Spielkonsolen 03.09.1999, 17:22 Uhr

Spielen bis zum Stromausfall

Segas Spielekonsole Dreamcast soll alles übertreffen, was an Videospielen bisher möglich war. Die Marktführer Nintendo und Sony bleiben gelassen.

In den Messehallen unter dem Funkturm tobt der Kampf der Konsolen: Obwohl Sony Entertainment gigantischer auftritt als je zuvor, ist in der Spielhölle nur selten ein Terminal frei. Bei ohrenbetäubendem Lärm testen die Kids Baller- und Fantasy-Games. Der Renner ist die neue Version von Gran Turismo, dem Racing-Spiel, bei dem man auch mal mit dem Honda Civic über die Pisten heizen kann.
Noch angespannter ist die Lage bei Sega: Der gebeutelte Konsolenhersteller versucht mit Dreamcast, dem ersten Spielecomputer mit 128-bit-Grafikchip und Online-Verbindung, Boden gutzumachen. Die Neuvorstellung scheint den Freaks zu gefallen: „Da könnte ich den ganzen Tag vor spielen“, murmelt ein Hardcore-Gamer, der mit einem „Joystick“ in Form einer Angelrute gerade ganz im Trockenen fischt.
Wenige Schritte weiter haben sich, bei Nintendo im Gameboy, schnucklige Kleintiere eingenistet, die nur der Banause als „Pocketmonster“ bezeichnen kann: Eigentlich hören die in 150 Varianten antretenden „Tamagotchi-Nachfolger“, die sich füttern, trainieren und zum gemeinsamen Spiel „abrichten“ lassen, auf die Abkürzung „Pokémon“.
Die eigentlichen Stars der Funkausstellung sind längst nicht mehr Fernsehgrößen wie Thomas Gottschalk oder Harald Schmidt, sondern die Helden aus Computerspielen.
Spielesoftware und die dazugehörigen Konsolen, die ihnen eine virtuelle Heimat bieten, haben sich zu einer mächtigen Industrie entwickelt. Hinter den Kulissen läuft um die „Konsoleros“ ein Wettkampf mit allen Tricks aus der Marketingkiste ab. Nintendo hatte eine Woche vor der IFA bereits ein „Pokémon-Headquarter“ am Kudamm errichtet, Sony sponserte am vergangenen Wochenende das Popkonzert „The Dome“, und Sega schickt den reflektierenden „Dreamcast-Bus“ durch Berlins City. Jeder der drei Hersteller verspricht, die Spielewelten zu revolutionieren und mit immer leistungsfähigeren Kleincomputern die Schlacht um die Screens und die Geldbeutel zu entscheiden. Der Verband der Unterhaltungssoftware Deutschlands bezifferte die Ausgaben der Bundesbürger 1998 für Unterhaltungssoftware mit rund 3 Mrd. DM und etwa 1 Mrd. DM für die Konsolen. Allein Marktführer Nintendo erwirtschaftete im zurückliegenden Geschäftsjahr weltweit einen Reingewinn von 1,366 Mrd. Dollar, vor Sony und weit vor Sega.
Technisch gesehen hat Sega momentan die Nase deutlich vorn: Die 128-bit–Konsole Dreamcast kommt Mitte Oktober in den Handel und ist mit einem 200-MHz-Prozessor ausgerüstet. Damit ist die Box leistungsfähiger als so mancher PC. Die dreidimensionalen Bilderwelten sind realistischer als bei der Konkurrenz, der Hauptspeicher verfügt über 26 MByte. „Da können sich die Freaks und auch die Spiele-Entwickler so richtig austoben“, verspricht Kim Shon, Product Manager bei Sega Deutschland.
Als erste Konsole verfügt die 500 DM teure Box über ein 33.6er-Modem, was Dreamcast, so Shon, zum „ultimativen Unterhaltungsmedium des nächsten Jahrtausends“ werden lassen soll. Spieler können über die zum Europastart angekündigte Website „Dream Arena“ im Internet gegeneinander zum Autorennen antreten, E-Mails verschicken oder Tips beim Chat austauschen – falls die Bandbreite ausreicht. Sega setzt auch auf E-Commerce: Die Japaner wollen den Freaks über das Netzangebot Handbücher und Merchandise-Artikel anbieten.
Um eine virtuelle Spielergemeinschaft rund um Dreamcast anzusiedeln, will der Konsolenhersteller sogar den Onlineanschluß kostenlos zur Verfügung stellen. Dazu baut Sega in Deutschland auf ein Joint-venture mit Viag Interkom, das eine schnelle Netzinfrastruktur und Einwahltarife zum Ortstarif gewährleisten soll. Weiterhin setzen die Japaner auf einen Werbedruck von rund 180 Mio. DM, der die europäischen Spielefans wieder zu Dreamcast treiben könnte. „In Japan haben wir dank Dreamcast bereits über 1,2 Mio. neue Nutzer“, freut sich Sadahiko Hirose, Executive Vice President von Sega. Softwaremäßig laufen zunächst zehn Spiele auf der Maschine, bis Weihnachten sollen mindestens 14 weitere Titel folgen. Für ein Wiedersehen mit dem noch schneller gewordenen Rennigel „Sonic“ ist gesorgt, doch die Konkurrenz hat im wichtigen Lizenz- und Softwaremarkt die Nase vorn: Für Sonys Playstation gibt es über 700 Spiele.
Zudem haben sowohl Sony wie Nintendo neue Konsolengenerationen in der Entwicklung, die Dreamcast schon bald wieder alt aussehen lassen könnten. Die Playstation II wird ebenfalls ein 128-bit-Modell sein. Auftrumpfen soll sie mit der „Emotion Engine“, die virtuelle Realität vom nächsten Jahr an „erfahrbar“ machen will.
Auch auf Nintendos „Dolphin“ – ein zusammen mit IBM und Matsushita entwickelter Kleincomputer mit einem 400-MHz-Prozessor und Spielen auf DVD – werden die Spieler hierzulande noch etwas warten müssen: Frühestens zu Weihnachten 2000 könnten die mit dem kupferbasierten „Gekko-Chip“ ausgerüsteten Konsolen auf dem Gabentisch liegen. STEFAN KREMPL

 

Von Stefan Krempl

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