Karriere 08.09.2000, 17:26 Uhr

Arbeit, die das Fernweh stillt

Youngsters träumen noch vom schnellen Auslandseinsatz, aber nach ein paar Jahren im Beratungsgeschäft vergeht manchem die Reiselust.

Das dürfte klar sein: „Man reist nicht drei Monate nach dem Einstieg in der ganzen Welt herum,“ dämpft Edgar Britschgi, Rekruiting-Chef von Andersen Consulting, die Erwartungen. Auch in anderen international agierenden Consultancies müssen Starter sich in Geduld üben. Renate Klebel von Cap Gemini Ernst & Young erklärt: „Berufsanfänger haben geringe bis gar keine Chancen, ins Ausland geschickt zu werden.“ Die Begründung der Personalreferentin leuchtet ein: „Sie müssen erst einmal die Methoden lernen.“ Der ideale Auslandskandidat der Beratungen hat interkulturelle Kompetenz und einen hohen Grad an Selbstständigkeit, ist extrovertiert, spricht die Landessprache des Einsatzortes verhandlungssicher – und beherrscht die Grundlagen des Beratungsgeschäfts. Das ist der Knackpunkt, denn bis es soweit ist, vergeht Zeit. Bei Andersen Consulting gilt die Regel: „Die Besten gehen nach 18 bis 24 Monaten ins Ausland. Meist in die USA, nach London oder nach Paris. Dort bleiben sie sechs bis neun Monate.“ Auch die Jungtalente in der Boston Consulting Group müssen erst eine Durststrecke überbrücken. „Wir haben ein Global Ambassador Program, mit dem jedes Jahr 60 Leute ins Ausland gehen, nachdem sie etwa zwei Jahre bei uns waren,“ erklärt Projektleiter und Recruiting-Director Andreas Gocke. Der Einsatz dauert rund eineinhalb Jahre. „Für Mitarbeiter, die mindestens vier Jahre bei uns sind, gibt es den sogenannten Transfer. Er ist normalerweise auf drei Jahre befristet.“
Renate Kelbel von Cap Gemini Ernst & Young bringt noch ein weiteres Argument gegen eine besonders frühe Entsendung: „Die Niederlassungen im Ausland haben normalerweise keinen Bedarf an Startern aus Deutschland.“ Sie hätten genug damit zu tun, die eigenen Greenhorns zu trainieren. Eine Ausnahme allerdings gebe es doch: „Wenn der Einsteiger irgendeine Fähigkeit hat, die dort niemand beherrscht.“ Das passiert zwar nicht gerade häufig, aber es kann vorkommen. „Wir haben zum Beispiel jemanden nach London geschickt, der Experte für Immobilienmanagement war,“ berichtet Gocke.
Wer nicht über gutes Expertenwissen verfügt, hängt also erst ein paar Jahre in der Warteschleife? Ganz so strikt sind die Beratungen dann doch nicht: Auch wenn man die Consulting-Tools noch nicht perfekt beherrscht, darf man doch gelegentlich das Fernweh stillen. Für ein paar Wochen, und an der langen Leine. „Wir schicken die Einsteiger zu einem internationalen Trainingsprogramm oder sie arbeiten bei einem Projekt in einem internationalen Team mit,“ erklärt Klaus Behrenbeck, Partner bei McKinsey & Company und verantwortlich für Recruiting und Events. „Eine projektbezogene Entsendung ins Ausland kann sehr schnell gehen,“ bestätigt Renate Kelbel von Cap Gemini Ernst &Young. Auch Andersen Consulting entlässt die Youngsters in Rahmen eines Projektes „für kurze Zeit“ ins Ausland und/oder schickt sie in das AC-Trainingszentrum in St. Charles bei Chicago. Im Rahmen von Projekten kommen „20 % bis 40 % der Einsteiger bei der Boston Consulting Group sehr schnell ins Ausland,“ informiert Andreas Gocke.
Für die anderen ergibt sich nicht sofort ein passender Einsatz – oder sie haben keine Eile. Bei Cap Gemini Ernst & Young hat man die Erfahrung gemacht, dass ein Projekteinsatz in der Ferne ein par Wochen nach Unterzeichnung des Arbeitsvertrags keineswegs immer auf Begeisterung stößt. Renate Kelbel hat Verständnis: „Eine projektbezogene Entsendung ins Ausland kann so schnell gehen, dass manche Leute damit Probleme haben. Sie haben sich gerade erst eine Wohnung gesucht, und dann sollen sie für zwei Monate nach Rumänien. Ausland – das sind ja nicht nur Standorte wie New York oder Tokio.“

New York, Rio, Tokio – oder eben doch das Einfamilienhaus

Die Mobilität der Mitarbeiter stärkt die Position im internationalen Wettbewerb. Das gilt für Beratungen wie für Industrieunternehmen. Daher achten die Consultants darauf, die latente Bereitschaft der Mitarbeiter zu fördern, später im Ausland zu arbeiten. Einsteiger in Unternehmensberatungen sind per definitionem flexibel und mobil. Sonst hätten McKinsey, Andersen Consulting und Co. ihnen keinen Vertrag angeboten. Doch im Zuge der Karriere verkümmert zuweilen die Reiselust. Der schnelle Projekteinsatz jenseits der Landesgrenzen verhilft den Neulingen nicht nur zu ersten internationalen Erfahrungen im Kerngeschäft, er gilt auch als Therapie gegen schwindende Reisebereitschaft.
Die Konkurrenz um die High Potentials ist extrem. Daher bemühen sich die Consultancies im Allgemeinen, auf die Vorlieben der Mitarbeiter Rücksicht zu nehmen. „Bei McKinsey kann man nach ein oder zwei Jahren für zwölf Monate oder länger ins Ausland gehen,“ erklärt Klaus Behrenbeck. „Man kann – aber es ist kein Zwang.“ Auch unter Consultants gibt es den konservativen Häuslebauer mit berufstätigem Lebenspartner, der die Landesgrenzen möglichst nur in der Ferienzeit verlässt. BRIGITTE THURN
Standortwechsel

Selbstmarketing ebnet den Weg zum Zuckerhut

Die Entsendung an den aus persönlicher Sicht falschen Standort lässt sich nicht immer vermeiden. Zwar versetzt eine Unternehmensberatung niemanden gegen seinen Willen, aber natürlich stellt sich die Frage, wie viel Widerstand gerade noch Karriere-verträglich ist. In größere Nähe rückt das Traumziel, wenn es nicht gerade der Standort ist, an den alle anderen auch wollen. Und wenn man nicht um Gründe gegen Einsatzort A bemühen muss, sondern nachweisen kann, dass man die beste Wahl für Einsatzort B ist. Wer lieber nach Rio möchte als nach Warschau, sollte nicht nur spätestens während des Studiums Portugiesisch gelernt und während eines Praktikums in Brasilien gute Kontakte geknüpft haben – er sollte auch dafür sorgen, dass sich sein Interesse an einem Domizil mit Blick auf den Zuckerhut bei den Entscheidungsträgern in der Beratung herumspricht. Karriere beruht auch in Consultancies nicht zuletzt auf Selbstmarketing. B. THURN

Von B. Thurn
Von B. Thurn

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