Displays 15.08.2003, 18:26 Uhr

„Wer sagt denn, dass Glas nicht biegsam ist?“

Im Gespräch mit den VDI nachrichten erläutert der Physiker und Privatdozent Walter Rieß, Leiter der Displaytechnologie des IBM-Forschungslabors im schweizerischen Rüschlikon, die Hintergründe der Entwicklung eines der zurzeit größten Flachdisplays auf Basis organischer LEDs, so genannter OLEDs. International Display Technology (IDTech), eine Tochter von IBM Japan und der Chi Mei Optoelectronics, hatte den Prototypen eines 20-Zoll-Monitors in diesem Frühjahr vorgestellt.

Dünnfilmtransistoren, so genannte TFTs, aus amorphem Silizium, so die bisherige Expertenmeinung, lieferten nicht ausreichend Strom für die Ansteuerung organischer Displays. Dann kam in diesem Frühjahr die IBM-Tochter IDTech und präsentierte den zurzeit wohl weltgrößten OLED-Bildschirm – auf der Basis von amorphem Silizium (a-Si).
Obwohl jahrelang in der OLED-Forschung aktiv, überraschte die Ankündigung eines 20-Zoll-OLEDs von IBM die Fachwelt: „Wir sahen jetzt den Zeitpunkt für gekommen, unsere Arbeiten zu publizieren. Kleine OLED-Displays sind ja schon am Markt, aber der Trend läuft bei organischen Displays in Richtung großer Displayformate, wo sie ihre Stärken im Vergleich mit anderen Flachdisplays gut herausarbeiten können. Da sehen wir uns an der Weltspitze“, gibt sich IBM-Forscher Walter Rieß, Leiter der Displaytechnologie im IBM-Labor Rüschlikon, selbstbewusst.
Die heute noch üblichen klassischen Flachdisplays auf Flüssigkristallbasis arbeiten mit Spannungsansteuerung – und das funktioniert gut mit TFTs. Bei der Stromansteuerung macht da schon die Langzeitstabilität Probleme, so die gängige Meinung. Bis dann Forscher von IBM in Rüschlikon bei Zürich und Yorktown Heights neue Technologien entwickelten und das 20-Zoll-Display im Breitbandformat (WXGA) bauten.
Walter Rieß glaubt, dass IBM mit der Offensive im Frühjahr den richtigen Zeitpunkt erwischt hatte: „Auch IBM lebt davon, dass neue und innovative Produkte herauskommen. Sehen Sie, Kodak als Erfinder des ersten organischen Displays war immer sehr restriktiv mit seinen Informationen. Kodak ist erst relativ spät mit Publikationen an die Öffentlichkeit gegangen. Jetzt laufen Patente aus, ohne dass man spürbar von ihnen profitiert hätte: Das macht wirtschaftlich keinen Sinn.“
Große flexible OLED-Displays werden seriöse Großabnehmer wie die Fernsehgeräteindustrie wohl erst in der Zukunft finden. Dennoch nimmt IBM für sich in Anspruch, dass das IBM-Display die höchsten Anforderungen für professionelle Einsätze insbesondere bei Video- und TV-Betrieb erfüllt.
Bei IBM glaubt man, neben dem richtigen Zeitpunkt auch die richtige Anwendung für die neue OLED-Technologie gefunden zu haben, auch in Bezug auf die Schwächen des Systems, wie die Lebensdauer der blauen Farbkomponente. „Beim IBM-OLED-Display sind rote und blaue Pixel gleich stark gefordert. Damit bieten sich dauergenutzte HDTV-Anwendungen an. Hier altert dann keine Farbe mehr vorzeitig, der ‚Pixelstress‘ ist überall der gleiche“, erläutert Rieß.
Und damit sind die Primäranwendungen für den Anfang klar: Video und Fernsehen, erst später Anwendungen mit ungleich verteilter Pixelbelastung wie etwa bei High-End-Computern.
Die gesamte Lebensdauer des Systems wird unter anderem auch durch die Einkapselung bestimmt. Dafür eignet sich Glas hervorragend. Ein voll biegsames Kunststoffdisplay ist damit aber natürlich nicht möglich.
„Wer sagt denn, dass Glas nicht biegsam ist?“, fragt Walter Rieß, „Schott liefert heute schon mit seinem AF45 ein nur 45 µm dünnes Glas, das bis zu einem gewissen Grad flexibel ist. Insbesondere bei großflächigen Anwendungen wie HDTV kommt man um Glas nicht herum. Auf Plastik bereitet nämlich die Abscheidung von amorphem Silizium für die Ansteuerung Probleme.“
IBM greift auf eine lange Erfahrung zurück: 1995 begann das Unternehmen, an OLEDs zu arbeiten. Man untersuchte zunächst OLEDs mit Ansteuerungen aus kristallinem Silizium. 1999 wurde amorphes Silizium als Material in die Untersuchungen eingeschlossen, ein Jahr darauf bereits ein erstes Display realisiert.
Walter Rieß schaut hingegen in die Zukunft: „Für das Jahr 2006 rechnet man mit einem Displaymarkt, der mehr als 50 Mrd. $ beträgt. Man muss aber viel tun, um das investierte Geld auch wieder herauszubekommen.“ Obwohl sich natürlich auch die klassische LCD-Technologie noch weiter entwickelt, ist Rieß optimistisch, dass die OLEDs langfristig als Sieger hervorgehen werden. „In echte Marktkonkurrenz zu AM-LCDs wird die OLED-Technologie ab 2007 treten“, glaubt Rieß.
DELANO L. KLIPPSTEIN

