Absolventen 01.03.2013, 17:00 Uhr

Bildung ist kein Garant für große Karrieren

Der Abschluss in einem ingenieurwissenschaftlichen Fach ist kein Freifahrtschein für die große Karriere. 16 % der Ingenieurabsolventen sind für die Tätigkeit, die sie aktuell ausüben, überqualifiziert, wie Wissenschaftler des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) ermittelten.

Karrierewünsche von Ingenieuren: Etwa 16 % müssen sich mit Jobs zufriedengeben, für die sie überqualifiziert sind.

Karrierewünsche von Ingenieuren: Etwa 16 % müssen sich mit Jobs zufriedengeben, für die sie überqualifiziert sind.

Foto: istockphoto

Frohe Kunde kam in dieser Woche aus dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB): „Die Situation der Hochschulabsolventen am Arbeitsmarkt hat sich weiter verbessert. Ihre Arbeitslosenquote sank von 3,5 % im Jahr 2006 auf 2,4 % im Jahr 2011.“ Gute Bildung sei eben der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit.

Aber ist sie auch Garant dafür, nach dem Studium auf einem adäquaten Arbeitsplatz zu landen? Nicht unbedingt, wie eine Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung ergibt, für die das ZEW Daten anderer Forschungseinrichtungen auswertete. Auch Absolventen technischer und naturwissenschaftlicher Studiengänge (MINT-Bereich) besetzen demnach Stellen, die geringer Qualifizierte ausfüllen könnten.

Bei den Ingenieurwissenschaften beträgt der Anteil der überqualifiziert beschäftigten Absolventen immerhin 16 %. Zum Vergleich: Etwa jeder vierte Absolvent der Sozial-, Geistes- und Wirtschaftswissenschaften hat fünf Jahre nach dem Studium einen Job, der keinen Hochschulabschluss erfordert. Bei Medizin- und Lehramtsabsolventen spielt Überqualifikation mit einem Anteil von 1 % bis 3 % fast keine Rolle.

„Es bleiben im MINT-Bereich je nach Fach 10 % und mehr der Absolventen, für deren Tätigkeit der Studienabschluss keine notwendige Voraussetzung darstellt. Sie kamen für die Unternehmen entweder für höher qualifizierte Stellen nicht in Betracht oder haben sich selbst dagegen entschieden“, erläutert ZEW-Mitarbeiterin Marianne Saam. Zweifelsohne seien Absolventen technischer Studiengänge gefragt. „Wir brauchen aber für die Besetzung hoch qualifizierter Stellen im MINT-Bereich nicht nur mehr Absolventen dieser Fächer. Vielmehr müssen wir genauer hinsehen, was die Unternehmen über den Studienabschluss hinaus von Bewerbern erwarten.“

Auffällig ist der deutliche Unterschied bei den Geschlechtern. Marianne Saam: „Während in den Ingenieurwissenschaften nur 13 % der männlichen Absolventen von Überqualifikation betroffen sind, liegt der Anteil bei den Absolventinnen bei 20 %.“

Ein fächertypisches Phänomen sei das aber nicht. Für überqualifiziert beschäftigte Frauen seien familienbezogene Gründe, wie die Nähe zum Partner, bei der Wahl des Jobs wichtiger als für Frauen in adäquater Beschäftigung.

Die ZEW-Wissenschaftlerin betont, dass überqualifizierte Beschäftigung keinen Nachteil für den Arbeitnehmer darstellen müsse. „Überqualifizierte sind zwar meist unzufriedener mit dem Tätigkeitsinhalt, der beruflichen Position und dem Verdienst als adäquat Beschäftigte, jedoch genauso zufrieden mit den Arbeitsbedingungen und zufriedener mit der Arbeitszeit und dem Raum fürs Privatleben.“ Andererseits gebe unter den Überqualifizierten etwa die Hälfte fehlende Jobalternativen und drohende Arbeitslosigkeit als Gründe für die Jobwahl an. Unter den adäquat Beschäftigten liege der Anteil bei einem Drittel.

Leidtragende des Verdrängungswettbewerbs sind oft Qualifizierte ohne Studium. Saam: „Selbst wenn eine Berufsausbildung für eine Tätigkeit ausreicht, kann es sein, dass Firmen die erforderlichen Schlüsselqualifikationen, wie analytische und sprachliche Kompetenzen, eher bei Hochschulabsolventen finden.“

Im internationalen Vergleich fällt die Überqualifikation in Italien (24 %) und Spanien (31 %) am höchsten aus. In Finnland ist nur jeder zehnte Hochschulabsolvent überqualifiziert.  Deutschland (16 %) liegt im Mittelfeld.  W. SCHMITZ

Von W. Schmitz

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