Hardware 06.10.2000, 17:26 Uhr

Wenn“s kritisch wird, ist Mainframe Trumpf

Gewachsene und bewährte Anwendungen sowie die wachsende Leistungsfähigkeit von Großrechnern bei sinkenden Kosten halten Banken bei der Stange, wenn auch auf der mittleren Ebene Unix- und Windows-NT-Rechner an Boden gewinnen.

Banken sind in der Auswahl ihrer IT-Systeme eher konservativ. Hinter den Bankschaltern haben die alten Großrechner als Datenbank- und Transaktionsmaschinen in der so genannten Back-end-Verarbeitung nicht nur die Client-Server-Euphorie überlebt, sondern erfahren mit neuen Technologien eine Wiedergeburt. Auf der mittleren Ebene und in den Filialen haben sich allerdings Server mit dem Betriebssystem Unix respektive Personal-Computer unter Windows NT etabliert. „Ein Großteil der kritischen Anwendungen läuft bei uns auf dem Großrechner unter den Programmiersprachen Cobol und dem Transaktionssystem Cics“, sagt IT-Manager Frank Bühler von der Dresdner Bank. Und bei der Raiffeisen Zentralbank in Wien ist wie bei vielen anderen Banken die IT-Landschaft sehr heterogen, ein Großrechner bedient 25 RS/6000 – und einige Sun-Server sowie 160 NT- und OS/2-Rechner.
Warum konnten die Großrechner oder Mainframes gerade im Finanzwesen überleben? Die Frage ist einfach zu beantworten, denn neben den über Jahrzehnte gewachsenen Softwareanwendungen legen gerade Banken Wert auf höchste Verfügbarkeit ihrer IT-Systeme. Ein Ausfall von einer Stunde im Computersystem einer Bank oder Börsenhandel kann schon Ausfallkosten von 10 Mio. DM verursachen, Kreditkartenun-ternehmen rechnen mit 4 Mio. DM.

Ausfallsicherheit ist bei Geldgeschäften entscheidend

Technisch gesehen sind Mainframes als Enterprise-Server die bessere Alternative gegenüber Unix oder Windows-NT-Servern, so die Einschätzung der Giga Group, die eine vergleichende Untersuchung des Main-frames S/390 gegenüber Unix und Windows-NT-Rechnern durchgeführt hat. Danach habe der S/390 eine um den Faktor 10 bessere Erweiterbarkeit (Skalierbarkeit) gegenüber den Unix-Rechnern, und für Windows-NT-Computer ergebe sich sogar ein Faktor 100. Begründet wird dieses Ergebnis mit der effizienten Ausnutzung von Prozessorressourcen sowohl im symmetrischen Multiprozessing innerhalb eines Systems als auch in Clustern, also der Zusammenschaltung von mehreren Systemen. Weiterhin sei es die intelligente Art der Lastverteilung auf die einzelnen Prozessoren sowie die hohe Bandbreite der Ein- und Ausgangskanäle. Hinzu kommen Neuerungen des zugehörigen Betriebssystems wie ein Firewall, der unerwünschte Zugriffe vom Internet her ausschließen soll sowie die Unterstützung von Verschlüsselungsverfahren und digitaler Signaturen nach SET (Secure Elec-tronic Transactions).
Seit der Einführung von luftgekühlten CMOS-Prozessoren im Jahr 1994 wurde beim jeweils größten S/390-Modell eine Steigerung der Rechenleistung um den Faktor 20 erreicht. Damit einher geht der Ausbau in Sachen Netzwerkübertragungsbandbreite mit Lichtwellenleitern und Gigabit Ethernet-Netzen sowie mit Clustertechnologien.
IBM kann per Clustering bis zu 32 Rechnersysteme zusammenschließen und eine Verfügbarkeit von 99,999 % erreichen, entsprechend fünf Minuten Ausfallzeit im Jahr. Sollte ein Rechner ausfallen, übernehmen die anderen dessen Verarbeitungslast. Einer der europäischen Anwender eines solchen Systems mit vier Computern ist die österreichische Creditanstalt. „Wir sind in den letzten Jahren um 35 % jährlich gewachsen, entsprechend hat sich die Anzahl der Transaktionen mehr als verdoppelt“, weiß IT-Chef Roland Dippelreiter. Rund 7 Mio. Transaktionen repräsentieren 98 % der täglichen Kapazitätsauslastung, trotzdem bleibt die Antwortzeit unterhalb einer Sekunde. Mehr als 5000 Anwender arbeiten gleichzeitig am System. Derzeit steht die Ausweitung auf E-Banking über Intranet und Internet an.

