Arbeitsmarkt 16.06.2006, 19:22 Uhr

„Die Großen diktieren die Preise“  

VDI nachrichten, Düsseldorf, 16. 6. 06, has – Überkapazitäten bestimmen den Markt im Rohrleitungsbau und sorgen für einen Preisverfall. Große Unternehmen nutzen diese Situation. Verstärkt wird der Preisdruck durch die Technik. So lassen sich durch das Internet Ausschreibungen schnell unterbieten. Besonders betroffen sind Unternehmen, die nur ein Produkt anbieten und keine eigene Fertigung haben.

Dass Unternehmen den Schulterschluss mit der IG Metall suchen, kommt selten vor. Eine dieser Ausnahmen: Unternehmen des Rohrleitungsbaus. Ende vergangenen Jahres trafen sich Unternehmenschefs, Betriebsräte und Funktionäre der IG Metall aus Nordrhein-Westfalen im Bildungszentrum der Gewerkschaft in Sprockhövel. Grund: der Preisdruck, dem die Branche ausgesetzt ist.

Viele Unternehmen arbeiten zu Preisen wie vor zehn oder 15 Jahren. Bevor dieser Preisdruck einsetzte, „bekam jeder ein gleich großes Stück vom Kuchen“, erklärt Kai Uwe Buschhausen, Betriebsratsvorsitzender von Weber Rohrleitungsbau in Pulheim bei Köln. Kostensteigerungen konnten die Rohrleitungsbauer weitergeben, oft zahlten die Abnehmer auch einen Inflationsausgleich.

Doch das ist Vergangenheit. Heute bestimmen Überkapazitäten den Markt und sorgen für einen Preisverfall, so der Ökonom Heinz-J. Bontrup, Professor an der FH Gelsenkirchen. Ende der achtziger Jahre haben Konzerne der chemischen Industrie, der Mineralöl- und der Energiewirtschaft ihre Rohrleitungsabteilungen ausgegliedert. Anfangs gab es für diese Unternehmen genügend Aufträge, wenn auch zu schlechteren Bedingungen.

Mitte der 90er Jahre kam es dann zu den ersten Fusionen: Kleinere Betriebe wurden aufgekauft. Das Problem der Überkapazitäten war damit aber nicht verschwunden. Durch Konzentration baute sich auf der Abnehmerseite gleichzeitig eine enorme Marktmacht auf: einer großen Zahl von Unternehmen des Rohrleitungsbaus steht eine kleine Zahl von Abnehmern gegenüber. Die Folge: Die Abnehmer, meist große Konzerne, können die Preise diktieren, so Bontrup.

Zunächst wurde dieses Problem durch steigende Nachfrage überdeckt. Ins Trudeln gerieten die Rohrleitungsbauer jedoch, nachdem die Blase an den Börsen geplatzt war und sich in der Industrie wie auch gesamtwirtschaftlich ein Preisverfall bemerkbar machte, erklärt Bontrup.

Dieser Preisdruck wird durch die Technik verstärkt. Mit Internet-Ausschreibungen z. B. lassen sich Angebote schnell unterbieten, meint Wolfgang Nettelstroth von der IG Metall NRW. Bei Ausschreibungen von Unternehmen, die selbst über eine Rohrleitungsabteilung verfügen, haben die ausschreibenden Unternehmen in der Regel das Recht auf ein letztes Gebot, d. h. sie können die Angebote externer Anbieter immer unterschreiten – auch dann, wenn sie Verluste hinnehmen müssen. Die ließen sich intern verrechnen. Zudem müssten Rohrleitungsbauer mit Unternehmen konkurrieren, die auf Leiharbeiter zurückgreifen oder Subunternehmer einsetzen, mit der Folge, dass die Lohnkosten weiter sänken.

Ein Nebeneffekt dieses Preisdrucks: Auf Seiten der Einkäufer verhandeln oft nicht mehr Ingenieure über Aufträge, sondern Kaufleute. Sicherheitsrelevante Kompetenzen und Leistungen würden unterbewertet, vorbeugende Instandhaltung würde zu einem Fremdwort, weil Arbeiten nur noch unter höchstem Zeit- und Kostendruck ausgeführt würden, kritisiert Nettelstroth.

