Verkehrssicherheit: Prüfingenieure im Einsatz 08.02.2013, 11:51 Uhr

Der Herr der Brücken ist Beamter in Stuttgart

Der starke Verkehr setzt Brücken mächtig zu. Deshalb werden sie alle paar Jahre auf ihre Tragfähigkeit überprüft. Das machen Prüfingenieure wie Michael Lutz zur Sicherheit der Autofahrer – und setzen sich dabei selbst großen Gefahren aus.

Prüfingenieur Michael Lutz ist der Herr der Bücken in Stuttgart. Ein durchaus gefährlicher Job.

Prüfingenieur Michael Lutz ist der Herr der Bücken in Stuttgart. Ein durchaus gefährlicher Job.

Foto: VDI nachrichten/Peter Ilg

Es regnet und ist neblig. Im Besprechungszimmer der Brückenprüfstelle Ludwigsburg sitzen drei Mann vor dampfend heißem Kaffee. Es sind Beamte des Regierungspräsidiums Stuttgart vom Referat 43 – Ingenieurbau. Zu dessen Aufgaben gehört die Überprüfung von Brücken hinsichtlich ihrer Verkehrssicherheit.

„Heute fahren wir zur Neckarbrücke“, sagt Michael Lutz. Der 27-jährige Bauingenieur ist Prüftruppleiter. Zu seinem Team gehören an diesem Tag ein Assistent, gelernter Straßenwärter und der Hubsteigerfahrer. Lutz legt das Übersichtsblatt der Brücke auf den Tisch. Sie ist Teil der A81 zwischen Heilbronn und Stuttgart, eine Bogenbrücke, 301 m lang, 20,22 m breit und 1 m hoch. Sie muss ganz schön viel ertragen: 100.000 Fahrzeuge donnern täglich über sie hinweg. Das stark gestiegene Verkehrsaufkommen, insbesondere der Schwerverkehr, setzen Bauwerken gewaltig zu.

Für 2800 Brücken zuständig

Die Neckarbrücke wurde 1940 erbaut. Damals mit einer Spur in jede Richtung. Mit zunehmendem Verkehr ist sie ausgebaut worden. Heute sind auf ihr drei Spuren plus Standstreifen in Richtung Heilbronn. Der Gegenverkehr rollt über die 1978 erbaute Brücke nebenan. Die Neckarbrücke steht aufgrund ihres Alters und ihrer Bauart unter Denkmalschutz: „Eine breite Bogenbrücke auf einer stark befahrenen Autobahn haben wir nur einmal in unserem Zuständigkeitsgebiet“, sagt Lutz. Darin liegen 2800 Brücken, verteilt auf Autobahn (700), Bundesstraßen (1100) und Landesstraßen (1000).

Die längste ist die Aichtalbrücke mit 1,1 km auf der B 27, die höchste die Kochertalbrücke mit 180 m an der A6. Geprüft werden die Brücken in regelmäßigen Abständen, alle sechs Jahre findet eine Hauptprüfung statt, wie bei der Neckarbrücke. Sie wurde 2004 umfassend instand gesetzt und hatte damals eine Zustandsnote von 2,5 bekommen. „Wir vergeben Noten nach dem Schulnotenprinzip zwischen 1 und 4“, sagt Lutz. Eine 3 bedeutet, dass der Zustand nicht bedenklich ist, mittelfristig jedoch Reparaturen vorgenommen werden müssen.

Lutz legt Übersichtsblätter, Zustandsberichte und Pläne auf einen Stapel, packt ihn und geht zum Prüffahrzeug. Das ist ein Kastenwagen, ausgestattet mit mobilem Internetarbeitsplatz, Schränken für Akten, Karten, Vorschriften. Und Werkzeuge für die Prüfung. „Wir prüfen handnah mit Werkzeugen und Messgeräten“, sagt Lutz. Daneben gibt es elektronische Verfahren wie Röntgen, Ultraschall, Endoskopie. Solche führen beauftragte Gutachter oder Materialprüfanstalten durch. Fundamente im Gewässer werden von Tauchern überprüft.

Als der Assistent zum Auto kommt und der Hubwagenfahrer signalisiert, dass auch er seine sieben Sachen zusammenhat, geht’s los. Inzwischen ist es 8.30 Uhr. Nach kurzer Fahrt über die Autobahn biegen die Fahrer auf die Landesstraße, dann in einen Feldweg ein und halten direkt unter der Neckarbrücke.

Wärme dehnt Brücken aus

Der Fahrer stellt seinen Hubwagen standfest auf Metallbeine. Lutz und sein Assistent steigen in den Korb und lenken ihn zu einem der zwölf Brückenlager. „Sie ermöglichen Bewegungen, die beispielsweise durch Temperaturschwankungen entstehen“, sagt Lutz. Wärme dehnt Brücken aus. Wären sie nicht gelagert, würde ein heißer Sommertag reichen, um sie einstürzen zu lassen.

Eine Teflonplatte sorgt für leichtes Gleiten zwischen den Lagern. Lutz misst die Gleitspalte und die Höhe der Teflonschicht, sein Kollege überträgt die Zahlen in ein Protokoll. Es gilt das Vier-Augen-Prinzip, auch wegen der Arbeitssicherheit. Vor einigen Wochen wurde die Brücke mit einem Untersichtgerät auf Risse visuell und durch Abklopfen mit einem Hammer überprüft. Das Fahrzeug stand auf der Standspur, die Prüfer in einer Gondel, die unter die Brücke fahren kann. Auch damals hat es geregnet.

Gefährlicher Job

Lutz ist Arbeiten im Freien gewohnt. Nach der Schule hat er eine Lehre als Zimmermann abgeschlossen, erst dann an der Hochschule für Technik in Stuttgart Bauingenieurwesen in der Fachrichtung konstruktiver Maschinenbau studiert. Dieser Schwerpunkt ist eine der beiden notwendigen Voraussetzungen für seinen Job. Die andere sind Teilnahme und Prüfung an einem Lehrgang für Ingenieure der Bauwerksprüfung. Bei den persönlichen Voraussetzungen für den Job nennt Lutz gute Hör- und Sehfähigkeit. Ein gutes Gehör ist wichtig, um Klänge beim Klopfen mit dem Hammer richtig deuten zu können. Und bloß keine Angst. Denn immer sind die Prüfer in Gefahr: dass sie abstürzen und was viel schlimmer wäre, dass ein Auto auf die Prüffahrzeuge knallt. Straßenwärter gehört zu den gefährlichsten Berufen überhaupt. Die Wintermonate sind die weniger gefährlichen für das Prüfteam. „Wir schreiben Berichte und planen die Arbeiten für das kommende Jahr“, sagt Lutz. Und es finden Prüfungen im Inneren der Brücken statt.

Bevor Lutz und seine Kollegen Feierabend machen, gehen sie in die Neckarbrücke, „um zu schauen, was uns morgen erwartet“, sagt Lutz. Oft leben Fledermäuse, Tauben oder andere Tiere in den künstlichen Höhlen – und hinterlassen ihren Kot. Im Inneren der Brücke ist es sauber. Acht gemauerte Wände übertragen die Drucklast der Fahrbahndecke auf die Bögen und von dort ins Erdreich. Etwa zehn Tage wird die gesamte Prüfung der Neckarbrücke dauern. Lutz geht davon aus, dass die Zustandsnote bei einer 2,5 bleiben wird. Drei Viertel aller Autobahnbrücken im Regierungsbezirk Stuttgart liegen zwischen 2 und 3. Nur drei sind in einem kritischen Zustand.

 

  • Peter Ilg

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