Arbeitsmarkt 15.09.2006, 19:23 Uhr

Deutscher Braindrain –  

VDI nachrichten, Hannover, 15. 9. 06, Fr – Im letzten Jahr wanderten mehr hoch qualifizierte Deutsche ins Ausland ab, als zurückkehrten. Von einem „Braindrain“ zu sprechen, wäre übertrieben, der wirtschaftliche Druck jedoch wird stärker.

Mobilität, Flexibilität, Wettbewerb – wer hat den Rhythmus des Erfolges nicht im Ohr, der jahrelang junge Menschen auf Zukunftskurs trimmen sollte! Nun also ziehen sie, unter ihnen besonders viele Bachelor und Master, die offenbar die Internationalität der neuen Abschlüsse nutzen. Insgesamt meldeten sich im letzten Jahr 145 000 Deutsche von ihrer Heimat ab. Gleichzeitig kamen 128 000 Auswanderer zurück.

Nun bricht genau die Stimmung aus, die viele Junge zusätzlich in die Ferne treibt: Schwarzmalerei und Pessimismus. Ganze 17 000 Deutsche hat das Land „verloren“ und schon wird im Statistischen Bundesamt von einem – wenn auch relativ betrachtet – „enormen Minus“ gesprochen. Weil erstmals die meisten (14 409) nicht mehr in die USA, sondern in die Schweiz abwanderten, scheint auch das Motiv der Flüchtigen klar: Sie suchen ein wirtschaftlich besseres Leben.

Falsch: Während 2005 knapp 0,2 % der Deutschen auswanderten, waren es mehr als doppelt so viele Schweizer: Jährlich verlassen rund 30 000 Eidgenossen das Dorado für Deutsche und nur 23 000 kehren zurück. Die Schwundquote ist also größer. Und die „Verlorenen“ sind meist gut ausgebildet – ein bekanntes Phänomen in vielen europäischen Ländern, wie eine OECD-Studie zeigt.

Zwar leben überdurchschnittlich viele Deutsche mit weiterführendem Abschluss in einem anderen OECD-Land (7 %), aber weniger als Iren (26 %), Engländer (15 %), Österreicher (14 %) oder Holländer (9 %). Und dass es in Deutschland besonders häufig junge Ingenieure, Informatiker und Wirtschaftswissenschaftler in andere Länder zieht, wie das Hochschul-Informations-System HIS in Hannover aufdeckte, ist nur auf den ersten Blick überraschend.

Viele von ihnen arbeiten in einem international agierenden Unternehmen und lassen sich von Deutschland „verschicken“. Auch Wissenschaftler, die sich im Ausland weiter qualifizieren oder dort forschen, brechen die Brücken zur Heimat meist nicht ab. So kehrten etwa 80 % jener, die 2004 von einer deutschen Wissenschaftsorganisation eine „Auslands-Förderung“ erhielten, innerhalb eines Jahres zurück, wie eine DAAD-Studie zeigt.

Der deutsche Braindrain scheint denn auch eher ein gefühltes, als ein reales Drama. Tatsache aber ist, dass Deutschland auch Wirtschaftsflüchtlinge produziert, wie Gabriele Mertens, Geschäftsführerin des Raphaels-Werk in Hamburg, bestätigt: Von 15 000 Auswanderungswilligen, die im letzten Jahr beim Raphaels-Werk Rat suchten, wollten 70 % aus beruflichen und wirtschaftlichen Gründen auswandern. Das deckt sich mit den Erfahrungen der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung der BfA, wie Sprecherin Sabine Seidler erklärt: Von den 8228 Deutschen, die 2005 langfristig in EU-Länder vermittelt worden sind, waren drei Viertel zuvor arbeitslos.

Wirtschaftlicher Druck lässt auch Architekten und Bauingenieure aufbrechen, wie Kolja Briedis vom HIS erklärt. Selbst nicht klassische Einwanderungsländer wie Spanien, Portugal oder osteuropäische Staaten locken deutsche Bauspezialisten mit attraktiven Gehältern. Briedis vermutet, dass viele von ihnen zurückkehren werden, wenn sie hier wieder gefragt sind. Ähnlich die Ärzte, die als jüngster deutscher Exportschlager ausschwärmen, umworben vor allem von Großbritannien und skandinavischen Ländern. Doch Wanderbewegungen haben meist mehrere Auslöser. So nehmen Ausreisewillige nicht allein berufliche Widrigkeiten, sondern auch Atmosphärisches besonders sensibel wahr. Viele beklagen etwa die soziale Kälte in Deutschland, berichtet Mertens.

Noch aber gibt es keine repräsentativen Verlaufsstudien. Das Statistische Bundesamt sammelt Daten der Melderegister, die keine qualitativen Angaben zulassen, sondern die Ab- und Zuwanderungen lediglich quantitativ registrieren. Die Tendenz zur endgültigen Heimatflucht könnte allerdings steigen. Denn die Göttinger Soziologin Claudia Diehl beobachtete, dass immer dann mehr Menschen endgültig im Ausland bleiben, wenn die Mobilität insgesamt zunimmt – und die wird kaum stagnieren.

Abwanderung wird ohnehin nur dann zum Problem, wenn die Zuwanderung aus anderen Ländern stockt. Die verheerenden Debatten um das deutsche Einwanderungsgesetz, Neonazi-Attacken oder arbeitslose „IT-Greencard-Besitzer“ wirken im Ausland allerdings nachhaltig prohibitiv – auch auf hoch Qualifizierte.

RUTH KUNTZ-BRUNNER

 

Von Ruth Kuntz-Brunner
Von Ruth Kuntz-Brunner

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