20-Zoll-OLED-Prototyp
Der 20-Zoll-Prototyp von IDTech ist ein farbiges Aktivmatrix-Display mit einer Auflösung von 1280 x 768 Pixeln, ein so genanntes Wide-XGA-Format (WXGA). IDTech gibt einen Leistungsbedarf von 25 W an, ein marktüblicher, typischer 19-Zoll-LCD nimmt maximal rund 40 W auf. Der OLED erreicht eine Helligkeit von 300 cd/m2, maximal 500 cd/m2. dlk/swe

 

  • Delano L. Klippstein

  • Stephan W. Eder

    Stephan W. Eder

    Redakteur VDI nachrichten
    Fachthemen: Energie, Energierohstoffe, Klimaschutz, CO2-Handel, Drucker und Druckmaschinenbau, Medien, Quantentechnologien

Themen im Artikel

Stellenangebote im Bereich Produktmanagement

über MPS Personalberatung-Firmenlogo
über MPS Personalberatung Teamleiter Produktentwicklung (m/w/d) Wässrige Lacke / Beschichtungssysteme Großraum Stuttgart
Johannes KIEHL KG-Firmenlogo
Johannes KIEHL KG Produktmanager Dosier- und Applikationstechnik (m/w/d) Entwicklung der Systeme für Küchenhygiene, Textil- und Gebäudereinigung Odelzhausen (zwischen Augsburg und München)
XTRONIC GmbH-Firmenlogo
XTRONIC GmbH Requirements Engineer Bereich Kombiinstrumente (m/w/d) Böblingen
UROMED Kurt Drews KG-Firmenlogo
UROMED Kurt Drews KG Entwicklungsingenieur Medizinprodukte (m/w/d) Oststeinbek (Großraum Hamburg)
B. Braun Melsungen AG-Firmenlogo
B. Braun Melsungen AG Product Lifecycle Engineer (m/w/d) Berlin
MAXIMATOR GmbH-Firmenlogo
MAXIMATOR GmbH Sales Engineer / Vertriebsingenieur / Mitarbeiter im technischen Vertrieb (m/w/d) Lübeck
sigo GmbH-Firmenlogo
sigo GmbH Projektingenieur/in (m/w/d) Darmstadt
Süwag Vertrieb AG & Co. KG-Firmenlogo
Süwag Vertrieb AG & Co. KG Produktmanager (m/w/d) Elektromobilität und Solaranlagen Frankfurt am Main
NUKEM Technologies Engineering Services GmbH-Firmenlogo
NUKEM Technologies Engineering Services GmbH Project Engineer (m/w/d/x) Alzenau
Schischek GmbH-Firmenlogo
Schischek GmbH Entwicklungsingenieur Elektronik (w/m/d) Langen­zenn

Alle Produktmanagement Jobs

Top 5 Produkte

Zu unseren Newslettern anmelden

Das Wichtigste immer im Blick: Mit unseren beiden Newslettern verpassen Sie keine News mehr aus der schönen neuen Technikwelt und erhalten Karrieretipps rund um Jobsuche & Bewerbung. Sie begeistert ein Thema mehr als das andere? Dann wählen Sie einfach Ihren kostenfreien Favoriten.