Hardware 29.10.1999, 17:23 Uhr

Zeit der PC-Schnäppchen ist vorbei

Der scheinbar unaufhaltsame Preisverfall kommt ins Stocken. Als Grund wird gerne das Erdbeben in Taiwan genannt, doch war dies nur ein Faktor unter vielen, die derzeit Herstellern und Kunden das Leben schwer machen.

Es könnte sein, dass die simple Anschaffung eines PC, sei es als Weihnachtspräsent oder als hart kalkuliertes Produktivitätstool eines vernetzten Arbeitsplatzes, bis auf weiteres keine einfache Entscheidung mehr ist, sondern bis auf weiteres neuen, strategischen Überlegungen gehorcht. Der Grund: Die scheinbar unaufhaltsame Talfahrt der PC-Preise, wichtiger Indikator der „neuen“ IT-Ökonomie und ihrer rasant wachsenden Produktivität, ist gestoppt. Zumindest im laufenden, vierten Quartal 1999. Die bisher geltende Maxime: „Warte mit dem Kauf, bis alles besser und billiger wird“, ist außer Kraft gesetzt. Jetzt heißt es kaufen, was verfügbar ist. Die Schnäppchen sind aus den bunten Anzeigenserien gestrichen. Bestimmte Rechnermodelle sind nicht so lieferbar, wie bestellt, sondern mit stark revidiertem Innenleben.
Die Ursachen für diese Trend-umkehr sind komplex. Und sie werden, wenn man die Erklärungsversuche der Hersteller und Analysten im abgelaufenen Monat zurück verfolgt, laufend komplexer. Das verheerende Erdbeben in Taiwan vom 21. September, das die Technologieprovinz Hsinchu der aufstrebenden Hightech-Insel für eine geschlagene Woche außer Gefecht setzte, war natürlich der unmittelbare Auslöser der PC-Krise und hat sie wesentlich verschärft – einschließlich nervöser Ausschläge, ins Plus und Minus, des weltweiten Börsenbarometers.
Aber auch andere Ursachen tragen zur gegenwärtigen Verwerfung der PC-Märkte bei. Als erstes ist da die immens gestiegene Nachfrage nach PC. Sie liegt in diesem Quartal um glatte 80 % über dem des Vorjahres. Im bisherigen Verlauf des Jahres verzeichnet die PC-Konjunktur wieder einmal eigentlich traumhafte Zuwachsraten von 40 %. Insofern kein Ende des PC-Paradigmas.
Doch diese Umsatz- und Stückzahlzuwächse kommen mit immer schmaleren Gewinnmargen – und dementsprechend labiler Austarierung der Versorgungskette zwischen Hersteller und Komponenten- bzw. Chip-Lieferanten. Kein Wunder, dass es den US-Marktführer Dell Computer mit seinem kostengünstigen „Build-to-Order“-Geschäftsmodell und äußerst sparsamer Lagerhaltung an Komponenten besonders empfindlich getroffen hat.
Nun sind die großen Markennamen im Weltmarkt der PC, Compaq, Dell, IBM, Hewlett-Packard, Gateway und andere, durch langfristige Lieferverträge und günstige Konditionen abgesichert. Auch genießen sie Vorzugsbelieferung bei Engpässen in der Versorgungskette. Mehr auszustehen haben die kleineren PC-Hersteller Asiens und Europas. Sie stehen gegenüber den Nordamerikanern zurück. Auch das ist eine Verwerfung der Märkte.
Doch die zur Weltführerschaft drängende Firma Dell Computer wurde auch von einer anderen Facette der gegenwärtigen Versorgungskrise tangiert. Und zwar einer technologischen. Intels Chipsatz 820 („Camino“) zur Speichersteuerung der neuen breitbandigen Rambus-Architektur, seit dem Frühjahr angekündigt, wurde just im September nochmals bis zum Ende des Jahres verschoben. Ein harter Schlag für die Anwender. Über Nacht wurden Designänderungen aufgelegt, um die knappen Termine zu halten – unter empfindlichen Kosten und Verzögerungen. Viele PC des Weihnachtsgeschäfts werden ein anderes Innenleben haben als vorgesehen: mit langsameren Prozessoren (wie bei Apple) oder mit kleinerem Arbeitsspeicher und dafür umfangreicherer Festplatte (wie bei Dell). Alles, um die gewohnten Preispunkte zumindest optisch zu halten. Nischenanbieter, besonders in Europa, kommen um Preiserhöhungen nicht herum.
