Arbeitsmarkt 06.07.2007, 19:29 Uhr

Boom an Bayerns Grenzen  

Die Arbeitslosenrate ist im freien Fall. Doch es gibt auch Probleme: Für manche Unternehmen wird es immer schwieriger, kompetente Mitarbeiter zu finden.

Wir haben kein einziges eigenes Produkt“, sagt Johann Weber, und wirkt dabei alles andere als beunruhigt. Grund dafür hat er auch keinen. Die Zollner Elektronik AG macht einen Umsatz im oberen dreistelligen Millionenbereich, wächst zweistellig, hat über 6400 Mitarbeiter und ist Deutschlands größter Dienstleister in Sachen Elektronikentwicklung und -fertigung, „weltweit die Nr. 14“, so Weber. Weber ist Vorstandsvorsitzender von Zollner, der Hauptsitz des Unternehmens ist in Zandt.

Zandt ?

Der kleine Ort Zandt ist nur einer von vielen im Landkreis Cham, in denen es derzeit boomt. In der Oberpfalz gelegen, am Übergang vom Oberpfälzer zum Bayrischen Wald, sind es nur gut 10 km bis zur Grenze nach Tschechien. „Vor gut 15 Jahren hatten wir noch eine Arbeitslosenquote von über 20 %, mittlerweile liegen wir bei 3,8 %“, so Klaus Schedlbauer, Wirtschaftsreferent des Landkreises.

Verantwortlich dafür sind Unternehmen wie Zollner, aber auch ein gutes Dutzend anderer, die zusammen mit einer systematischen Wirtschaftsförderung den Landkreis in den letzten Jahren hochgebracht haben. Viele von ihnen sind im Kompetenznetzwerk Mechatronik zusammengeschlossen.

Setzt man sich in sein Auto, sind die Bodenteppiche und der Dachhimmel mit hoher Wahrscheinlichkeit auf Maschinen aus Cham gefertigt, checkt man im Flughafen an einem automatischen Check-In-Schalter von Lufthansa ein, dann stammt der ebenso aus Cham wie die Formen für die Winglets an verschiedenen Boeing-Fliegern, darunter dem zukünftigen Dreamliner. Und wird man vom Bundespräsidenten in offizieller Mission überholt, dann stammt auch noch die kleine Fahnenstange vorn auf dem Kotflügel, an der seine Standarte prangt, aus dem Landkreis Cham.

Die Zollner Elektronik AG ist der größte Arbeitgeber, gut 3400 seiner Mitarbeiter sind im Landkreis beschäftigt. Allein im letzten Jahr ist das Unternehmen um über 24 % gewachsen. „Und das aus eigener Kraft“, so Weber, „zugekauft haben wir nie.“

Zollner liefert eine Palette von über 10 000 verschiedenen Elektronik-Produkten, von der Leiterplatte bis zum kompletten System, vom automatischen Check-In-Schalter über Lungenfunktionsmessgeräte und Banknoten-identifizierungssysteme. Die Kundenliste reicht von ABB bis Zeiss.

Aber auf keinem der Produkte ist der Name Zollner zu finden. „Wir machen unseren Kunden keine Konkurrenz „, so Weber, „wir wollen für unseren Kunden der Problemlöser sein und bieten dabei Unterstützung von der Entwicklung bis zum After Sales Service.“

Nur ein paar Kilometer entfernt, vorbei an satten Weiden und braunweiß gefleckten Kühen, liegt Rötz, Sitz der Maschinenfabrik Herbert Meyer. Das Unternehmen kommt aus dem Bekleidungsmaschinenbau, auch heute noch gibt wohl es kaum ein namhaftes Herrensakko, das nicht auf einer Fixiermaschine von Meyer bearbeitet wurde.

„Doch das ist so gut wie vorbei“, sagt Thomas C. Meyer, der das Unternehmen in der dritten Generation leitet. Heute entwickeln und bauen die 150 Meyer-Mitarbeiter vor allem Maschinen, mit denen unterschiedliche Materialien durch einen trocken aufgetragenen Klebstoff miteinander verbunden und in Verformanlagen zu Fußbodenteppichen oder Dachhimmeln von Automobilen gepresst werden.

„Im Moment läuft es super“, sagt Meyer. In der Halle steht eine Anlage, gut 24 m lang und 4 m breit. Kernstück ist die große Presse samt Aluminium-Werkzeug, mit dem die Autoteppiche in Form gepresst werden. Alle 60 s produziert die Anlage so einen komplett geformten Teppich. In den kommenden Tagen wird die Anlage auseinandergenommen, verpackt und an den amerikanischen Kunden verschifft.

Gut 70 % der Meyer-Produkte gehen in den Export, in die USA, die Türkei oder nach Indien und kaum eine Maschine gleicht der anderen: „Wenn ein Kunde was anderes haben will, dann bekommt er das“, so Meyer, „wir verstehen uns als Sondermaschinenbauer. Und unsere Kunden honorieren, dass wir ihnen zuhören.“

Drei Schichten, fünf Tage in der Woche brummt es in den Meyer-Hallen, neben den Maschinen für die Autoteppiche werden auch solche für die Fabrikation von Verbundstoffen, von technischen und medizinischen Textilien hergestellt.

