Arbeitsmarkt 31.08.2001, 17:30 Uhr

Die Rückkehr der Spezialisten

Unbegrenzte Möglichkeiten – die schien das Silicon Valley Fachkräften auch aus dem Ausland zu bieten. Doch für viele ist der Traum geplatzt.

Tolle Verdienstmöglichkeiten, interessante Jobs, hervorragende Karriereaussichten – drei Gründe, warum in den vergangenen Jahren zahlreiche Ingenieure, Informatiker und Betriebswirte den Schritt wagten, Deutschland den Rücken zu kehren und ins amerikanische Silicon Valley zu ziehen.

Kündigung, zu hohe Lebenshaltungskosten, fehlende Perspektiven – drei Gründe, warum in diesen Tagen der eine oder andere deutsche „Gastarbeiter“ daran denkt, dem krisengeschüttelten Hightech-Tal den Rücken zu kehren und seine berufliche Zukunft wieder in Europa zu suchen.

Hendrik Levsen hat es sogar schon getan. Nachdem sein Zeitvertrag bei einem Anbieter von Personalmanagement-Lösungen nicht verlängert worden war, hatte sich der Diplom-Physiker im März auf die Suche nach einer neuen Stelle gemacht. „Ich fand einen Job, der direkt nach Ablauf des Vertrages beginnen sollte, aber wegen Problemen mit dem Visum auf Ende April verschoben wurde“, erzählt er. Und in dieser Zeit passierte es: Wegen schlechter finanzieller Lage der Firma wurde die Stelle kurzerhand gestrichen. „Danach habe ich noch vier Wochen lang nach einem Job gesucht, bis mir das Geld ausging, und dann habe ich den Rückzug angetreten.“

Der 27-Jährige ging nach Deutschland zurück und begann sich von dort aus zu bewerben. Mit Erfolg: Er bekam eine Menge interessanter Jobangebote und arbeitet nun als freiberuflicher Integration Tester bei einem Unternehmen in der französischen Stadt Antibes – „zu recht hohen Tagessätzen“, wie er betont. In Europa, so seine Erkenntnis, „sind im Unterschied zu den USA hoch qualifizierte IT-Fachkräfte noch sehr gefragt“.

Andreas Meuler hat Kalifornien ebenfalls nicht so ganz freiwillig „goodbye“ gesagt. Zusammen mit zahlreichen weiteren Kollegen wurde er nach Deutschland „zurückversetzt“, nachdem sein Arbeitgeber, ein europäischer Telekommunikationsausrüster, seine Niederlassung im Silicon Valley dicht gemacht hatte. „Nach knapp einem Jahr in den USA hatte ich mich gerade erst so richtig an das Leben hier gewöhnt, und da war es auch schon wieder vorbei“, erzählt der Wirtschaftsingenieur.

Hendrik Levsen und Andreas Meuler sind sicherlich keine Paradebeispiele, die einen massenhaften Auszug deutscher Fachkräfte aus dem von Entlassungswellen heimgesuchten Silicon Valley dokumentieren. Aber sie sind auch keine absoluten Einzelfälle. Denn wer das Pech hat, in schlechten Zeiten seinen Job zu verlieren, der hat es in den USA als Ausländer nicht ganz so einfach, auf die Schnelle einen neuen Arbeitsplatz zu finden.

Die Gründe dafür liegen vor allem in den komplizierten Visa-Regelungen. Fachkräfte, die sich mit einem auf insgesamt sechs Jahre befristeten H1-B-Visum in den USA aufhalten, müssen bei einem Stellenwechsel ein neues Visum beantragen. Der Antrag muss von dem neuen Arbeitgeber unterstützt werden und ist eine aufwändige und zuweilen langwierige Prozedur. Der Wirtschaftsjournalist Gerd Meissner, der im Silicon Valley ein Redaktionsbüro und ein Internet-Netzwerk mit Jobbörse speziell für den deutsch-amerikanischen Arbeitsmarkt betreibt: „Unsere Erfahrung zeigt, dass hauptsächlich solche Fachkräfte die Rückkehr erwägen, die Schwierigkeiten haben, einen neuen H1-B-Sponsor zu finden“.

Zwar müssen Spezialisten mit einer zeitlich begrenzten Arbeitserlaubnis nach dem Verlust des Arbeitsplatzes nicht, wie vielfach berichtet, innerhalb von zehn Tagen das Land verlassen. Wie Hendrik Levsen, müssen die meisten jedoch schon deshalb eine schnelle Entscheidung treffen, weil sie sich in dem Tal, in dem Mieten und Lebenshaltungskosten immer noch extrem hoch sind, ein Leben ohne Job nicht lange leisten können.

„Es gibt hier eine Menge Deutsche, die auf einmal eine unheimliche Existenzangst haben“, erklärt Oliver Rüth. Der Headhunter, der derzeit für die Münchner HJG Unternehmensberatung eine Niederlassung an der Westküste aufbaut, trifft bei seiner Arbeit immer häufiger auf hoch qualifizierte Fachleute, die auf der Suche nach einem sicheren Job in Deutschland sind.

Für ein Job-Ticket nach Hause sind die Rückkehrwilligen anscheinend auch bereit, einige Zugeständnisse zu machen – vor allem beim Gehalt. „Den meisten ist ganz klar, dass sie die hohen Gehälter hier nicht als Maßstab für Deutschland nehmen können“, betont Rüth. „Es gibt jetzt so viele freie und gute Leute auf dem Markt, da sind viele froh, wenn sie überhaupt ein interessantes Angebot bekommen.“

Die angespannte Wirtschaftslage ist jedoch nicht der einzige Grund, warum sich manch einer nach der Heimat sehnt. Viele Familien erwägen nach den Erfahrungen von Gerd Meissner dann die Rückkehr, wenn die Kinder das schulpflichtige Alter erreichen. Die Softwareingenieurin Miriam Bender möchte auf jeden Fall, dass ihre beiden Kinder in Deutschland aufwachsen. „Die Schulausbildung kostet hier eine Menge Geld und ist nicht einmal besonders gut“, erzählt sie und fügt hinzu: „Für ein dauerhaftes Leben ist es hier auch einfach zu hektisch. Ich fühle mich hier immer noch als Ausländerin und ich möchte, dass meine Kinder irgendwo richtig dazu gehören.“

Kulturelle Unterschiede spielen bei der Entscheidung für eine Rückkehr jedoch selten die Hauptrolle. Im Gegenteil. Viele befürchten sogar, eher Schwierigkeiten bei der Eingewöhnung in Deutschland zu haben. „Die alte Heimat kommt mir jetzt klein und teilweise extrem konservativ vor“, so der Diplom-Ingenieur Holger Kram, der im Herbst für seinen Arbeitgeber BrainLAB eine neue Aufgabe in München übernehmen wird. Der Karriere wegen geht auch Matthias Huber nach Deutschland zurück. Und er ist sich ebenfalls sicher: „Nach zwei Jahren in Kalifornien erwartet mich in Deutschland ein Kulturschock.“

Die internationale Atmosphäre, die das berufliche und private Leben im Silicon Valley so sehr prägt, steht ganz oben auf der Liste der Dinge, die Heimkehrer in Deutschland besonders vermissen. Holger Kram wird sich mit gemischten Gefühlen von Kalifornien verabschieden: „Das Silicon Valley ist immer noch eine geniale Ideenschmiede. Es ist faszinierend, was hier für Träume geträumt und teilweise realisiert werden. Das ist immer noch einzigartig.“ RUTH PONS

Von Ruth Pons
Von Ruth Pons

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