Fachkräftemangel in Deutschland 30.03.2012, 11:58 Uhr

Bewerbungsflut aus Portugal überschwemmt Schwäbisch Hall

Journalisten aus Südeuropa haben Schwäbisch Hall Tausende von Bewerbungen beschert. Sie waren vom Bürgermeister eingeladen und hörten vom Fachkräftemangel in der Region. Auf ihre Berichte in den Heimatländern folgten weit über 10 000 Bewerbungen vom Barmixer bis zum Ingenieur in Schwäbisch Hall. Die Mehrzahl kam aus Portugal.

Als Guido Rebstock am Morgen vor ein paar Wochen seinen Computer startete, gab es keinen Anlass, mit unerwarteten Ereignissen zu rechnen. Der Leiter der Arbeitsagentur Schwäbisch Hall ging von einem ganz normalen Tag aus. Normal bedeutet in dieser Region nicht, Arbeitslose zu verwalten. Denn rund 1000 offene Stellen gibt es im Arbeitsamtsbezirk Schwäbisch Hall, dem gegenüber stehen etwa 1900 Jobsuchende. Die Arbeitslosenquote ist mit 3,3 % eine der niedrigsten im gesamten Bundesgebiet. Die Arbeitslosigkeit unter den Jugendlichen liegt bei 1 %.

Deshalb investiert Rebstock seine Kraft vor allem in die Suche von neuen Mitarbeitern. Eine völlig unerwartete Lösung fand er an jenem Morgen in seinem E-Mail-Postfach: „Über Nacht waren mehr als 2500 Bewerbungen aus Portugal eingetroffen.“ Vom Barmixer bis zum Ingenieur war die gesamte Bandbreite an Berufen vertreten. Bis heute sind es weit über 10 000 Bewerbungen geworden. Und das allein, weil die Stadt sieben Journalisten aus Südeuropa eingeladen hatte.

Zweiter Weltmarktführerkongress in Schwäbisch Hall

Ende Januar fand in Schwäbisch Hall der zweite Weltmarktführerkongress statt. Aus gutem Grund: Im fränkischen Teil Baden-Württembergs gibt es Deutschlands größte Weltmarktführerdichte in Bezug auf die Bevölkerung. Das zeigt die Landkarte „Hidden Champions“, erstellt vom Leibniz-Institut für Länderkunde. Hohenlohe heißt die Region, und die bekannteste Firma dort ist der Spezialist für Schrauben und Dübel, Würth in Künzelsau. Zu diesem Kongress hatte die Stadt Schwäbisch Hall für drei Tage Journalisten aus Griechenland, Italien, Spanien und Portugal eingeladen, um über den Fachkräftemangel in der Region zu informieren. Das machte Guido Rebstock in einem Vortrag, Kammern, Verbände und Unternehmen schlossen sich an.

In allen Ländern wurde über das Jobwunderland Schwäbisch Hall berichtet. Doch aus Italien, Spanien und Griechenland kamen jeweils nur etwa zehn Bewerbungen. Das Gros traf aus Portugal ein. Und das lag nach Meinung von Rebstock an den Möglichkeiten von Social Media: „Der Artikel der Portugiesin wurde über Facebook von Freund zu Freund weitergeleitet. Das hat meiner Meinung nach die Flut an Bewerbungen aus Portugal verstärkt.“ Denn in Griechenland und Spanien ist die Arbeitsmarktlage ähnlich bescheiden wie in Portugal. Spannende Jobs, ländliche Idylle, Spitzenlöhne: Für Tausende Portugiesen war Schwäbisch Hall auf einen Schlag das Wirtschaftswunderland.

Schwäbisch Hall von Bewerbungen aus Portugal überrascht

Die meisten Bewerbungen landeten im Postfach von Guido Rebstock, andere bei der Stadt oder bei den Unternehmen, die an den Pressekonferenzen teilgenommen hatten und deren Namen in den Berichterstattungen erwähnt wurden. Auch der von Ziehl-Abegg, Hersteller von Ventilatoren und Antriebstechnik in Künzelsau. Achim Kiesel, Personalchef der Firma, war bei den Pressegesprächen dabei. Auch ihn hat die gewaltige Resonanz überrascht: „Innerhalb von drei Werktagen haben wir über 900 E-Mails erhalten.“ Insgesamt liegen dem Unternehmen nun rund 1500 Bewerbungen aus Portugal vor.

„Unter der ersten Welle haben etwa 90 Bewerbungen durch das Anschreiben oder eingescannte und mitgeschickte Abschlüsse auf eine Ingenieurausbildung hingewiesen“, drückt sich Kiesel vorsichtig aus. Denn die Qualität der Bewerber zu beurteilen, sei schwierig. „Zum einen ist Papier geduldig, andererseits wurden die Zeugnisse von uns unbekannten Hochschulen in portugiesisch ausgestellt.“ Übersetzen, recherchieren, informieren, das alles brauche nun seine Zeit.

Portugiesische Bewerber können ohne Probleme auch in Schwäbisch Hall arbeiten

„Ja, es gab auch schon Einstellungen, aber nur dort, wo so etwas rasch möglich ist, beispielsweise in der Gastronomie“, sagt Rebstock von der Arbeitsagentur. Bei Akademikern dauere das einfach länger. Zwischenzeitlich hat er vom Generalkonsul Portugals erfahren, dass es auch in Portugal ein Ingenieurstudium gibt, das dem unseren ähnelt. Allerdings seien die Abschlüsse nicht immer eins zu eins vergleichbar mit denen in Deutschland, was wiederum von der jeweiligen Hochschule abhängt.

Was die Arbeitserlaubnis betrifft, gibt es keine Probleme, denn Portugiesen dürfen aufgrund der Freizügigkeit des Arbeitsmarkts jederzeit in anderen Ländern der europäischen Union arbeiten. Rebstock indes wird nur die Bewerbungen von Arbeitslosen an Unternehmen weiterleiten, das waren etwa ein Viertel. „Wir wollen den portugiesischen Arbeitsmarkt nicht schädigen“, so seine Begründung. Für ihn ist das eine Stilfrage und eine der Moral.  

Ein Beitrag von:

  • Peter Ilg

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