Karriere 14.05.2010, 19:46 Uhr

Arbeitgeber gewechselt – Job behalten

Viele Unternehmen sind vorsichtig bei Neueinstellungen. Das ist die große Chance für Ingenieurdienstleister. Durch den Trend zum Outsourcing ist im Laufe der Zeit ein eigener Wirtschaftszweig entstanden: Ingenieurdienstleister stellen das Know-how ihrer Mitarbeiter Kunden zur Verfügung – sei es kurzfristig, wenn es brennt oder auf Dauer als strategischer Partner.

Der Arbeitsplatz von René Schönherr ist ein Versuchsfahrzeug der Oberklasse. Der 30-Jährige arbeitet seit April 2008 bei einem Fahrzeughersteller in der Forschung. Hier entstehen die Autos von morgen, und Schönherr erforscht und entwickelt aktive Sicherheitssysteme, zuletzt arbeitete er an einem elektronischen Ausweichassistenten. Das neue Projekt ist wieder streng geheim. Schönherr, der technische Informatik studiert hat, ist für seinen Job ins Schwabenland gezogen. Er arbeitet in einem Team von sechs Forschern, vier vom Fahrzeughersteller selbst und zwei vom Ingenieurdienstleister TZM, dem Arbeitgeber von Schönherr.

TZM steht für den Transfer von Wissenschaft in die Wirtschaft. Etwa zwei Drittel der 80 Mitarbeiter sind im Engineering bei den Kunden tätig, die vorrangig aus der Automobil- und Automatisierungsindustrie kommen. Im zweiten Geschäftsbereich, der Softwareentwicklung, arbeiten die Beschäftigten in der Firmenzentrale in Göppingen. In der Softwaresparte hat sich TZM auf die Medizintechnik spezialisiert.

Schönherr ist seit fast zwei Jahren ununterbrochen beim gleichen Kunden seines Arbeitgebers eingesetzt. „Wir werden wegen unserer fachlichen Fähigkeiten gebraucht und haben mit all der Organisation und Politik bei unseren Auftraggebern nichts zu tun.“ Deshalb können sich die vor Ort eingesetzten TZM-ler voll und ganz auf ihren Job konzentrieren. „Wir sind gleichberechtigte Projektbeteiligte und haben einen sehr guten Ruf im Unternehmen.“ Dennoch sind sie Externe, haben und pflegen deshalb besondere Beziehungen zu ihren TZM-Kollegen.

Tobias Streitberger arbeitet wie Schönherr im Geschäftsbereich Engineering und ebenfalls bei einem Kfz-Hersteller, allerdings in der Entwicklung. Der 31-Jährige ist seit 2004 bei TZM und testet Steuergeräte und Systeme, seit April 2009 ist er als Teamleiter zudem für die Betreuung seiner Kollegen vor Ort zuständig. In dieser Funktion vertritt er die Interessen von TZM gegenüber diesem Kunden und ist Ansprechpartner für seine Kollegen in organisatorischen Dingen. Knapp 60 Mitarbeiter hat TZM im Geschäftsbereich Engineering. Es sind überwiegend Ingenieure, vereinzelt Naturwissenschaftler. „Unsere Kunden wie Daimler, Bosch, Festo, aber auch deren Zulieferer, sind vorsichtig bei Neueinstellungen. Das ist unsere Chance als Ingenieurdienstleister“, so Streitberger.

Von neuen Mitarbeitern erwartet das Unternehmen im Engineering Grundlagenwissen in Elektrik und Elektronik, in der Softwareentwicklung Kenntnisse in net-Technologien. Projektmanagementkenntnisse sind in beiden Geschäftsbereichen notwendig. „Unsere Mitarbeiter müssen zuverlässig sein, Verantwortung zeigen und ein hohes Maß an Eigeninitiative mitbringen, weil sie beim Kunden oft allein auf sich gestellt sind und vieles rund um ihren Job selbst organisieren müssen“, zählt der Teamleiter auf. Die Kunden erwarten ihrerseits aktuelles Wissen, das sie womöglich selbst nicht haben, eigenständige Arbeitsweise und eine rasche Auffassungsgabe. Neue Engineering-Mitarbeiter von TZM werden vor der Einstellung beim Kunden vorgestellt. Erst wenn auch der Kunde zustimmt, kommt es zum Vertragsabschluss. Das Krisenjahr 2009 überstand TZM trotz eines Umsatzrückgangs ohne Stellenabbau, in diesem Jahr sollen rund 15 neue Ingenieure einstellt werden.

Frank Nußbäumer hat Luft- und Raumfahrt studiert. Dieser Disziplin ist er treu geblieben und hat vor zweieinhalb Jahren seinen zweiten Job bei einem Ingenieurdienstleister angenommen. Sein jetziger Arbeitgeber, die Bishop GmbH, ist als Ingenieurdienstleister spezialisiert auf die Flugzeugbranche. Nußbäumer ist als Berechnungsingenieur für Airbus in Hamburg eingesetzt, überwiegend vom Firmensitz aus.

Team- und Kommunikationsfähigkeiten nennt er als die wichtigsten persönlichen Voraussetzungen für seinen Job. „An einem Flugzeug arbeiten sehr viele Menschen aus unterschiedlichen Firmen und Ländern. Damit der Flieger am Ende tatsächlich abhebt und sicher landet, müssen sich alle Beteiligten gegenseitig verstehen, unabhängig davon ob das nun in der Standardsprache Englisch ist oder fachübergreifend.“ In dem Airbus-Projekt ist er schon seit vier Jahren von seinem früheren Arbeitgeber war er auch schon hier eingesetzt. „Ich habe zwar den Arbeitgeber gewechselt, den Job aber behalten.“ Das gibt es nur in dieser Branche.

Sein Job setzt ein sehr hohes Maß an Verantwortung voraus, denn im Flugzeugbau bewegt man sich im Grenzbereich des Materials. Das muss möglichst leicht und nur in der zwingend notwendigen Menge vorhanden sein. Alles andere würde Gewicht und damit einen höheren Treibstoffverbrauch bedeuten. Flugzeugbauer bewegen sich deshalb in einem Spagat zwischen Leichtigkeit und Kraft, die ein Bauteil tragen oder aushalten muss. Nußbäumer ist gerne und ganz bewusst in der mittelständischen Firma. In Konzernen ist ihm zu wenig Dynamik.

„Obwohl wir ein Mittelständler sind, haben wir Kunden in den USA, Russland, England und Deutschland“, sagt Peter Bishop, Geschäftsführer der Bishop GmbH Aeronautical Engineers, wie die Firma vollständig heißt. In der Krise musste er keine Mitarbeiter entlassen, und jetzt hat Bishop einige Aufträge an Land gezogen, deshalb wird die Firma expandieren. Von den 200 Mitarbeitern arbeiten etwa 185 am Stammsitz in Hamburg und in diesem Jahr werden wohl einige Ingenieure neu hinzukommen. Fachlich passen selbstverständlich Leute mit derselben Ausbildung wie Nußbäumer, mindestens ebenso wichtig ist für den Geschäftsführer die Motivation: Neue Mitarbeiter brauchen eine rasche Auffassungsgabe. Das macht eine Ingenieurdienstleistung aus.

PETER ILG

Ein Beitrag von:

  • Peter Ilg

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