Karriere 31.03.2000, 17:24 Uhr

Die Arbeit in Grund und Boden reden

Rhetorik und Besserwisserei hemmen Arbeitsabläufe. Auch deutsche Unternehmen sind gegen die Endloskommunikation nicht gefeit.

Bis die Informations- und Kommunikationsgesellschaft ihre eigenen Kritiker produziert, war wohl nur eine Frage der Zeit. Die massivste Attacke gegen den Kommunikationswahn führten nun die Organisationssoziologen Jeffrey Pfeffer und Robert I. Sutton, beide Stanford-Professoren. „Smart Talk“ nennen sie das Übel, das immer mehr Unternehmen in den USA unterwandere: Statt zu Handeln, würden Kommunikation und Information zum Selbstzweck. Vier Jahre lang haben die zwei Wissenschaftler 100 US-Firmen untersucht und quasi querbeet in kleinen und großen Unternehmen aller Branchen die lähmende rhetorische Selbstinszenierung entdeckt. Mit ihrer Studie platzen die beiden Wissenschaftler mitten in die allgemeine Kommunikationseuphorie und kratzen am Effizienz-Nimbus heutiger Unternehmen.
Unter „Smart Talk“ verstehen die Forscher „einen überzeugenden Auftritt hinlegen, wohlgesetzt argumentieren, sehr beredsam sein, über einen reichen Wortschatz verfügen sowie interessante Informationen und Ideen vortragen.“ Doch was so eloquent daherkommt, könne katastrophale Folgen haben. Denn die „Smart Talker“ packten ihre Ideen in abstrakte Formulierungen und spezialisierten sich auf Kritik nach dem Motto „Sieger ist, wer am meisten Ideen rhetorisch abschießt“.
Bereits im Studium werden die Weichen falsch gestellt, behaupten Pfeffer und Sutton. Selbst die besten US-Business Schools vermittelten ihren Absolventen, dass es sich lohnt, „schlau daherzureden“. Der Slang der besten „Smart-Talker“ wird so zum Vokabular junger Karrieristen und Unternehmensberater. Im Traumberuf, heißt es bisweilen, sei mit klugen Worten mehr zu verdienen als mit Taten. Was die beiden Professoren nicht erwähnen: „Smart Talk“ entspricht offenbar dem Hahnenkampf-Instinkt. Denn Frauen sind in der verbalen Arena stark untervertreten. Sie fallen in Redeschlachten selten auf.
Sicher ist, dass der aggressive Rhetorik-Virus auch deutsche Unternehmen infiziert. Renate Mayntz, Organisationssoziologin und Professorin am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln, erinnert an Begleiterscheinungen der Privatisierung: „Heute wird das Personal offensichtlich darin geschult, ein beratungsintensives Klima zu vermitteln. Doch der Service wird dadurch nicht besser – im Gegenteil.“ Für Lutz Rachner, Projektmanager Kienbaum Executive Consultants in Hannover, liegt ein Problem auf dem harten Arbeitsmarkt. „Top-Vakanzen sind rar gesät.“ Das provoziert die rhetorische Selbstvermarktung. Heute würden sich auf Stellenanzeigen zunehmend Leute bewerben, die nur etwa 20 % des gesuchten Profils aufweisen. Selbstüberschätzung gehört zum Markt.
Bluff aber habe nur in jenen Unternehmen eine Chance, meint Rachner, deren Philosophie nicht stimme. „Smart Talk verfestigt sich nur in dem Maße, wie die Führungskräfte dies nicht selbst erkennen und dagegenhalten.“ Und nur jene Firmen seien gefährdet, bei denen Fehlverhalten nicht schnell und eindeutig auf die Gewinnmarge durchschlage. Naturgemäß tragen mittelständische Firmen ein geringeres „Smart-Talk“-Risiko, meinen unisono mehrere Unternehmensberater, die sich von Pfeffer und Sutton ohnehin falsch eingeschätzt fühlen. Ihre Arbeit sei nicht Reden, sondern Analysieren. „Schließlich sind wir es, die Unsitten wie verbales Ersatz-Handeln aufdecken“, erklärt Rachner. Ein geeignetes Diagnose-Instrument sei ein Management-Audit, mit dem auch die Kommunikationsqualität untersucht wird: Es wird geprüft, welche Führungskräfte mit wem in welcher Weise kommunizieren und inwieweit dies zum Unternehmenserfolg beiträgt.
Der Markt selbst produziert allerdings auch eigene Abwehrkräfte. „Solange der Wettbewerb klappt,“ erklärt Renate Mayntz, „wird er die Blase des schönen Scheins zerplatzen lassen.“ Dort allerdings, wo Monopole herrschen, gehe dieses Regulativ verloren. Noch scheint es nicht so weit. „Der Konkurrenzkampf in unserer Branche wird so beinhart, dass eine Ressourcenverschwendung tödlich ist“, behauptet Thomas Becki von Michelin Deutschland. Also bauen die Firmen gegen den Leerlauf vor. Das beginnt mit Postern, die in jedem Sitzungssaal aushängen und Richtlinien vorgeben wie „Den Dingen auf den Grund gehen“ oder: „Probleme konkret und nicht abstrakt fassen“.
Durch Umdenken auf allen Ebenen lasse sich die Kluft zwischen Handeln und Reden schließen, ermutigen deutsche Manager. Nach dem „Wie“ fragen und nicht nur nach dem „Warum“, lieber einen Misserfolg riskieren als gar nichts tun. In Schulungen müsse eine Philosophie des Handelns verbreitet werden. Oder aber in den Firmen müsse jedem Meeting ein schriftlicher Bericht folgen, der genau festhält, wer bis wann was macht. Pfeffer und Sutton fordern zusätzlich, dass Handlungsberichte allen Mitarbeitern zugänglich sind, um den gegenseitigen Leistungsdruck anzuspornen. Sie setzen auf verschärften Wettbewerb, während deutsche Manager auch in Anreizen, sich mit der eigenen Firma stärker zu identifizieren, eine kraftvolle Handlungsmotivation sehen. Bei Continental Airlines hat harte Überzeugungsarbeit die Wende geschafft, berichten Pfeffer und Sutton. Lächeln allein genügt nicht mehr.
In deutschen Unternehmen bleibt eine Prise Skepsis gegenüber den Thesen der Amerikaner. „Die Behauptungen sind sehr schwammig“, meint Becki. „Wahrscheinlich wird vieles überinterpretiert. Wenn es in Sitzungen um anderer Leute Projekte geht, wird das schnell als Gerede empfunden. Bei eigenen Projekten ist die Zeitwahrnehmung ganz anders. Da scheint jedes Wort wichtig.“ R. KUNTZ-BRUNNER
„Auweia, jetzt erzählt der schon wieder!“ Dampfplauderer und Wichtigtuer rauben ihren Kollegen häufig nicht nur den Nerv, sondern auch die Motivation.

Von R. Kuntz-Brunner
Von R. Kuntz-Brunner

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