Arbeitsmarkt 24.10.2003, 18:27 Uhr

Deutschland in der Altersfalle

Die Deutschen überaltern, junge Arbeitskräfte werden knapp, das soziale Netz brüchig. Eine Zukunft hat das Land nur, wenn es in Technologie und Ausbildung investiert und eine zielgerichtete Einwanderungspolitik betreibt.

Fast wie ein Fluch trifft es die meisten hoch entwickelten Gesellschaften: Wächst der Wohlstand, sinkt die Neigung, Kinder zu bekommen – die Gesellschaft schrumpft und überaltert.
Deutschland unterscheidet sich da nicht vom Rest der industrialisierten Welt – 1965 bekam jede Frau in (Gesamt-)Deutschland im Mittel noch 2,49 Kinder, stagniert dieser Wert jetzt seit Jahren bei fast 1,3. Nach gegenwärtigen Schätzungen des Statistischen Bundesamts werden in 50 Jahren nicht mehr wie heute 82 Mio. Menschen in Deutschland leben, sondern nur noch 70 Mio. oder weniger – und das selbst bei massiver Einwanderung.


Aufgegebene Läden, verlassene Straßen, schrumpfende Märkte für Spielwaren-, Getränke- und Jeanshersteller, um nur ein paar zu nennen, zugleich ein Dienstleistungs- und Pharmaboom – Viagra ist da nur die Spitze des Eisbergs.
Für den Arbeitsmarkt hat diese Überalterung fatale Folgen: „Jährlich schrumpft die Gruppe der Arbeitnehmer im Alter zwischen 20 und 40 Jahren um rund 400 000 Menschen“, so der Bielefelder Bevölkerungswissenschaftler Herwig Birg. Und dieser Trend ist für Jahrzehnte unumkehrbar.
Was heißt das für Deutschland? Was hat es für Folgen, wenn die Generationen fehlen, die in der Regel am innovationsfreudigsten sind? „Wenn der Faktor Arbeit als Wachstumsmotor ausfällt“, so Birg, „kann ein Land wie Deutschland seine Wettbewerbsfähigkeit nur über die konsequente Förderung von Bildung und neuen Technologien halten. Und dazu muss es alle Ressourcen mobilisieren.“
Doch diese Botschaft ist bei der Politik noch nicht angekommen. Nach wie vor, so klagte kürzlich Jürgen Todenhöfer, Ex-CDU-Abgeordneter und Vorstandsmitglied der Burda Media Holding, liegen die Sozialausgaben in Deutschland beim Sechsfachen der Bildungsausgaben. Und in der akuten Krise kürzt die Bundesregierung auch noch ihre Bildungs- und Forschungsausgaben.


