Karriere 21.12.2001, 17:32 Uhr

Aussichtsreicher Job über den Dächern von Köln

Erst Maschinenbau, dann Musikwissenschaften studiert und schließlich technischer Leiter der Kölner Dombauhütte – Thomas Schumacher entschied sich für eine ungewöhnliche Karriere.

Im Selbstverständnis der Kölner ist ihr Dom natürlich das schönste und größte Kirchenbauwerk überhaupt. Aber schon im Ruhrgebiet – von Düsseldorf jetzt mal ganz abgesehen – sieht man das mitunter etwas profaner. Auch Thomas Schumacher – aus Herne stammender Ingenieur der Dombauhütte – spricht mit einer gewissen Nüchternheit von der Kathedrale, die ihm sein täglich Brot beschert.

„Wir können auch in der Mitte aussteigen und den Rest zu Fuß gehen“, macht Thomas Schumacher ein Angebot, ohne dass sein Gesicht verrät, was er von nicht schwindelfreien Besuchern hält, denen die Fahrt mit dem frei stehenden Lastenaufzug ins 45 m hoch liegende Dachgeschoss des Kölner Doms nicht ganz geheuer ist. Die Alternative, ein hastiger Gang über eine sehr enge Wendeltreppe, raubt zwar kurz den Atem und bewirkt einen inneren Drehwurm, aber der Weg lohnt sich. Denn zwischen den seit der Fertigstellung des Doms im neugotischen Stil des 19. Jahrhunderts wohl bekannten Türmen liegen die Dachstuhlhallen – mit Lagern und Werkstätten der Dombauhütte. Zu sehen ist dort auch die stählerne Dachkonstruktion: eine großartige Ingenieurleistung, die vor rund 140 Jahren als bedeutendste Stahlkonstruktion der Welt galt.

Und was macht ein Ingenieur heute am Kölner Dom? „Auf meiner Visitenkarte steht ,Technischer Leiter’ und theoretisch sind mir die Nebengewerke zugeordnet. Dazu gehören Maler, Schlosser, Schreiner und Schmiede sowie die Gerüstbauer und Elektriker, erklärt der 45-jährige Maschinenbauingenieur mit der Vertiefungsrichtung Werkstoffkunde. Aber die Aufgabenbereiche seien nicht mehr so klar definiert, zumal sich im Laufe der Zeit informelle Zuständigkeiten entwickelt haben, wie etwa die Steinkonservierung. Sein Wissen in diesem Bereich vermittelt Schumacher inzwischen als Dozent der FH Köln an Studierende im Fachbereich Restaurierung.

Eher lästige Pflicht ist es, für die sachliche Richtigkeit der eingehenden Rechnungen verantwortlich zu sein. Die Kölner Dombauhütte greift trotz ihrer insgesamt rund 80 Beschäftigten, darunter etwa 60 Handwerker, immer wieder auf Fremdfirmen zurück, um anstehende Arbeiten zu erledigen. Über die dabei zu berücksichtigenden Prioritäten hat Thomas Schumacher so seine eigenen Vorstellungen, die sich nicht immer mit denen seiner Vorgesetzten decken. Seine Meinung vertritt er nicht zuletzt als Angestelltenvertreter im Betriebsrat der Dombauhütte, denn, obwohl das Domkapitel für klare Verhältnisse sorgen möchte, ist die Hütte nicht eindeutig ein Kirchenbetrieb mit den damit verbundenen gesetzlichen Regelungen. Der Betriebsrat besteht seit 1947, ist somit älter als das Betriebsverfassungsgesetz, erzählt Schumacher, und dass die 1825 gegründete Dombauverwaltung zunächst von preußischen Baubeamten geleitet wurde – der entscheidende Ausbau des Doms also unter staatlicher Federführung erfolgte.

Thomas Schumacher fand seinen Weg in diese auch heute noch zwischen Staat und Kirche schwebende Institution über sein Zweitstudium der Musikwissenschaft, Kunstgeschichte sowie Wirtschafts- und Technikgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum. Wie das Leben so spielt, hielt der Archivar der Dombauhütte ein Seminar über die Vollendung des Kölner Doms im 19. Jahrhundert. Ein Thema, was Schumacher in technischer Hinsicht interessierte. „Ich dachte, daraus könnte vielleicht ein Zeitschriftenartikel werden, bin nach Köln gefahren und habe damit begonnen, das komplett vorhandene Archiv aus preußischer Zeit zu sichten“, berichtet Schumacher. Dieser Ausflug endete dann als langjähriges Dissertationsprojekt, mit dem Schumacher 1988 zum Dr.-Ing. promovierte. Aber bereits vorher trat er die ihm angebotene Stelle in der Dombauhütte an, die jemanden für das Grobe und die Technik gebrauchen konnte, wie es damals hieß.

Eine eigens für die Werkstatt der Steinmetze konstruierte und gebaute Absauganlage für Quarzstäube mit großer Leistung und wenig Lärm, ist allerdings die einzige ingenieurmäßige Arbeit im engeren Sinne, die Schumacher seitdem verwirklichen konnte. Im Dom selbst gibt es aus seiner Sicht mehr – versteckte – Technik als unbedingt nötig wäre, wozu natürlich nicht die Blitzschutzanlage gehört, die er gerne bald erneuern würde. Der alte, eigentlich mobile, inzwischen jedoch seit fast 30 Jahren an derselben Stelle stehende Handwerker- und Lastenaufzug, wird auch irgendwann ersetzt. „Aber gefährlich ist es da im Moment nicht, und das dazu gehörige Gerüst wird noch lange da bleiben, weil es unser Hauptverkehrsweg noch oben ist.“

„Ich weiß zwar nicht, was ich will, aber ich weiß, was ich alles nicht möchte. Der Rest, der übrig bleibt, führt einen dann irgendwo hin“, beschreibt Schumacher sich selbst und bestätigt, wohl kein typischer Ingenieur zu sein. „Mein Vater ist so ein alter, pensionierter Kraftwerksingenieur. Und wenn er früher Berufskollegen traf, dann haben die nach kurzer Zeit die Werkzeugkiste rausgeholt, und dann ging es darum, welches Ventil nun schon wieder undicht war oder so etwas, weil sie nur diese Themen beschäftigten. So bin ich nicht“, konstatiert Schumacher. Und wenn er gelegentlich Ingenieurfakultäten von Universitäten besucht, dann stellt er immer wieder fest: „Da liegt so ein gewisser Stallgeruch über dem Ganzen – und den habe ich nicht.“

Neulich wunderte sich der Arbeitsmediziner auf seiner jährlichen Runde über den immer noch fehlenden Computer in Schumachers Büro. Immerhin ein Arbeitsmittel, das heute eigentlich wie selbstverständlich zum Arbeitsalltag der Ingenieure gehört. Doch Thomas Schumacher sagt: „Ich empfinde es als großes Privileg, weder einen Rechner noch ein Handy haben zu müssen. Schließlich würde ich hier ja auch nicht arbeiten, wenn ich ein typischer Ingenieur wäre.“

MANFRED BURAZEROVIC

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