Der Preisanstieg der Dram-Speicherchips war allerdings schon im Juli und August erkennbar und im September geradezu dramatisch. Da zogen Standard 64-Mbit-Drams von 4,50 Dollar auf ca. 15 Dollar an: alles marktmechanisch rational im Vorgriff auf das heiße vierte Quartal. Das Erdbeben, obwohl zur Kurspflege der immer noch euphorischen Aktienbörsen publizistisch sorgsam genutzt, führte sofort zur Ausweitung der gefürchteten (weil teuren), doch zur kurzfristigen Notausregelung der Märkte wichtigen „Spotmärkte“ für Chips. Meist liefern die Chipmacher bis zu 10 % ihrer Produktion in diesen lukrativen Nebenmarkt. Da schossen nach dem 21. September die Dram-Preise auf 20 Dollar hoch. Inzwischen sind sie wieder knapp über 10 Dollar.
So weit, so gut. Die taiwanischen Hersteller von Chips und Computerplatinen sind nach eigenen Angaben „back to normal“. Sie können, bei 95 %iger Auslastung und mit Sonderschichten, wieder liefern. Ihre Verluste belaufen sich auf 300 Mio. Dollar. Die größte Chip-Auftragsfertigung („Foundry“) Taiwan Semiconductor Manufacturing Company verlor 23 000 Wafer im Wert von 84 Mio. Dollar. Insgesamt wurde das Produktionsvolumen von zwei Wochen vernichtet, durch strukturelle Schäden in der Diffusion und durch die einwöchige Rationierung der Stromversorgung.
Auf jeden Fall wollen die taiwanischen Hersteller ihre Position verstärken. Zur Zeit liefern sie nach Industrieschätzungen etwa 15 % der Weltmarktversorgung an Drams. Das führt die eindimensionale Rückführung der Dram-Preisanstiege auf das Erdbeben ad absurdum. Der unerwähnte Rest ist, wieder einmal, der plötzliche Umschlag von der Marktschwemme in die Knappheit, also der traditionelle Halbleiterzyklus.
Zumindest gilt das im Moment. Denn Taiwan ist auf dem Weg zum wichtigsten Foundry-Zentrum der Welt. Beim führenden US-Zulieferer für die Chipfertigung Applied Materials schätzt man, dass Taiwan schon im Jahr 2001 mehr Fertigungsequipment abnehmen wird als die USA. Im gleichen Zeitraum wächst laut Marktforscher Dataquest der Anteil der Halbleiterhersteller ohne eigene Waferfertigung („fabless“) auf 8 %.
Kritischer ist heute der Anteil taiwanischer Hersteller bei PC-Komponenten: Sie liefern 20 % aller Videokarten, 48 % aller Soundkarten und 31 % aller Grafikkarten. Bei den LCD-Bildschirmen für Notebook-Computer haben sie – neben Japan – einen Anteil von 33 %. Auch die LCDs sind wegen der hohen Nachfrage äußerst knapp und teuer. Noch dramatischer ist die Stellung der taiwanischen Anbieter bei den kompakten Notebook-PC. Sie erzeugen bereits die Hälfte der Weltmarkt-Produktion.
Wenn die Erweiterung der Produktion das vorrangige Ziel der taiwanischen Hersteller ist, dann gab das Erdbeben einen definitiven Anstoß zur territorialen Diversifizierung in seismisch sichere Gebiete. Und, wegen der schmalen Gewinne im PC-Geschäft zudem in Gebiete mit niedrigeren Kosten. Mit einem Wort: Festlandchina. Schon jetzt kommt ein Drittel der taiwanischen PC-Hardware vom billigeren Festland. Die Taiwaner sind die eifrigsten Hightech-Investoren dort. Trotz aller bürokratischen Hindernisse und des Säbelgerassels um die abtrünnige Provinz. Acer, einer der zehn größten PC-Hersteller der Welt, fertigt in China für IBM. Allerdings keine Highend-Notebook-PC. Da sind die Abnehmer, insbesondere in den USA, auf der Hut.
WERNER SCHULZ
Chip-Produktion auf Hochtouren: Nach Erdbeben-bedingten Ausfällen im September produzieren auch die Taiwaner wieder an der Grenze der Kapazität. Trotzdem bleiben die Speicherpreise derzeit auf hohem Niveau.
Computer-Käufer können nicht mehr damit rechnen, dass die PC ständig billiger werden.

Von Werner Schulz
Von Werner Schulz

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