Porträt 16.11.2012, 19:56 Uhr

Andrey Rybalchenko: Leidenschaft für Software

Man kann junge ausländische Wissenschaftler ausbilden und sie wieder ziehen lassen. Man kann sie aber auch im Land halten. Genau das hat die Technische Universität München (TUM) gemacht, als sie vor zwei Jahren Andrey Rybalchenko an den Lehrstuhl für Theoretische Informatik berufen hat. Der Forscher russischer Herkunft entwickelt Analysewerkzeuge, um die Qualität von Software automatisch zu überprüfen.

Andrey Rybalchenko

Andrey Rybalchenko

Foto: Eckert / Heddergott

Es kann sein, dass Besucher, die einen Termin bei Professor Rybalchenko haben, denken, sie hätten sich in der Zimmertür geirrt. Im Büro sitzt ein junger Mann in Jeans und bedrucktem T-Shirt, der vor seinem iMac aufblickt und freundlich durch eine große Brille mit schwarzem Gestell lächelt. Der Forscher entspricht so gar nicht dem Klischee des gesetzten Hochschullehrers. Er ist locker und unkompliziert, und er schätzt flache Hierarchien. „Anfangs meinte so mancher, ich wäre Student“, bestätigt der 34-Jährige.

Verdenken kann man das seinen Professoren-Kollegen nicht, denn Andrey Rybalchenko sieht mindestens zehn Jahre jünger aus. Ihn fachlich zu unterschätzen, wäre jedoch ein Fehler. Der Computerwissenschaftler ist einer der führenden Experten, wenn es um Analysewerkzeuge für die Überprüfung der Softwarequalität geht.

Anstatt für Bosten entscheidet sich Andrey Rybalchenko für Saarbrücken

Aufgewachsen ist Rybalchenko in der Industriestadt Woronesch, rund 600 km südlich von Moskau. Bereits als Schüler hatte er ein Faible für Mathematik und Physik, bald kam die Leidenschaft für Software dazu. Fürs Studium wäre er gerne in die USA gegangen, aber daran war wegen der Kosten nicht zu denken, auch der Umzug in die russische Hauptstadt war nicht drin, die Studiengebühren waren einfach zu hoch. Also studierte er in seiner Heimatstadt Maschinenbau mit Schwerpunkt Informatik. Als ihm zwei Jahre später ein Schulfreund erzählt, man könne in Deutschland sein Studium mit einem Job als wissenschaftlicher Mitarbeiter finanzieren, beschließt er umzuziehen.

Diesen Entschluss hat er bis heute nicht bereut. Ebenso wenig, dass er nicht zum berühmten Massachusetts Institute of Technology (MIT) nach Boston gegangen ist, sondern nach Saarbrücken: „Gute Forschung gibt es nicht nur in den USA“, meint er. So hat er sein Studium in Deutschland fortgesetzt und sich unter anderem mit der Überprüfung von Software befasst. Dabei traf Rybalchenko auf den Informatiker Andreas Podelski, der am Max-Planck-Institut für Informatik in Saarbrücken eine Forschungsgruppe leitete – und später sein Doktorvater wurde. Schließlich kam er dann doch ins Ausland: Im Anschluss an seine Dissertation hat er als Gastwissenschaftler bei Microsoft, zunächst in Redmond (USA) und dann in Cambridge (Großbritannien) geforscht.

Natürlich hätte er bei der großen amerikanischen Firma bleiben können, doch der sportbegeisterte Informatiker, der die rund 15 km von der Münchner Innenstadt zum Garchinger Campus mit dem Fahrrad fährt, fühlt sich im universitären Umfeld sehr wohl, deshalb hat er sich für eine akademische Karriere entschieden.

Rybalchenkos Arbeitsschwerpunkt liegt in der der Sicherheit von Software

In seiner Arbeit steht die Sicherheit von Software im Mittelpunkt: Andrey Rybalchenko sucht Fehler im Code – und zwar mithilfe von Programmen. Denn Computersysteme sind nie perfekt, entweder ist der Systementwurf fehlerhaft oder beim Programmieren hat sich ein Fehler eingeschlichen. Klingt abstrakt, betrifft den normalen Menschen nicht? Irrtum: PC-Nutzer kämpfen damit täglich auf der ganzen Welt: etwa wenn am Windows-Rechner die Sanduhr einfriert oder das Mac-Windrad sich endlos dreht und das Programm nicht mehr auf Eingaben reagiert.

Versagt einmal ein Textverarbeitungsprogramm, sind die Auswirkungen begrenzt. Viel schwerer wiegen Software-Fehler in kritischen Anwendungen. Der Absturz der Ariane 5 im Jahr 1996 ist beispielsweise darauf zurückzuführen ebenso wie der Ausfall des Stromnetzes in den USA im Jahr 2004.

Ingenieure haben es leichter: Wenn sie beispielsweise eine Brücke planen, berechnen sie deren maximale Belastung. Doch was ist bei Software der Extremfall? Bislang behelfen sich die Entwickler damit, die Reaktion eines Programms mit einer Reihe von Eingaben zu simulieren. „Sie können aber nicht alle möglichen Situationen testen, das würde sehr, sehr lange dauern“, sagt Rybalchenko.

Eines der Projekte seiner vierköpfigen Arbeitsgruppe ist die „Hilbert’sche Würstchenfabrik“. Nicht dass die TUM-Informatiker in die Herstellung von Wurstwaren eingestiegen wären. Vielmehr arbeiten sie an einer Software, die Werkzeuge liefert, um Programme verifizieren zu können. „Es ist wie beim Kochen: Ich gebe das Rezept vor, darin sind die Zutaten aufgelistet, in dem Fall die mathematischen Gleichungen, welche die Verifikationsalgorithmen beschreiben. Am Ende kommt statt eines Gerichts ein passendes Analysewerkzeug für den Programmierer heraus. Damit kann dieser dann die Qualität seines Programms überprüfen“, erläutert Rybalchenko.

„Technology Review“ kürt Rybalchenko zu einem der einflussreichsten Jungforscher

Der Name der „Würstchenfabrik“ ist eine Hommage an David Hilbert, einen der bedeutendsten Mathematiker des 20. Jahrhunderts. Inzwischen hat ein „Würstchen“ die Hilbert’sche Produktion verlassen und eine erste Bewährungsprobe bestanden. In einem Internationalen Wettbewerb (TACAS’ 2012 im estnischen Tallinn) hat es in einer von sechs Kategorien die Bronzemedaille gewonnen.

Die Redaktion der „Technology Review“ jedenfalls ist überzeugt, dass der junge Forscher mit seiner Arbeit die Welt verändern könnte. Das Magazin des berühmten MIT hat den Wissenschaftler im Herbst 2009 zu einem der 35 einflussreichsten Jungforscher unter 35 Jahren gekürt. Kein Wunder, dass die Fakultät für Informatik alles daran gesetzt hat, den Top-Experten für die Verifikation von Softwareprogrammen an die TUM zu holen. In München fühlt sich der Forscher längst heimisch: Die Biergärten in der Landeshauptstadt haben es ihm angetan.

Ein Beitrag von:

  • Eve Tsakiridou

    Eve Tsakiridou ist Journalistin und Podcasterin. Sie hat Biologie und Philosophie studiert und im Bereich Hirnforschung promoviert. Das redaktionelle Handwerkszeug lernte sie bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehören u.a. Technologie und Wissenschaft.

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