ein Denkansatz, der auf breite Zustimmung stößt.
WOLFGANG SCHMITZ

Ein Beitrag von:

  • Wolfgang Schmitz

    Wolfgang Schmitz

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Bildung, Karriere, Management, Gesellschaft

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