Das Gegenteil macht Sinn: Denn bei alternder und schrumpfender Bevölkerung sinken auch die Staatseinnahmen: Deshalb, so Birg, „sollten wir uns jetzt auf““““““““s Wesentliche konzentrieren: die Ausbildung von Spitzenkräften und Eliten und die Förderung neuer Technologien.“
Erste Folgen der Überalterung und Schrumpfung der deutschen Gesellschaft zeichnen sich bereits heute ab: Immer weniger arbeitende Menschen müssen immer mehr ohne Arbeit, vor allem Rentner, finanzieren. Deshalb wird das derzeitige Rentendebakel in wenigen Jahren eine ungleich härtere Neuauflage erleben bis hin zu sozialen Konflikten: „Die höchste Brisanz der Überalterung“, so eine Prognos-Studie, „liegt in ihrer destabilisierenden Wirkung auf das System der sozialen Sicherheit.“
Doch es gibt auch andere destabilisierende Faktoren. Die Politik setzt derzeit, ohne es laut auszusprechen, auf die Zuwanderung, um Schrumpfung und Überalterung der Gesellschaft wenigstens hinauszuzögern. Eine unsinnige Erwartung, wie Statistiken zeigen.
Bei durchschnittlich 170 000 Menschen pro Jahr lag der Zuwanderersaldo (Zu- minus Abwanderer) während des letzten Jahrzehnts. Doch selbst wenn dieser Saldo auf 300 000 pro Jahr anstiege, würde sich die Schrumpfung der Bevölkerung – bei gleicher Geburtenrate – weiter fortsetzen.
Schlimmer noch: Die Gesellschaft würde auch weiter altern. Nach Berechnungen der Vereinten Nationen wäre für Deutschland eine Nettozuwanderung von unglaublichen 3,5 Mio. (!) jungen Menschen pro Jahr notwendig, um den Altersquotienten – das Verhältnis der Über- 60-Jährigen zu den 20- bis 59-Jährigen) stabil bei derzeit ungefähr 0,39 zu halten.
Doch der Preis wäre hoch: In spätestens 30 Jahren wären die Deutschen eine Minderheit im eigenen Land.
Der Preis wäre auch im engeren Sinne des Wortes hoch: Im Jahr 2001 kam eine Ifo-Studie zu dem Schluss, dass ein Zuwanderer pro Jahr ungefähr 700 ‰ (1419 DM) durch die Belastungen der Sozialsysteme kostet.
Angesichts knapper öffentlicher Kassen stellt sich somit die Frage, wie lange sich die Politik eine ungeregelte Zuwanderung noch leisten kann.
Zudem, so jüngst noch die Pisa-Studie, haben Schulabsolventen aus Zuwanderfamilien in der Regel schlechtere Abschlüsse als Kinder von Einheimischen. Unter diesen Bedingungen sind Kinder von Zugewanderten kein Ersatz für die abnehmende Zahl einheimischer Absolventen auf dem Arbeitsmarkt. „Die Unternehmen ahnen noch nicht einmal, was da auf sie zukommt“, vermutet Birg.
Die Alternative kann deshalb nur ein Gesetz sein, das die Zuwanderung bewusst begrenzt und Zulassungskriterien formuliert. Doch davor schreckt die Politik noch zurück – auch deshalb, weil das Gesetz eine Grundgesetzänderung nötig machen würde.
Doch selbst zaghafte Versuche wie die Greencard brachten bisher wenig: Statt der von der Bundesregierung erhofften 20 000 Informatik-Spezialisten kamen gerade mal 13 600.
Die Frage einer gesetzlich geregelten Begrenzung und Auswahl der Zuwanderer stellt sich aber immer dringender. Denn der stärkste Zuwanderungsdruck kommt aus den islamischen Gesellschaften des Nahen Ostens und des Mittelmeerraums – und er wird steigen. „Doch die Politik“, so Birg, „schläft hier vor sich hin.“
Vordergründig positiv an der Überalterung dürfte nur das zu erwartende Abschmelzen der Arbeitslosenzahl in Deutschland nach 2010 sein.
Was aber geschieht mit dem Kapitalmarkt, neben dem Potenzial an Arbeitskräften und der technologischen Kompetenz das dritte Standbein jeder Industriegesellschaft?
Birg etwa befürchtet, dass Kapital sich aus alternden Gesellschaften wegen fallender Rendite zurückzieht. Andreas Heigl, Analyst und Demograph bei der Hypovereinsbank, glaubt dagegen nicht, dass das zu Finanzierungsengpässen führen wird, weil es kaum andere Kapitalmärkte gibt, die mehr als 10 % bis 15 % des Anlage suchenden Kapitals aus alternden Gesellschaften sicher aufnehmen könnten. „An fehlendem Geld,“ so Heigl, „wird die Entwicklung neuer Technologien in Deutschland nicht scheitern.“
Dennoch besteht nach Studien der Deutschen Bank Research wie der Hypovereinsbank die Erwartung, dass die Attraktivität Deutschlands als Wirtschafts- und Anlageraum sinken wird, da sich das Wachstum ab 2015 wegen der demografischen Entwicklung auf dem niedrigen Stand von gut 1 % einpendelt. Zugleich wird der Fachkräftemangel die Arbeitskosten in die Höhe treiben, was zusammen mit fehlenden Absatzmärkten im Inland auf die Unternehmensgewinne durchschlägt.
Gewinner der Entwicklung scheinen die USA zu sein, die, gegen den Trend, eine Geburtenrate von fast zwei Kindern pro Frau aufweisen. Warum das so ist, ist umstritten. Ein Grund, vermutet Birg, könnte die fehlende soziale Absicherung im Alter sein: „Kinder dienen dann der Alterssicherung.“
Wenn das soziale Netz immer brüchiger wird, macht sich ja vielleicht auch Deutschland auf diesen Weg – für Birg der einzige, um langfristig mit der Schrumpfung und Überalterung der Gesellschaft fertig zu werden.
Mittelfristig aber, so auch der in Köln und Wien lehrende Volkswirtschaftler Bernhard Felderer, „hängt alles davon ab, ob es gelingt, trotz der zunehmend beharrenden Kräfte einer alternden Gesellschaft die Dynamik einer jungen Gesellschaft beizubehalten.“
Historische Vorbilder dafür gibt es keine. WOLFGANG MOCK

  • Wolfgang Mock

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