Der Preisdruck trifft die ganze Branche, aber nicht alle Unternehmen sind ihm in gleicher Weise ausgesetzt. Besonders betroffen sind vor allem jene Rohrleitungsbauer, die nur ein Produkt anbieten und die nicht über eine eigene Fertigung verfügen.

Auf den Essener Hochdruck Rohrleitungsbau (EHR) trifft beides nicht zu. Das weltweit aktive Unternehmen mit Werken in Essen und Dortmund sowie fünf weiteren Standorten in Deutschland und Süd-Afrika war früher eine Mannesmann-Tochter und hat jetzt, nach mehrmaligem Eigentümerwechsel, vorbehaltlich der Zustimmung des Kartellamtes – die Bilfinger Berger AG (Mannheim) als Gesellschafter.

Der EHR mit rund 900 Beschäftigten und einem Geschäftsvolumen von rund 150 Mio. € rüstet Kraftwerke (konventionelle wie nukleare) mit Rohrleitungssystemen und Komponenten aus und profitiert dabei vom aktuellen Boom im Kraftwerkbau. Zu den Kunden zählen aber auch Unternehmen aus Chemie, Petrochemie und der Stahlindustrie. Derzeit liefert die Firma, die noch immer vom Nimbus der früheren Konzernmutter Mannesmann profitiert, zusammen mit Babcock Borsig die Rohrleitungen für das Kernkraftwerk Olkiluoto 3 in Finnland.

Grundlage des Erfolgs ist moderne Technik, wie UP-Schweißautomaten, Orbitalschweißanlagen, eine Induktionsbiegemaschine mit modernen Wärmebehandlungseinrichtungen. Die in Jahrzehnten beim Mannesmann Anlagenbau entstandene Werkstoffverarbeitungstechnologie wird beim EHR konsequent weiterentwickelt. Zum Erfolg der Essener trägt auch ein ganzheitliches Konzept im Rohrleitungsbau bei: von der Planung über die Vorfertigung und Montage bis zur Inbetriebnahme und dem nachgeschalteten langzeitlichen Service kommt alles aus einer Hand. „Damit heben wir uns entscheidend von unseren Wettbewerbern ab“, sagt Geschäftsführer Ronald Diehl nicht ohne Stolz.

Das Unternehmen, das seit den 70er Jahren kontinuierlich schwarze Zahlen schreibt, konnte in den vergangenen Jahren Auftragseinbußen in einem Geschäftsfeld durch Wachstum auf anderen ausgleichen. So hat sich der EHR aus dem erdverlegten Rohrleitungsbau und aus dem Geschäft mit den Kommunen zurückgezogen und andere Geschäftsfelder erschlossen: Energietechnik und Petrochemie. Dabei profitiert das Unternehmen auch von den hohen Sicherheitsstandards in Deutschland. Der EHR ist derzeit zu mehr als 150 % ausgelastet und „der größte Player für Kraftwerkausrüstung in Europa“, so Diehl, der mit weiterer Konzentration in der Branche rechnet.

Zwei Rohrleitungsbauer in Nordrhein-Westfalen sind jüngst Opfer dieser Konzentration geworden, so Bernd Epping von der IG Metall Bezirksleitung NRW. Die Hans Esser, Gesellschaft für Industrie- und Rohrleitungsbau in Gelsenkirchen, ist insolvent. 300 bis 350 Stellen fallen weg, 150 bis 180 Beschäftigte könnten aber in eine neue Gesellschaft übernommen werden.

Und bei Kiel Montagebau in Wesseling bei Köln verhandelt die Geschäftsführung mit der IG Metall über eine Abweichung vom Flächentarifvertrag. Ohne diese Abweichung wäre eine Insolvenz unvermeidlich, meint Epping. Die Unterschreitung des Tarifniveaus sei aber nur dann sinnvoll, wenn andere Unternehmen nicht nachzögen. Auf Dauer erfolgreich seien nur Unternehmen, die strikt auf Qualität setzten. has

Ein Beitrag von:

  • Hartmut Steiger

    Redakteur VDI nachrichten. Fachthemen: Aus- und Weiterbildung, Studium, Beruf.

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