Doch so rund wie das Geschäft jetzt läuft, lief es nicht immer. „Der Standort hat auch seine Probleme“, so Meyer, „es ist nicht immer leicht, gute Mitarbeiter, vor allem Ingenieure, zu finden.“

Fast 15 % der Beschäftigten sind Auszubildende, „und wenn einer gut ist, verlässt er uns und geht nach der Ausbildung auf eine Fachhochschule.“ Dazu aber verlässt er den Landkreis, denn Cham hat keine eigene Fachhochschule.

Meyer legt gleich noch ein zweites Problem nach: „Wir sind wohl auch der einzige Landkreis in Deutschland, der keinen Kilometer Autobahn hat.“

Das weiß auch Wirtschaftsreferent Schedlbauer. Immerhin wird jetzt die B85 im Landkreis ausgebaut. Doch trotz dieser Mängel, so Schedlbauer, ist der Landkreis Cham nach München und Regensburg mit einem Wachstum von 3,6 % die am schnellsten wachsende Region in Bayern.

Schnell wachsen will Christoph Mühlbauer nicht. „Wir wollen bei gleichem Umsatz vor allem den Ertrag verbessern.“ Sein Unternehmen, Mühlbauer Maschinenbau, ist mit seinen gut 100 Mitarbeitern in Runding, knapp eine Viertelstunde mit dem Auto von Cham entfernt, angesiedelt.

Mühlbauer stellt ganze Anlagen her, aber auch Wirbelsäulenimplantate oder die Formen für LKW-Spoiler und für die Faserverbund-Winglets an Boeing-Flugzeugen, seit jüngstem auch für den geplanten Dreamliner, die Boeing 787.

Mühlbauer will bewusst weg vom Sondermaschinenbau. „Wir sehen uns vor allem als Lohnfertiger. Und da aber als einer, der den gesamten Prozess von der Entwicklung bis zur Serienproduktion beherrscht.“ Sein Ziel: Einen wachsenden Anteil seines 12-Mio.-€- Umsatzes mit der Luftfahrtbranche zu machen.

Auch er kommt bei den Nachteilen der Region sofort auf den fehlenden Autobahnanschluss, wenngleich er als Lieferant für Medizintechnik-Zulieferer auch Vorteile hat: Viele dieser Zulieferer sitzen in der näheren Umgebung. Schwierigkeiten, Mitarbeiter zu finden, hat auch er, „insbesondere bei den Ingenieuren“.

Diesem Problem begegnen andere Unternehmen im Landkreis mit Ideen, die ihrer Zeit um einiges voraus sind. So hat die Firma Müller Präzision in Cham ihre 250 Mitarbeiter am Erfolg beteiligt – für einen Facharbeiter kann das ein Plus von bis zu 500 € im Quartal sein. „Mit der Einführung dieses „gain-sharing-Modells im vergangenen Jahr“, so Helmut Kärtner, Vertriebsleiter und Prokurist bei Müller Präzision, „sind Produktivität und Umsatz deutlich gestiegen“.

In den Hallen des Unternehmens summen die Maschinen. Müller Präzision fertigt vor allem Dreh- und Frästeile für die Automobilindustrie, zum großen Teil für BMW. Und das Unternehmen wächst und wächst. Schon wieder sind neue Maschinen bestellt, für die noch eine Halle von fast 3000 m2 entsteht, eine Gesamtinvestition von knapp 10 Mio. €.

Die Ziele sind hoch gesteckt. In diesem Jahr will Müller Präzision den Umsatz um 22 % auf 41,5 Mio. € steigern und plant Großes: 2016 will es die 100 Mio. €-Umsatzmarke knacken – und die Mitarbeiterzahl verdoppeln.

„Nur eins“, so Kärtner, „werden wir nie tun – Teile für Waffen liefern.“

Für die Region ist das angepeilte Wachstum nicht leicht zu verkraften, schon jetzt werden neue Mitarbeiter knapp. Die Unternehmen, so Schedlbauer, „qualifizieren intern ältere Mitarbeiter weiter, stellen dann weniger qualifizierte ein und bilden diese aus.“ Für beide Maßnahmen gibt es Fördermittel. Vor allem aber werden die Schüler aus den Schulen des Landkreises etwa durch Schulwerkstätten in den Unternehmen auf die beruflichen Möglichkeiten in und um Cham vorbereitet. Schließlich kooperiert der Landkreis zunehmend mit den Arbeitsämtern in Tschechien.

Am liebsten aber würden die Unternehmen ihre Mitarbeiter aus der Region rekrutieren. Die Fluktuation in den Unternehmen ist gering, die Bindung an die Region stark, die Unternehmen sponsern Volksfeste oder Fußballvereine und sind aus dem Leben der Region nicht wegzudenken.

Manchmal trifft auch Heimatverbundenheit auf Hochtechnologie: Gemeinsam haben einige im Kompetenznetz Mechatronik zusammengeschlossene Unternehmen der Region das Konzept für einen großen Hightech-Drachen entwickelt. Der soll in einem der nächsten Sommer zum ersten Mal in einer feuerfesten Haut beim Drachenstich in Fürth im Wald auftreten, einem jährlichen Volksschauspiel. WOLFGANG MOCK

  • Wolfgang Mock

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