Windows NT dominiert den Betrieb am Bankschalter

Etwa 40 000 Windows-NT-Computer sind in den Filialen der Dresdner Bank an die zentrale Datenbank angeschlossen. Das Rückgrat der IT ist aber auch hier weiterhin der Großrechner. Im Jahr 1997 beschloss die Bank eine Neuorientierung bei den Schalteranwendungen, weg von Arbeitsplatzrechnern mit dem Betriebssystem OS/2 hin zu Windows NT. Die Domänenarchitektur von Windows NT kann die Organisationsstruktur der Bank widerspiegeln und ermöglicht die zentral/dezentrale Verwaltung von Benutzern und Ressourcen.
Die Hypo Vereinsbank stellte bis Ende 1998 alle Schaltersysteme auf rund 40 000 Windows-NT-Rechner um. Eine wesentliche Motivation dafür war laut IT-Chef Jochen-Michael Speek das Software-Komponentenmodell (COM) in Windows NT, das den Einsatz wiederverwendbarer Komponenten in der bankeigenen Softwareentwicklung erlaubte. „Wir haben über 200 Mio. DM in die Entwicklung solcher Komponenten investiert und können nun durch die Wiederverwendung wesentlich schneller unsere Anwendungen entwickeln“, erläutert Speek. Und solche Komponenten werden nicht nur für Schalter- oder Kassenanwendungen genutzt, sondern auch für die Kommunikation der Filialsysteme mit der zentralen Datenbank DB2 auf dem Mainframe.
Anfang 1998 eröffnete die Commerzbank mit dem Projekt „P2000“ neue Vertriebswege im Privatkundengeschäft. Bei P2000 handelt es sich um eine Browser-basierende Intranet-Anwendung für Schalter-, Telefon- oder Internet-Banking. Hier setzte die Commerzbank auf eine komponentenbasierte IT-Architektur unter Windows NT mit dem Komponentenmodell COM. Herzstück ist eine skalierbare Server-Farm, die das Bindeglied zwischen den Großrechnern in der Frankfurter Zentrale und den per Intranet angebundenen Filial- und Call Center-Rechnern sowie den Internet-PCs der Homebanking-Kunden bildet. Per Component Object Model (COM) können interne wie externe Vertriebskanäle auf gemeinsame Main-frame-Services zugreifen.
Die lokalen Client/Server-Netzwerke in den Filialen und Call-Centers sind dabei über ein Wide Area Network (WAN) sowie die Internet-Protokolle HTTP und HTTPS angebunden. Analog zu dieser Intranet-Topologie greifen private Nutzer vom heimischen PC aus via Internet zu. Auf den Mainframes schließlich laufen die Transaktionen mit den rechtlich relevanten Datenbewegungen wie Kontoeröffnungen oder -buchungen. Heute hat P2000 im Beratungs- und Servicebereich des rund eintausend Geschäftsstellen umfassenden Filialnetzes täglich etwa 7500 Benutzer, die per Intranet an die Server-Farm angeschlossen sind. Und rund 15 000 Windows-NT-Arbeitsplatzrechner sind im Filialnetz installiert.
Die IT-Strukturen in der deutschen Bankenwelt sind damit auch für die kommenden Jahre praktisch definiert. Der Großrechner steuert nach wie vor die zentralen Transaktionen, Unix-Server bedienen die einzelnen Niederlassungen und Windows-NT- bzw. kommend Windows-2000-Rechner sind vorwiegend für die individuellen Arbeitsplätze zuständig. ACHIM SCHARF

Ein Beitrag von:

  • Achim Scharf

    Ingenieur Achim Scharf ist Fachjournalist für Technikthemen und schreibt u.a. über Automation, Elektronik und IT-Themen.

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