Arbeitsmarkt 25.03.2011, 19:52 Uhr

Das lange Leben der einfachen Jobs

Für ein Viertel aller Arbeitsplätze in der deutschen Industrie wird keine Ausbildung benötigt. In Unternehmen werden solche Arbeitsplätze selten bewusst geplant, obwohl sich diese Jobs dann als sehr langlebig erweisen.

In einer Wissensgesellschaft gibt es für Un- und Angelernte in der Industrie keine Beschäftigung mehr: Diese Auffassung ist in Deutschland weit verbreitet – aber sie ist falsch.

Im Jahr 2007, neuere Zahlen liegen nicht vor, gab es in der deutschen Industrie 2,184 Mio. Arbeitsplätze für Un- und Angelernte, so genannte Einfacharbeitsplätze, für die keine Berufsausbildung nötig war. Das ist gut ein Viertel aller Beschäftigten im Verarbeitenden Gewerbe.

In den vergangenen Jahren ist deren Anteil noch gestiegen und liegt über dem entsprechenden Wert im Dienstleistungssektor, wo nur gut ein Fünftel un- oder angelernt sind. Das zeigt eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Untersuchung des Dortmunder Industriesoziologen und Arbeitsforschers Hartmut Hirsch-Kreisen.

Obwohl An- und Ungelernte in der Industrie einen hohen und stabilen Anteil der Beschäftigten stellen, gelten einfache Arbeitsplätze als Auslaufmodell. Dafür sieht Hirsch-Kreinsen drei Gründe:

– In einer Gesellschaft, in der Bildung und Ausbildung „Voraussetzung für Aufstieg und Einkommen“ sind, sei Einfacharbeit bestenfalls eine Tätigkeit für jene, die aus dem (Aus-)Bildungssystem herausgefallen sind.

– In einer „alt-industrialisierten“ Gesellschaft wie Deutschland könne die Zukunft nur in neuen Technologien und wissensintensiven Tätigkeiten liegen.

– Beschäftigte auf Einfacharbeitsplätzen hätten keine Lobby, weder in der Politik noch bei Gewerkschaften.

Dabei erfolgt der Aufbau einfacher Arbeit keineswegs immer systematisch. In den Unternehmen würden solche Stellen selten für eine längere Dauer geplant, meist würden sie nur als „vorübergehend“ angesehen, sagt der Arbeitsmarktforscher Werner Dostal. Oft liege die Ursache für die Schaffung einfacher Jobs auf dem Arbeitsmarkt: Finden Unternehmen im Aufschwung keine passenden Mitarbeiter mit höherer Qualifikation, würden komplexe Aufgaben in einfachere Tätigkeiten zerlegt, um sie leichter besetzen zu können. Solche Jobs hätten dann meistens „ein zähes Leben“, beobachtet Dostal.

Seit 2004 nimmt Einfacharbeit wieder zu, nachdem sie in den zehn Jahren zurückgegangen war. Die Ursachen sehen die Forscher in den Hartz-Gesetzen, die den Druck zur Arbeitsaufnahme erhöhen und in der anspringenden Konjunktur. Am stärksten verbreitet ist Einfacharbeit im Mittelstand und in Unternehmen, die nur wenig vom Export leben.

Einfacharbeit dürfe aber nicht mit prekärer Beschäftigung verwechselt werden, warnen die Forscher. Zwar gebe es einen wachsenden Anteil an Leiharbeit, Teilzeit und geringfügiger Beschäftigung, doch seien mehr als 80 % der einfachen Arbeitsplätze unbefristet.

Typisch für einfache Arbeit ist der deutlich über dem Durchschnitt der Industrie liegende hohe Anteil an Frauen und an ausländischen Beschäftigten. Auch ist der Anteil der Beschäftigten ohne Schul- und Berufsabschluss überproportional hoch, allerdings werden Ungelernte häufig durch Beschäftigte mit einer Berufsausbildung verdrängt.

Dieser fachfremde Einsatz habe eine lange Tradition, so Arbeitsmarktforscher Dostal. In der Auto- und Elektroindustrie hätten schon immer viele Handwerker an den Fließbändern gearbeitet – möglicherweise Folge einer bewussten Rekrutierungsstrategie der Unternehmen.

Von den Arbeitsplatzverlagerungen in der Industrie waren Un- und Angelernte besonders betroffen. Inzwischen hat sich einfache Arbeit auf einem relativ hohen Niveau stabilisiert. Arbeitsforscher Hirsch-Kreinsen sieht darin ein Indiz, dass Verlagerungen wie auch Automatisierungen „teilweise“ ihre Grenze erreicht hätten. Einen weiteren Grund für das Überleben einfacher Arbeit sieht er in der Bildung von regionalen Unternehmensnetzwerken.

Unternehmen mit einem hohen Anteil von Un- und Angelernten seien ökonomisch keinesfalls schwach, meint Hirsch-Kreinsen. Wirtschafts- und innovationspolitische Maßnahmen sollten aber diesen nicht-forschungsintensiven Unternehmen helfen, „neue Technologien zu adaptieren“, Kooperationsfähigkeit mit wissenschaftlichen Einrichtungen zu fördern und sie systematisch in Förderprogramme einbeziehen.

Auch für die Beschäftigten könne einfache Arbeit akzeptabel gestaltet werden. Nach den Befunden der Forschungsgruppe von Hirsch-Kreinsen ist in der Industrie die unbefristete Beschäftigung mit tariflich gesicherten Löhnen „weit verbreitet.“ Und die Tätigkeiten selbst könnten auch für Un- und Angelernte so angereichert werden, dass sie weniger restriktiv wirken. HAS

Ein Beitrag von:

  • Hartmut Steiger

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