Interview: Arbeitszufriedenheit 12.08.2011, 12:08 Uhr

Der Frust steigt, Löhne und Loyalität sinken

Bei Deutschlands Arbeitnehmern schwindet Jahr für Jahr die Lust am Job, wie eine Untersuchung des Instituts Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen verdeutlicht. Dünne Personaldecken erhöhen die Verantwortungslast Einzelner, sinkende Reallöhne sorgen für weiteren Frust. Der Sozialwissenschaftler Marcel Erlinghagen, der an der Studie beteiligt war, erläutert, was dagegen zu tun ist.

VDI nachrichten: Die Arbeitsunzufriedenheit der Deutschen hat laut Ihrer Studie in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen. Worauf führen Sie das zurück?

Erlinghagen: Die Forschung hat noch einige Fragen zu klären, sodass wir aufgrund der vorliegenden Daten von Mutmaßungen ausgehen. Es ist anzunehmen, dass die Unzufriedenheit mit der veränderten Arbeitsorganisation zu tun hat: flache Hierarchien, mehr Verantwortung für den Einzelnen bei gestiegenem Leistungsdruck, vor allem auch als Folge ausgedünnter Personaldecken. Andere Faktoren könnten die schlechte Lohnentwicklung, insbesondere in den letzten zehn Jahren, ein Anstieg der subjektiven Angst vor Jobverlust sowie die schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf sein.

Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW) kommt bei der Analyse des Sozio-Ökonomischen Panels (SOEP), auf dem Ihre Erkenntnisse basieren, zu anderen Ergebnissen. Danach sind deutsche Arbeitnehmer sehr wohl zufrieden mit ihren Arbeitsbedingungen. Wie erklären Sie sich das?

Das IW bezieht Selbstständige mit ein, wir beziehen uns nur auf abhängig Beschäftigte. Zudem werden dort die SOEP-Daten erst ab 1994 ausgewertet. Wir starten hingegen bereits 1984. In der Tat hat die Arbeitszufriedenheit in den 80er-Jahren stärker abgenommen als in den 90er-Jahren – aber dennoch hat der Trend auch nach 1994 angehalten. Und nicht zuletzt legt das IW willkürlich drei Gruppen von Zufriedenheit fest, wodurch die Einteilung viel grober ist und die tatsächlichen Veränderungen nicht mehr zu erkennen sind.

Ist die Unzufriedenheit an wirtschaftliche Entwicklungen gekoppelt?

Es gibt Ausschläge, bei denen konjunkturelle Einflüsse sicherlich eine Rolle spielen. So entsprechen leichte Tendenzen nicht dem langfristigen Trend, aber über den gesamten Zeitraum betrachtet ist eine steigende Unzufriedenheit zu erkennen.

Warum ist die Arbeitsunzufriedenheit bei der Generation der über 50-Jährigen so groß?

Ältere kennen das Vorher und das Nachher, sie wissen also um die Entwicklung, sie haben sie miterlebt. Ältere vor 20 Jahren mussten nicht solch starke Veränderungen ihrer Arbeitswelt miterleben wie die jetzige ältere Generation. Außerdem hat man lange Zeit den Wert erfahrener Mitarbeiter nicht anerkannt, sie als wenig produktiv und als Klotz am Bein empfunden. Diese Negativstimmung hat sich entsprechend auf die Älteren übertragen.

Hoch Qualifizierte fühlen sich laut Ihrer Studie zufriedener als weniger gut Ausgebildete. Weil es Akademikern aufgrund vergleichsweise guter Entlohnung nicht an die Existenz gegangen ist?

Das mag eine Rolle spielen. Aber auch die Autonomie ist wichtig, wenn es um Arbeitszufriedenheit geht. Hoch Qualifizierte sind weniger fremdbestimmt und haben größeren Einfluss auf ihre Arbeitsumgebung. Aber unabhängig vom Qualifikationsniveau der Arbeitnehmer ist die Unzufriedenheit generell gestiegen, auch bei Akademikern.

Warum sind Arbeitnehmer in der Schweiz, in Finnland und Dänemark zufriedener?

In Umfragen zur Arbeitszufriedenheit sind Skandinavier immer mit führend. Das hat mit den wohlfahrtsstaatlichen Umständen einerseits zu tun, aber auch mit kulturellen Komponenten, wie bestimmten Antwortverhalten. Man könnte flapsig sagen: Die Deutschen nörgeln eher als die Dänen. Das erklärt aber nur einen Teil, denn der Zufriedenheitsabstand zwischen Dänen und Deutschen ist enorm. Schlechte Lohnentwicklungen, Verunsicherung von Belegschaften, der Versuch, den Arbeitsmarkt zu flexibilisieren und Regulierungen abzubauen, könnten den großen Abstand wohl am ehesten erklären.

Sind die Arbeitsmodelle skandinavischer Machart auf Deutschland übertragbar?

Es geht nicht darum, Modelle zu imitieren, sondern zu einem Vertrauen zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber zurückzukehren, das in den letzten Jahren zerstört wurde. Auch im Hinblick auf eine nachhaltige Personalpolitik und vor dem Hintergrund des demografischen Wandels ist die Wiederherstellung einer gesunden Vertrauensbasis ein wichtiger Aspekt. Es muss deutlich sein: Wir wollen keine Hire-and-fire-Strategie in Deutschland, dazu haben wir viel zu viele hoch qualifizierte Arbeitskräfte, die wir noch dringend brauchen werden. Die gute gesellschaftliche Grundlage der sozialen Marktwirtschaft ist in den vergangenen 20 Jahren leider bei vielen in Vergessenheit geraten.

Wer könnte sich an die Spitze einer Bewegung stellen, die für einen vertrauensvollen Umgang in den Unternehmen wirbt?

Es muss eine breite Front geben, weil ein verbessertes Arbeitsklima im Interesse aller ist. Ist das nicht der Fall, leiden Arbeitnehmer unter gesundheitlichen Folgen, Arbeitgeber unter rückläufiger Produktivität. Arbeitskräfte werden nicht mehr von heute auf morgen zu ersetzen sein. Weiterbildung ist nur ein Aspekt, um Mitarbeiter zu halten, mindestens ebenso wichtig sind Loyalität, die Verbindung von Familie und Beruf sowie Vertrauen.

. . . und eine bessere Entlohnung?

Auf jeden Fall. Wir verzeichnen seit Jahren rückläufige Reallöhne, unabhängig von ökonomischen Entwicklungen. Gute Arbeit spiegelt sich nicht in den Portemonnaies der Menschen wider. Das macht unzufrieden.

Ein Beitrag von:

  • Wolfgang Schmitz

    Wolfgang Schmitz

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Bildung, Karriere, Management, Gesellschaft

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