Bei BMW arbeiten viele Informatiker 08.03.2013, 22:00 Uhr

„1000 Bewerbungen für 40 Stellen“

BMW hat einen Wechsel von der klassischen Elektrik und Elektronik hin zur Informatik vollzogen. Für diesen Paradigmenwechsel im Fahrzeug hat der Automobilbauer in den vergangenen drei Jahren 400 Informatiker eingestellt. Elmar Frickenstein ist verantwortlich für Elektrik, Elektronik und Informatik. Seine Vision ist die des autonom fahrenden Autos.

Elmar Frickenstein (2.v.li.) bei der Eröffnung eines neuen Kreativzentrums (Connected Drive Lab) in Shanghai.

Elmar Frickenstein (2.v.li.) bei der Eröffnung eines neuen Kreativzentrums (Connected Drive Lab) in Shanghai.

Foto: BMW Group

VDI nachrichten: Vor 25 Jahren haben Sie bei BMW in der Vorentwicklung Fahrwerks- und Antriebssysteme angefangen. Was gab es damals in der Automobilbranche für Informatiker zu tun?

Frickenstein: Ich habe an der Entwicklung einer elektrischen Hinterradlenkung mitgearbeitet. In einem anderen Projekt ging es um ein aktives Fahrwerk. Beides waren Neuentwicklungen und BMW wollte mit elektronischen Systemen Fahren sicherer und komfortabler machen. Dass Informatiker 1988 in der Automobilbranche einen Job in der Produktentwicklung hatten, war ebenso neu wie die beiden Systeme.

Wenn Sie Fahrwerks- und Antriebssysteme von heute mit damals vergleichen: Wie stark hat Informatik zugenommen?

Die benötigte Hardware nahm um den Faktor 10 bis 20 ab, der Softwareanteil ist signifikant gestiegen. Im Vorgängermodell des aktuellen 7-er hatten wir etwa 75 Megabyte Software installiert. Im aktuellen 7-er liegen wir bei einem Gigabyte. Als ich angefangen habe, zählten wir Lines of Code und hatten weder Methodik noch Tools für die Programmentwicklung. Heute werden die Anwendungen mithilfe von Werkzeugen und nach Standard-Methoden der Softwareentwicklung erstellt.

Was bewirkt Informatik im Auto?

Sie sorgt für Sicherheit, indem Unfälle verhindert werden. Sie liefert Entertainment und Infotainment. Sie sorgt durch effiziente Verbrennung in den Motoren für weniger Verbrauch und damit geringere Umweltbelastung. Ohne Elektronik und Informatik wäre das alles nicht möglich.

Was wird Elektronik und Informatik künftig leisten?

Der nächste Schritt wird wohl sein, dass Informatik hilft, das Auto zu einem IP-Knoten im Internet zu machen. Dahinter steckt die Vision, jederzeit über Teleservice zu wissen: Wie ist der Zustand des Fahrzeugs, muss ein Servicetermin vereinbart oder eventuell ein Teil getauscht werden? Wo steht es gerade, wo ist ein Parkplatz frei? Dort parkt es automatisch ein.

Meine Vision ist die, dass uns das Auto vor die Oper bringt und danach automatisch ins nächste Parkhaus fährt – und wenn die Oper aus ist, steht es wieder vor der Tür.

Was wird aus der Freude am Fahren?

Die steigert sich sogar. Wenn die Straßen frei sind, kann man in die Berge fahren und um die Kurven flitzen. Der Spaß am Fahren geht nicht verloren. Man vergeudet eben keine Zeit mehr mit Parkplatzsuche und Einparken.

Über verschiedene Aufgaben sind Sie zum Leiter Entwicklung Elektrik, Elektronik und Fahrerlebnisplatz aufgestiegen. Wie viele Mitarbeiter haben Sie?

Rund 1400, von denen 95 % Ingenieure und Informatiker sind. Innerhalb der vergangenen drei Jahre haben wir einen Paradigmenwechsel vollzogen: Es war der Wechsel von der klassischen Elektrik und Elektronik hin zur Informatik. In diesem Zeitraum haben wir rund 400 Informatiker und Software-Ingenieure eingestellt und mehrere Informatik-Standorte aufgebaut. Jetzt haben wir im Silicon Valley und in Schanghai Entwicklungszentren.

Vor einigen Jahren schon wurde der neue Bereich Car IT geschaffen und im vergangenen Jahr haben wir in Ulm ein neues Informatiker-Zentrum aufgebaut. Mit 60 Mitarbeitern haben wir angefangen, zum Jahresende werden es voraussichtlich doppelt so viele sein.

Wird der Anteil an Informatikern unter Ihren Mitarbeitern in den kommenden Jahren weiter steigen?

Deren Anteil liegt zurzeit bei etwa 40 %. Informatiker brauchen wir, um 1 Gigabyte Software fehlerfrei und sicher auf die Straße zu bringen. Mit dem Paradigmenwechsel ist der große Aufbau an Informatikern zunächst abgeschlossen.

Nähern sich die Disziplinen Elektrik, Elektronik und Informatik weiter an?

Sie liegen schon ganz dicht beieinander. Von einem Elektrotechnik-Ingenieur erwarte ich, dass er Software-Codes lesen und schreiben kann und er die Grundzüge des Softwareengineering beherrscht. Umgekehrt brauchen wir Informatiker, die das Verständnis für die Elektrotechnik haben. Nur aus beidem – der Elektrotechnik und Informatik – kann man neue Funktionen generieren.

Wissen Informatiker, dass sie in der Automobilbranche gebraucht werden oder denken die Absolventen eher an Firmen der IT-Branche?

Wir haben ehemalige Mitarbeiter von Apple, Google und Microsoft eingestellt. Informatikern ist wohl bekannt, dass Informatik in den Autos Einzug gehalten hat und sie dort einen spannenden Job machen können. An unserem neuen Informatik-Standort in Ulm erreichten uns für 40 offene Stellen 1000 Bewerbungen. Eingestellt wurden diejenigen, die zu BMW passen und die unsere Produktvision voranbringen können.

Wer passt als Informatiker zu BMW. Bedarf es spezieller Automotive-Kenntnisse, etwa in Softwaresprachen?

Nein, für den Einstieg reicht ein konventionelles Informatik-Studium, weil die Spezialisierung im Berufsleben erfolgt. Zu uns passt, wer Begeisterung für Automobile mitbringt, Kundenorientierung versteht und auch gerne mal „out of the box“ denkt.

Aus welchen Disziplinen stammen die Ingenieure in Ihrem Zuständigkeitsbereich?

Die meisten sind Ingenieure der Fahrzeug- und Elektrotechnik, des Maschinenbaus und der Kunststofftechnik. Elektrotechnik mit Schwerpunkt Hybrid ist eine gefragte Spezialisierung, ebenso Batterietechniken.

Spüren Sie einen Ingenieurmangel?

Es gibt in der gesamten europäischen Automobilindustrie einen Fachkräftemangel, besonders in Spezialisierungen wie Elektromobilität und Fahrzeugsoftware. Wir können den aber sehr gut mit der Attraktivität als Arbeitgeber und der Begeisterung für unsere Produkte kompensieren.  

Von Peter Ilg
Von Peter Ilg

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